Blick auf den Esstisch

Haltepunkt Westtünnen: Start erstmal ohne Sicht- und Lärmschutz

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Am 10. Oktober eröffnet der Haltepunkt Westtünnen in Hamm. Wen das Stört? Die Anwohner - die bekommen ihren Sicht- und Lärmschutz zumindest vorerst nicht.

Westtünnen - Der neue Haltepunkt Westtünnen bietet Aussicht auf unzählige Bahnziele in die weite Welt und unter anderem auf den Esstisch der Familie Sporkert. Klar, Letzteres sollte so nicht sein. Wenn nach Jahrzehnten des Reifeprozesses die Bahnstation am 10. Oktober offiziell eröffnet wird, reichte die weite Zeitspanne von der Idee bis zur Umsetzung nicht, alle Arbeiten zu erledigen. Neben dem Lärmschutz fehlt für die direkten Nachbarn ein Sichtschutz. Auch nach Monaten verstärkter Bemühungen und Unterstützungen sind die Betroffenen nicht weitergekommen.

Haltepunkt Westtünnen: Start erstmal ohne Sichtschutz

Erst fingen die Arbeiten für den Haltepunkt an. Dann, „heimlich, still und leise“, sei der Bahnsteig in Richtung Dierhagenweg verlegt worden, sagt Rüdiger Sporkert verärgert über die Planänderung, an der er als direkt Betroffener nicht beteiligt worden sei. Dabei finden die Sporkerts den Haltepunkt prinzipiell gut – nur die Umsetzung und Ausführung nicht.

Ihr Haus grenzt, wie drei weitere Wohnhäuser, an die Plattformen des Haltepunkts. Als dazu ein Teil der Sporkert‘schen Hecke weichen musste, war der Bahnsteig zugleich zum Aussichtspunkt in das private Grün, den Wintergarten und mehr geworden. „Die Leute, die auch jetzt schon fleißig den Bahnsteig nutzen, warum auch immer, mit Hunden spazieren gehen, oder die Jugendlichen, die sich schon hier treffen, haben freien Blick in unser Leben“, sagt Sporkert.

Sichtschutz gefordert: Von der Plattform des Bahnhaltepunkts Westtünnen haben Fahrgäste Aussicht auf die Züge und auf das Privatleben der Anwohner.

Trotz langer nachdrücklicher Forderung und Unterstützung aus dem Rathaus und von Oberbürgermeister Marc Herter steht zwischen Bahnsteig und den rückwärtigen Gärten noch immer kein Sichtschutz. Ob er noch kommt, bleibt fraglich.

Eigeninitiative kann sich Sporkert nicht leisten. „Ich käme nicht auf die Idee, selbst einen Sichtschutz hinzusetzen“, sagt er. Seine Hecke müsste er komplett entfernen, den mindestens 3,5 Meter hohen Schutz statisch so berechnen, dass er Stürmen trotzt. Salopp geschätzt, geht er von Kosten von rund 100.000 Euro aus. Er und ein Nachbar haben sich juristische Unterstützung geholt. „Wir sind immer noch in Verhandlung mit der Bahn“, sagt er.

Kein Lärmschutz: Haltepunkt Westtünnen öffnet im Oktober

Neben dem Verlust von Privatsphäre befürchten Nachbarn des Haltepunkts Probleme durch Vermüllung und Lichtverschmutzung. Hinzu kommen viele weitere Betroffene in Berge und Westtünnen, die den seit Jahrzehnten geforderten und seit Jahren zugesagten Lärmschutz entlang der Bahntrasse anmahnen. 312 Unterzeichner hat die Unterschriftenliste, die sie im März OB Herter überreichten, damit er sich für den Schutz der Bürger und gegen die Lärmbelastung einsetzt.

Die Deutsche Bahn plant in dem Bereich den Bau von drei Lärmschutzwänden mit einer Gesamtlänge von rund 2.300 Metern. „Der Baubeginn war ursprünglich bereits für 2021 vorgesehen“, erinnert ein Bahnsprecher an den bekannten Sachstand. „Aufgrund von Verzögerungen beim Vergabeverfahren mussten jedoch unter anderem Ausschreibungsunterlagen angepasst werden, sodass die Einhaltung des damaligen Zeitplans leider nicht mehr möglich war.“ Zwischenzeitlich prüfte die Bahn den Bau, der einen Eingriff in den Gleisbereich erfordert. Daraus wurde aber nichts. Knackpunkt ist und bleibt die knifflige Einrichtung von Sperrpausen, in denen kein Zug fährt. Auswirkungen auf den gesamten Zugverkehr und auf weitere Baustellen sind zu berücksichtigen.

„Erst ab 2031“ Haltepunkt Westtünnen startet ohne Sicht- und Lärmschutz

Schon im Herbst vergangenen Jahres erklärte die Bahn, dass solche Sperrpausen auf der Strecke Hamm-Soest „voraussichtlich erst ab 2031 zur Verfügung stehen“. Mit Unterstützung aus dem Rathaus erhoffen die lärmgeplagten Nachbarn der Gleise, die Zeitspanne verkürzen zu können. Doch auch eine erneute Anfrage bei der Bahn zerschlägt einmal mehr diese Hoffnung. Eine kurzfristige Eintaktung der Baumaßnahme in Westtünnen sei „nicht möglich“, sagt der Bahnsprecher.  „Nach aktuellem Planungsstand ist daher ein Baubeginn der Lärmschutzwand in Hamm-Westtünnen erst ab 2031 realistisch.“

Die Bestätigung des fernen und unbestimmten Zeitziels ging bereits Mitte August an die Stadtverwaltung. Doch locker lassen will sie nicht. Nach der Antwort der Bahn gab es Mitte September ein Treffen im Rathaus mit Jürgen Biermann als Vertreter der Anwohner. Ein Ergebnis ist ein gemeinsamer Brief an die Deutsche Bahn, „in dem wir erneut mit Nachdruck darum bitten, dass entsprechende Lärmschutz-Maßnahmen während einer Sperrpause getroffen werden“, sagt Stadtsprecher Tom Herberg. Der Hammer SPD-Landtagsabgeordnete Justus Moor soll den Brief am 9. Oktober bei der Bahnsprechstunde des Landtages an Werner Lübberink, Konzernbevollmächtigter für DB Bahn AG in NRW, übergeben.

Noch eine Prüfung

Viele Züge, einige Neugierige und Politiker, aber nur zwei Anwohner fanden am 20. September den Weg zum neuen Haltepunkt. Der Soester FDP-Bundespolitiker Fabian Griewel war der Einladung von Rhynerns FDP-Bezirksvertreter Jan Wenner zum Ortstermin gefolgt. Die Politiker versprachen den Anwohnern Unterstützung. Im Nachgang nahm Griewel Kontakt mit der Deutschen Bahn in NRW auf. „Die DB hat mir zugesichert, dass sie einen beschleunigten Bau der Lärmschutzwende nochmals prüfen wird und mir eine Rückmeldung gibt“, sagt der FDP-Bundespolitiker. „Mein Ansinnen bleibt, die Lebensqualität der Anwohner schnellstmöglich durch den Bau von Lärmschutzwänden zu erhöhen.“

Rubriklistenbild: © Andreas Rother

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