VonMaximilian Gangschließen
Statt wie üblich auf den Märkten in NRW steht der Imbisswagen von Franky van Hintum regelmäßig in der Ukraine. Bei einer Hilfsaktion erlebt er Dramatisches.
Gelsenkirchen – Franky van Hintum hat Dinge gesehen, die für viele Menschen nur schwer vorstellbar sind. Seit rund eineinhalb Jahren tauscht der Imbisswagenbetreiber regelmäßig seinen Stammplatz auf den Märkten in Gelsenkirchen (NRW) gegen einen Platz unweit der Frontlinie im Ukraine-Krieg. Gemeinsam mit seinem langjährigen Freund Coen von Oosten verschenkt der Niederländer dort Pommes, Snacks und ein klein wenig Freude an die notleidenden Menschen. Die Erlebnisse von ihrem letzten Besuch zeigen, wie grauenhaft der Kriegsalltag ist: Sie gerieten in einen russischen Raketenangriff.
Ukraine-Krieg: Pommes-Franky reiste für Hilfsmission an die Front – dann schlägt eine Rakete ein
„In den Tagen vor dem Raketenangriff waren wir hauptsächlich im Frontgebiet des Donbass tätig“, erzählt van Hintum im Gespräch mit wa.de. So seien sie zum Beispiel in den umkämpften Gebieten Bachmut und Kherson gewesen. Als die beiden Helfer sich am Tag des Angriffs – dem 27. Juni – in Kramatorsk im Osten der Ukraine aufhielten, seien sie deshalb eigentlich ganz entspannt gewesen. „Immerhin waren wir mehr als 25 Kilometer von der Front entfernt“. Wie bereits in den Tagen zuvor gingen die Niederländer im Restaurant Ria essen – „ohne Stress“, wie van Hintum schildert.
Doch schnell schlug der unbekümmerte Restaurantbesuch mit Freunden in ein Kriegsdrama um. „Wir hatten gerade bezahlt und unterhielten uns noch darüber“, sagt van Hintum, dessen Frau Ukrainerin ist. Plötzlich gab es einen sehr lauten Knall. Dichte, dunkle Rauchmassen stiegen auf. Eine Druckwelle fegte durch das belebte Lokal, in dem man sich noch wenige Momente zuvor „wie zu Hause“ gefühlt habe. „Ein Großteil des Daches stürzte ein. Betonstücke flogen durch die Luft. Es gab viel Geschrei, auf der rechten Seite war Feuer“. Eine Iskander-Rakete war in dem Restaurant eingeschlagen.
„Sicher sind die Menschen dort tot“: Pommes-Franky überlebt Raketenangriff im Ukraine-Krieg
„Wir sind sofort auf den Boden gesprungen und blieben dort für ein paar Sekunden liegen. Dann sind wir aufgestanden und so schnell wie möglich zum Eingang gerannt“, erzählt der Imbissbetreiber. Dieser sei jedoch versperrt gewesen. Van Hintum konnte sich schließlich durch ein Fenster im hinteren Bereich des Restaurants in Sicherheit bringen. Er sei einer der ersten gewesen, der aus der Ruine des Lokals entkommen konnte, „Ein paar Minuten später kamen auch mein Freund Coen und die beiden anderen Leute, die mit uns unterwegs waren, heraus“.
Ein Video, das van Hintum nur Augenblicke nach dem Einschlag aufnahm, zeigt das Ausmaß der Zerstörung durch den Raketenangriff. Szenen, wie sie mit Worten kaum zu beschreiben sind. Die Straße vor dem Restaurant gleicht einem Trümmerfeld. Im Hintergrund sieht man Reste von Gebäuden, Häuser, die bis auf die Grundmauern zerstört sind. Eine Alarmanlage schrillt. Menschen rennen, um sich in Sicherheit zu bringen. „Coen, da kann doch noch eine kommen“, ruft van Hintum seinem Kollegen zu. Schon da ist ihm klar: „Sicher sind die Menschen dort tot, es gibt keinen anderen Weg“.
13 Todesopfer nach Raketenangriff: „Dabei handelte sich um unschuldige Bürger“
Traurigerweise sollte der niederländische Imbissbetreiber recht behalten: „13 Menschen starben, darunter auch die Person, die rechts von uns saß. Eine Dame rechts hinter uns lag im Koma und starb ebenfalls einige Tage später“. Unter den Opfern seien auch viele junge Menschen gewesen: So überlebte beispielsweise die Kellnerin – ein 14-jähriges Mädchen – den Angriff nicht. Auch ihre Schwester und ihre 17-jährige Kollegin verstarben. „Dabei handelte es sich [...] um ganz normale, unschuldige Bürger“, fügen die Helfer auf ihrer Website hinzu.
Und was nun? Brechen die beiden Helfer ihre Hilfsmission nach den dramatischen Erlebnissen ab? Das Gegenteil ist der Fall, wie van Hintum sagt. „Was uns widerfahren ist, hat uns nur in unserer Meinung bestärkt. Wir haben gesehen, wie die Russen zivile Ziele angreifen, und wir haben gesehen, dass die Menschen im Grenzgebiet der Ukraine Hilfe brauchen. Wir werden also auf jeden Fall unsere Aktionen fortsetzen“. In wenigen Wochen – am 6. Oktober – steht bereits die nächste Reise an. „Wir haben auch viele Menschen, die uns unterstützt haben, und wir wollen auch sie nicht im Stich lassen“. Im Dezember soll es zudem eine besondere Aktion für die kriegsgeplagten Ukrainerinnen und Ukrainer geben. (mg)
Rubriklistenbild: © Franky and Coen




