VonMarvin K. Hoffmannschließen
In Brilon, der Geburtsstadt von Friedrich Merz, scheint der Kanzlerkandidat kaum Thema zu sein. Euphorie sucht man vergebens – und dann stiehlt ihm auch noch Angela Merkel die Show.
Brilon – „Wo ist er denn jetzt hin?“, fragt der Mann hinter der Kasse ungläubig in den Raum hinein und hält mehrere Geldscheine in der Hand. Auf dem Grill liegen Bratwürste, in der Fritteuse brutzeln die Pommes. Der Duft deftiger Hausmannskost hängt in der Luft. Kohlrouladen und Schnitzel gibt es auch. Drumherum: geschäftiges Treiben. Der Kunde, der offenbar noch Wechselgeld in Höhe von 25 Euro bekommt, ist mit so einem Gericht unterm Arm schon abgezischt. „Hm, muss ich ihn wohl anrufen“, sagt der Mann und verschwindet in der Küche. In Brilon, der Geburtsstadt von Friedrich Merz im Hochsauerlandkreis, kennt man sich eben. Nur den Kanzlerkandidaten nicht. Jedenfalls nicht jeder.
| Name | Joachim-Friedrich Merz |
|---|---|
| geboren | 11. November 1955 in Brilon |
| Heimatstadt | Arnsberg |
| Größe | 1,98 Meter |
| Ehefrau | Charlotte Merz |
| Kinder | Carola Clüsener, Philippe Merz, Constanze Merz |
Brilon und Friedrich Merz: Eine Stadt und ihr berühmter Sohn – den keiner kennt?
„Friedrich Merz? Ganz selten hier. Kenne ich persönlich nicht“, sagt der Imbissbetreiber, der eben noch seinem Stammkunden mit aller Macht das Wechselgeld zurückgeben wollte. „Ist auch schlecht gerade. Mittagszeit“, ergänzt er knapp und widmet seine ganze Aufmerksamkeit schon wieder der nächsten Mantaplatte. Dabei hat Merz in einem uralten Interview mit dem Tagesspiegel zur Jahrtausendwende mal selbst zu Protokoll gegeben, irgendwo hier immer abgehangen zu haben.
„Schulterlange Haare“ soll der CDU-Chef damals nach eigenen Angaben getragen haben, und er sei „mit dem Motorrad durch die Stadt gerast“. Sein „Stammplatz mit zwei Freunden“, so erzählte er es jedenfalls damals, sei „die Pommesbude auf dem Marktplatz bei uns um die Ecke“ gewesen. Seine Spuren muss er in Brilon also doch irgendwo hinterlassen haben. Rund um seine Schule, das „Gymnasium Petrinum“, gibt es nicht viel zu entdecken. Der Gasthof „Restaurant Wolfsschlucht“, wo Friedrich Merz in grauer Vorzeit bei Stammtischen das erste Mal mit der Jungen Union in Berührung gekommen sein soll, hat noch geschlossen. Also die Suche auf das (kleine) Zentrum von Brilon fokussieren.
Merz‘ Großvater war Bürgermeister von Brilon
Direkt gegenüber der Pommesbude mit der leckeren Hausmannskost steht schließlich auch das historische Haus Sauvigny. Dort lebte unter anderem sein Großvater, seines Zeichens einst Bürgermeister von Brilon. Politik wurde Merz sozusagen in die Wiege gelegt.
Dicke, imposante Schornsteine im Stile eines ehrwürdigen Gutsherrenhausen, schwarzes Dach, weiße Fassade mit hellbräunlichen Akzenten rund um Fenster und Tür, zu der eine Treppe mit schmiedeeisernem Geländer heraufführt. Auf einem Mülleimer direkt davor prangt ein Aufkleber der Partei „Die PARTEI“ mit den Buchstaben „FTZN FRTZ“ – wer sich die passenden Vokale dazu denkt, findet auch den Ursprung der Sticker in einer älteren Kampagne des Satire-Magazins „Titanic“. Die Stickerkleber sind also schon mal keine Freunde des konservativen Kanzlerkandidaten. Die gibt es selbstredend trotzdem in seiner Heimatstadt. Man muss sie nur finden.
Wer in Brilon über Merz reden will, bekommt nur selten Antwort
Wenige Schritte vom barocken Gebäude und dem besagten Mülleimer entfernt befindet sich der Marktplatz. Eine Frau eilt schnellen Schrittes den Gehweg entlang. Ob sie kurz Zeit hätte, um sich zu Friedrich Merz zu äußern? Knappes „Nein“. Keine Zeit. Die scheint kostbar in Brilon. „Aber ich wähle ihn, ja“, ruft sie im Vorbeigehen hinterher. Andere äußern sich ähnlich. Als hätten sie sich abgesprochen. Schlauer ist man dadurch nicht unbedingt. In Merz‘ Heimat könnte man doch etwas mehr Kanzlerkandidaten-Euphorie erwarten, oder? Falsche Zeit vielleicht. Falscher Ort vielleicht auch.
Vom Rathaus direkt am Marktplatz aus schlängelt sich die Fußgängerzone herunter. Leerstände wie man sie aus anderen Innenstädten kennt, gibt es freilich auch in Brilon. Tagestouristen und Einheimische gleichermaßen finden dennoch genügend Läden zum Bummeln und Einkaufen. Wer hier entlangschlendert, hat vielleicht etwas mehr Zeit, um über Friedrich Merz zu reden.
