Kommunalwahl 2025

Warum Jochen Dornseifer Oberbürgermeister werden will

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Ein Mann aus Heessen: Jochen Dornseifer ist nach 13 Jahren in Ahlen in seine Heimatstadt zurückgekehrt, um Oberbürgermeister von Hamm zu werden.
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Der Unionspolitiker war lange in Ahlen. Jetzt ist er zurück in seiner Heimatstadt Hamm und fordert Oberbürgermeister Marc Herter heraus.

Richtig einrichten muss Jochen Dornseifer sich noch. Die Bilder hängen noch nicht an der Wand, das Wohnzimmer wirkt noch ein wenig kahl. Er ist erst vor ein paar Monaten wieder nach Hamm gezogen, nach 13 Jahren in Ahlen. In die Nachbarstadt ging es der Liebe wegen, und zurück, weil die Liebe erloschen ist. Da redet Dornseifer nicht drumherum. Er lebt in Trennung als „Single mit zwei Töchtern“.

Die CDU hat den lange Abwesenden als Überraschungskandidaten für die Oberbürgermeisterwahl aus dem Hut gezaubert. Aus der ersten Reihe der Union hat sich niemand getraut, Marc Herter herauszufordern. Dornseifer schon. Er hat in seine Wohnung eingeladen, mitten im Heessener Dorf. Und erklärt dort, was ihn antreibt.

Der CDU-Mann stammt aus einer SPD-Familie

Der 50-Jährige ist Hammer von Anfang an. Genau genommen, Heessener. Dort wächst er in einer Arbeiterfamilie auf. Der Vater ist Anlagenelektroniker bei Hoesch und traditioneller SPD-Wähler. Der Sohn soll auch Arbeiter werden und besucht die Hauptschule. Mit den beiden Töchtern haben die Eltern Höheres vor und schicken sie auf Realschule und Gymnasium.

Für Jochen Dornseifer ist der Schulbesuch Einstieg in die Politik. Die späten 1980er Jahre sind die Zeiten des bildungspolitischen Kulturkampfes. Die Sozialdemokraten wollen die Gesamtschule durchsetzen, die Christdemokraten halten eisern am dreigliedrigen Schulsystem fest. In Heessen soll die Paul-Gerhardt-Gesamtschule geschlossen werden. Dornseifer ist Klassensprecher. Und dass die Schule, auf der er sich wohlfühlt, weg soll, empört ihn. Die Genossen werden für ihn „zum roten Tuch“. Mit 16 Jahren tritt er in die Junge Union (JU) ein.

Hauptschule, Ausbildung und Bundeswehr

Auf der Hauptschule macht Dornseifer noch die zehnte Klasse und schließt mit Mittlerer Reife ab. Bei der Stadt wird er zum Verwaltungsfachangestellten ausgebildet. Den Wehrdienst will er eigentlich nur schnell durchlaufen, aber dann gefällt es ihm bei der Bundeswehr so gut, dass er zwölf Jahre bleibt. Über den Zweiten Bildungsweg lernt er bei der Armee Personalfachkaufmann, macht das Fachabitur und wird Betriebswirt.

Für Dornseifer wird das Aufstiegsversprechen der alten Bundesrepublik wahr. Er habe sich nach oben gearbeitet, sagt er dazu. Vor 15 Jahren fängt er bei Creditreform in Paderborn an. Die Firma ist im Bereich Inkasso und Bonitätsprüfung tätig. Und sie bewertet Unternehmen. Dabei gehe es nicht nur um Bilanzen, sagt er. Auch Hintergründe und Zukunftsperspektiven flössen in die Bewertungen ein; das sei in der Branche schon ungewöhnlich. Er fängt unten an; inzwischen ist er in Paderborn Prokurist und Mitglied der Geschäftsführung.

Neue Lebensphase als OB?

