- VonJörg Beuningschließen
Westtünnen bekommt einen kleinen Bahnhof. Was über Jahrzehnte geplant wurde und beinahe wie ein Phantom durch den Ort geisterte, wird nun in dem Ortsteil von Hamm sichtbar Realität. Davon können besonders die direkten Anwohner ein Lied singen.
Hamm – Auch wenn sich die Nachbarn sehr lange auf dieses Projekt vorbereiten konnten, kommt einiges offenbar doch sehr überraschend für sie – und ist auch mit viel Ärger und Frust verbunden. Fehlende Privatsphäre und ein endloses Warten auf versprochene Fördermittel sind zwei Punkte. Der anzunehmende Wertverlust der Immobilie kommt noch oben drauf.
Rüdiger und Martina Sporkert finden, dass der neue Haltepunkt eigentlich eine gute Sache ist und sehen in ihm einen Mehrwert für den Wohnort, sei doch ein Trip nach Soest nun sehr bequem machbar. Sie wohnen an der Gluckstraße. Das ist eine kleine Stichstraße, die vom Dierhagenweg nördlich der Bahnstrecke abgeht. Der Garten ihres Wohnhauses ist zur Bahnstrecke ausgerichtet und grenzt direkt an den neuen Bahnsteig, wo demnächst – Schätzungen der Bahn zufolge – rund 1 000 Menschen jeden Tag ein- und aussteigen sollen.
„Ursprünglich war geplant, den Bahnsteig weiter in Richtung Osten zu errichten“, erinnert sich Rüdiger Sporkert an die ersten Zeichnungen. doch die Pläne seien irgendwann im stillen Kämmerlein verändert worden. Erst mit Beginn der Bauphase wurde den Sporkerts klar, dass es einen Zugang vom Dierhagenweg geben und damit der Bahnsteig gefühlt in den eigenen Garten verlegt werde.
Problem Sichtschutz
Die Bauarbeiter, die seit Wochen auf dem Bahnsteig hin- und herlaufen, vermitteln den Sporkerts bereits zu gut, was demnächst auf sie wartet. „Die Fahrgäste sitzen mit am Frühstückstisch“, umschreibt Sporkert das Gefühl, wenn die Blicke in den Wintergarten fallen. Vom Bahnsteig aus haben die Menschen freien Blick in die Wohnräume und in den Garten der Sporkerts. Ein entspannter Grillabend im Sommer finde fortan nicht mehr ohne Zuschauer statt.
Die Hecke, die einst zwischen Garten und Bahnstrecke stand, wurde im Zuge der Arbeiten von der Bahn zurückgeschnitten. „Das musste so sein“, sagt der Betroffene, der sich daraufhin auf die angekündigten Lärmschutzwände im Bereich des Bahnsteigs als Sichtschutz verließ. „Nun erfahre ich aus der Zeitung, dass die Wände vor dem Jahr 2031 nicht kommen“, ist Sporkert entsetzt und enttäuscht zugleich. Eine persönliche Info darüber erhielt er als Betroffener laut eigenem Bekunden nicht. (Der Bericht dazu.)
Problem Müll
Rüdiger Sporkert sieht sich in Zukunft schon mit einer Pick-Gabel durch seinen Garten laufen, um den Verpackungsmüll der wartenden Fahrgäste aufzusammeln. Die Faulheit und Unachtsamkeit vieler Menschen führe nun einmal dazu, dass aufgestellte Mülleimer längst nicht immer genutzt werden. Ein schneller Wurf des Mülls nach hinten – lande dann in Sporkerts Garten.
Problem Licht
Der Bahnsteig wird ausgeleuchtet, die Laternen stehen bereits, sind aber noch nicht in Betrieb. „Auf jeden Fall werden uns die Leuchten bis in den Wintergarten scheinen“, ist sich Rüdiger Sporkert sicher, demnächst auch einer Lichtverschmutzung ausgesetzt zu sein.
Problem Lärmschutz
Wer so viele Jahre – Martina Sporkert seit 1981 – direkt neben der Bahnstrecke wohnt, hat sich an die Geräuschkulisse vorbeirauschender Züge längst gewöhnt. Störend sind sie aber noch immer, besonders Güterzüge seien laut, sagen sie. Daher gehe es ganz ohne Schutzmaßnahmen auch nicht. Vor einigen Jahren ergriffen sie selbst die Initaitive, nutzten den Bau eines neuen Wintergartens, um das Haus vollständig mit Schallschutzfenstern auszustatten. Eine Maßnahme, die eine deutliche Verbesserung mit sich brachte, wie die Sporkerts sagen. Die Anschaffung im fünfstelligen Euro-Bereich tätigten sie im Besitz einer schriftlichen, so genannten „Verbindlichen Zusage einer späteren Ausgabenerstattung“ von der Bahn.
Auf diesem Wege können laut Richtlinie des Bundesverkehrsministeriums bis zu 75 Prozent der Kosten von passiven Lärmschutzmaßnahmen gefördert werden. Doch diese Förderung könne erst dann erfolgen, wenn die tatsächliche Lärmbelastung nach Errichtung der geplanten Wände als aktiver Lärmschutz gemessen worden ist, teilte die Bahn mit. „Aber wie lange sollen wir warten? Jetzt heißt es, die Wände kommen nicht vor dem Jahr 2031. Wir haben jetzt das Geld ausgegeben und wissen ja gar nicht, ob wir in 2031 noch leben“, sagt Rüdiger Sporkert und fühlt sich von der Bahn mittlerweile veräppelt. „Warum sollte es nicht möglich sein, mit Hilfe von KI auszurechnen, was uns nach Bau der Wände als passiver Lärmschutz zustehen würde?“, fragt er. Zu allem Überfluss tritt die Richtlinie zur Förderung von Lärmschutzmaßnahmen im Jahr 2028 außer Kraft.
Problem Hilfesuche
Alleine gegen die Deutsche Bahn fühlen sich die Sporkerts machtlos. Doch wer hilft in einer solchen Situation? Das Ehepaar wandte sich an den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages. Die Kontaktaufnahme wurde zwar bestätigt, ansonsten ist noch keine Antwort in Westtünnen eingetrudelt. „Davon bin ich ganz besonders enttäuscht“, sagt Rüdiger Sporkert. Kann die Stadt Hamm ihren Bürgern helfen? Eher nicht. „Der Neubau des Haltepunktes ist nicht lärmschutzpflichtig“, teilt Stadtsprecher Tom Herberg mit. Lediglich im nördlichen Bereich der P+R-Anlage (im Bereich Tintenfaß) seien Lärmschutzwälle vorgesehen. „Wir sind im regelmäßigen Austausch mit der DB, haben aber keinen Einfluss auf den Zeitplan, da dieser langfristig und mit notwendigen Sperrzeiten durch die DB geplant werden muss“, so Herberg weiter.