Merkel stiehlt Merz in Brilon die Show
Aus dem Schaufenster einer Buchhandlung blickt ein wohlbekanntes Gesicht verträumt in die Ferne. Über dem blauen Blazer vor dem blauen Hintergrund des Buchcovers prangt der Titel in Versalien: „FREIHEIT“. Bestimmt ist auch Merz hier Thema. Zwei Frauen stehen hinter einem Verkaufstresen, räumen ein paar Artikel in Regale ein. „Merz? Nein. Heute reden alle nur über Angela Merkel“, sagt eine der beiden Damen und nickt in Richtung Schaufenster.
Die Altkanzlerin hat gerade erst ihr neues Buch veröffentlicht, auf dessen Einband sie den Blick so schön gestellt halb zur Seite richtet und ganz leicht lächelt, ein zufriedener Glanz in den Augen – möglicherweise deswegen: Jetzt stiehlt „Mutti“ ihrem einstigen Konkurrenten um den Fraktionsvorsitz sogar in seiner Geburtsstadt die Show. Die Erkenntnis des Tages: Briloner in der Mittagszeit sind einfach nicht sehr geschwätzig.
Wieder draußen an der kalten Winterluft – wenigstens kommt zwischendurch immer mal wieder die Sonne zum Vorschein und taucht die Altstadt von Brilon in ein angenehmes Licht – will dann doch mal einer etwas länger über Friedrich Merz reden. Glück gehabt. Der Mann scheint sich mit Politik sogar auszukennen, wirkt sehr informiert.
„Es muss in der Wirtschaft etwas passieren. Da hat die Ampel-Koalition leider einiges verschlafen“, sagt Heinz-Georg van Raay. Er ist 67 Jahre alt, frisch in Rente, und wohnt seit mehr als einem Jahrzehnt in Brilon. „Ich kenne Leute, die haben mit Friedrich Merz Plakate geklebt, als er noch in der Jungen Union war“, sagt er. Die Kanzlerkandidatur und alles drumherum sei in der Nachbarschaft oder im Freundeskreis allerdings nur ganz, ganz selten Thema. „Ich bin halt auch politisch eher eine rote Socke, das muss ich dabei sagen“, sagt van Raay und argumentiert, dass er beruflich aus dem „sozialen Bereich“ komme. Einen politischen Kurswechsel wünsche er sich trotzdem.
Selbst Merz-Gegner trauen ihm Kanzlerschaft zu
„Die Probleme“, meint er, „sind einfach zu viel geworden.“ Das Thema Infrastruktur scheint ihn zu bewegen, Wirtschaft generell. „Die ganzen Baustellen überall, die Verspätungen bei der Bahn und marode Brücken – und viel zu viele Wohnungen fehlen“, sagt er. Es sei zu viel „liegen geblieben“, in den vergangenen Jahren. Die Ampel-Koalition trage aus seiner Sicht nicht die alleinige Schuld. Auch die Frau vom Buchcover mit dem blauen Blazer im Laden die Straße hoch dürfte gemeint sein. „Es gibt halt viele Probleme aktuell – ob Merz die aber alle lösen kann, das weiß ich nicht“, sagt van Raay und lässt sich noch zu einer persönlichen Meinung hinreißen: „Ich habe ihn mal privat kennengelernt. Mein Fall ist er nicht.“ Unnahbar sei er. Was genau ihn am Kanzlerkandidaten aus dem Hochsauerland stört und was er darüber denkt, das möchte er lieber nicht in einem Artikel lesen.
Eine alteingesessene Brilonerin wird noch deutlicher. Ihren Namen möchte sie nicht nennen, auch nicht in diesem Zusammenhang in einem Bericht über Friedrich Merz lesen. Diese Antwort gibt es häufiger an diesem Tag. Anders als bei den anderen, die bei den Fragen sofort abblocken, möchte sie aber trotzdem reden.
Merz und der Populismus: Das kommt nicht immer gut an
Etwas erhöht liegt die Propsteikirche St. Petrus und Andreas und thront über dem Zentrum von Brilon, im Hintergrund läuten ihre Glocken. Es ist kurz nach 12. Wenn es nach der älteren Dame geht, dann auch politisch in Deutschland. „Friedrich Merz driftet schon in Richtung Populismus ab. Ich finde, er ist zu hart und aggressiv in seinen Äußerungen“, sagt sie und stützt sich auf ihren Rollator. Nach jedem Satz schiebt sie den ein kleines Stück vor. Sie bleibt kurz wieder stehen, richtet den Blick auf. Die Glocken sind mittlerweile verstummt. „Wissen Sie“, sagt sie, „Sprache und Denken hängen eng zusammen – das bereitet mir Sorgen bei Merz.“ Die Dame würde sich schwer tun mit einer Wahl: „Die Probleme in dieser Welt sind so komplex, wer könnte die überhaupt lösen?“
Eine Frage, deren Beantwortung schwerer fällt, als unter der Woche in der Mittagszeit Leute in Brilon zu finden, die über Friedrich Merz quatschen wollen. Und vielleicht ist er, der berühmte Sohn der Stadt, ihnen auch einfach gar nicht so wichtig. Manchmal gibt es schließlich Bedeutenderes im Leben – und wenn es sich nur um 25 Euro Wechselgeld handelt, die ein Stammkunde in einem Imbiss vergessen hat.
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