15 Jahre öffentlicher Dienst, zählt Dornseifer seine Zeit bei Stadt und Bundeswehr zusammen. Und 15 Jahre private Wirtschaft. Da könne er sich jetzt eine neue Lebensphase vorstellen: als Oberbürgermeister seiner Heimatstadt Hamm. Eine Stadt zu gestalten, das reize ihn. Und mit Erfahrungen aus Verwaltung und Wirtschaft sei er auch der richtige dafür.

Politische Ambitionen verfolgt Dornseifer früh: Noch als Auszubildender geht er in den Kreispolizeibeirat. Dann wird er für die CDU in die Bezirksvertretung Heessen gewählt, übernimmt dort den Fraktionsvorsitz und zieht in den Rat ein. Im Gesundheitsausschuss führt er den Vorsitz. Die Politkarriere in Hamm endet 2009 vorerst. Der aufstrebende Politiker lernt eine Frau aus Ahlen kennen und lieben. Das Paar zieht in die Nachbarstadt.

Familienphase unterbricht Politkarriere

In Ahlen ist Dornseifers politisches Engagement gedämpft. Er wird Familienvater, die Töchter sind heute 21 und 13 Jahre alt. Und er kümmert sich um den traditionsreichen Reit- und Fahrverein Ahlen, dessen Vorsitz er übernimmt. Später kommt er in den städtischen Sportausschuss und 2024 als Nachrücker in den Rat. Als die Beziehung zu seiner Frau in die Brüche geht, kehrt er Ahlen den Rücken und hilft den Hammer Parteifreunden aus der Bredouille. In den eigenen Reihen hat die Union niemanden, bei dem sich die Kandidatur aufdrängen würde.

So ist Dornseifer monatelang tagsüber für die Firma unterwegs und abends für die Partei. Nach 13 Jahren muss er sich mit einigen Dingen in Hamm erstmal wieder vertraut machen. Und noch viel wichtiger: Er muss sich bei den Hammern bekannt machen. Ideen für Hamm habe er bereits, sagt er. Und die haben viel mit Wirtschaft zu tun.

Mann der Wirtschaft

Dornseifer sieht sich als Mann der Wirtschaft, der praktische Erfahrung mit ins Rathaus bringt. Er komme nicht aus einer Politblase, sagt er. Der direkte Weg vom Hörsaal ins Parlament sei ein Problem; man müsse erfahren, wie es im Berufsleben läuft. Sätze, die auf Amtsinhaber Marc Herter gemünzt sind, ohne ihn explizit zu erwähnen.

„Die Wirtschaft ans Laufen kriegen“, gibt Dornseifer als erste Amtshandlung aus, sollte er es ins Rathaus schaffen. Das klingt erstmal sehr allgemein – wer würde schon das Gegenteil fordern? Der Kandidat zählt dann auf: Die „Impuls“-Wirtschaftsförderung habe fähige Mitarbeiter, aber einen falschen Schwerpunkt. Es würden zu wenige Unternehmen angesiedelt, auch weil der Anforderungskatalog für die Firmen zu streng sei. Dabei sei Hamm mit seinen Autobahnen, Schienenstrecken, Schulen und Hochschulen doch grundsätzlich ein attraktiver Standort.

Prioritätenwechsel im Rathaus

Auch im Rathaus sei ein Prioritätenwechsel notwendig, meint Dornseifer. Sein Schwerpunkt werde auf Wirtschaft und nicht auf Kultur liegen – Herter ist gleichzeitig Kulturdezernent. Wirtschaft sei schließlich die Basis für alles, ohne wirtschaftlichen Erfolg ließen sich auch freiwillige Leistungen in Sport und Kultur nicht finanzieren. Den Sozialbereich müsse man sich da übrigens auch mal anschauen. Man werde niemanden zurücklassen, aber effizienter werden müsse man schon.

Der Verwaltung will Dornseifer Beine machen: Dass Baugenehmigungen zu lange dauern, höre er in Hamm immer wieder. Die Stadt habe da Spielräume, die sie auch nutzen müsse. Sein Credo lautet „einfach mal machen“. Das klingt schon so ähnlich wie Herters „ins Tun kommen“. Der Herausforderer sieht es so: Man müsse Dinge ausprobieren. Dabei Fehler zu machen, sei in Ordnung, wenn sie rechtzeitig korrigiert werden. Als noch um die Ringbuslinie gestritten wurde, hatte Dornseifer den Versuch begrüßt, aber er hätte die geringen Fahrgastzahlen schon viel früher zum Anlass genommen, den Betrieb wieder einzustellen.

„Zu viele Bedenkenträger“

Die Verwaltung ist Dornseifer oft zu schwerfällig. Es gebe zu viele Bedenkenträger, sagt er. Wenn es bei ihm im Unternehmen so liefe, käme man keinen Meter voran. Den städtischen Mitarbeitern wolle er die Angst nehmen, Entscheidungen zu treffen. Es brauche da einen anderen Geist als bisher.

Wie ein Oberbürgermeister Dornseifer regieren würde, hat er sich schon überlegt: mit wechselnden Mehrheiten. In Ahlen sei man damit sehr erfolgreich gewesen. Er sei generell kein Freund von Koalitionen auf kommunaler Ebene, das sei ihm zu ideologisch, schnüre ein „wie ein Korsett“. Die Mehrheitsverhältnisse im Rat werden eher schwieriger, erwartet Dornseifer. Er geht von einem Erstarken des linken und ganz besonders des rechten Randes aus. In der Mitte – was dann vor allem CDU, FDP, Grüne und SPD meint – müsse man zu Kompromissen bereit sein. „100 Prozent CDU“ hätte er gerne, werde er als Realist aber niemandem versprechen. Dass die Bundespartei mit so einer Losung in den Wahlkampf gezogen ist, hält er für einen Fehler.

Niedrige Kitabeiträge findet er gut, Familienrathaus nicht

Ob ihm etwas aus den vergangenen fünf Jahren Ampel-Koalition gefallen hat? „Familienfreundlichste Stadt“ halte er für ein nichtssagendes Logo, meint Dornseifer. Aber die Senkung der Kita- und OGS-Beiträge sei gut gewesen, damit habe man Familien entlastet. Er würde daran festhalten. Und der größte Flop? Das Familienrathaus, sagt er, „braucht kein Mensch“. Statt solche Service-Leistungen zu zentralisieren, solle man sie dezentral in den Bürgerämtern anbieten. Familien freuten sich über kurze Wege.

Ein neues Freibad?

Die vermisst Dornseifer in Hamm bei Angeboten für Jugendliche. Und macht eine alte Hammer Diskussion wieder auf: Die 1996 von SPD und CDU gemeinsam durchgepaukten Freibadschließungen sieht er als Fehler an. Er selbst habe seine Jugend im Heessener Bad verbracht, sei immer mit dem Fahrrad dahingefahren. Das Freibad gibt es nicht mehr. Seine Tochter mit dem Rad nach Berge oder Drensteinfurt fahren zu lassen, komme nicht in Frage. Um nicht missverstanden zu werden – er werde kein neues Freibad bauen lassen. Aber die Idee mit einem Außenbecken fürs Heessener Hallenbad, die sei schon gut.

Unsere Serie

Am 14. September entscheiden die Bürger in Hamm über ihre politischen Vertreter auf kommunaler Ebene. Im Vorfeld stellen wir die Kandidaten für das Amt des Oberbürgermeisters vor. Bevor es an die Wahlurne geht, erscheint jeweils mittwochs und samstags ein neuer Teil unserer Serie. Dabei stellen wir die Person hinter dem Politiker in den Vordergrund. Passend dazu gewähren die Kandidaten uns und den Lesern des WA seltene Einblicke in ihr privates Umfeld.

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