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Kathrin Bastertschließen
Mast, Seile, Kränze und LED statt Tannengrün: Der alternative Weihnachtsbaum auf dem Soester Marktplatz nimmt Formen an.
Soest – Eine Passantin greift sofort zum Handy und ruft eine Bekannte an. „Früher gab‘s hier einen echten Baum, jetzt nicht mehr!“, beschreibt sie laut, was sie gerade auf dem Marktplatz sieht. Jemand ruft vom Fahrradsattel aus im Vorbeifahren: „Das ist der hässlichste Weihnachtsbaum, den Soest je gehabt hat!“ Ein anderer will fotografieren und verliert gleichzeitig seinen Rollator. Er muss zu einem spontanen Sprint ansetzen. Der Mast des neuen Weihnachtsbaums hängt noch verankert in den Seilen des Krans und die Wellen schlagen schon hoch in der Soester Altstadt.
Lichtinstallation auf dem Marktplatz: „Der hässlichste Weihnachtsbaum, den Soest je gehabt hat“
14,5 Meter misst die Alternative zum echten Tannenbaum. Der untere Ring hat sechs Meter Durchmesser, es sind die gleichen Maße wie beim alten Baum. Ein Kran und ein Hubwagen stehen bereit, um zunächst den Mast in die Bodenverankerung des Vorgängers zu bugsieren. Sie ist übrigens keineswegs bei der Neugestaltung des Platzes vergessen worden, wie es bereits in der Stadt die Runde machte.
Der Mast trug übrigens in seinem früheren Leben Werbung der Firma Meffert am Schloitweg und erlebt hier ein „Recycling“ der besonderen Art. Holzkeile werden hineingeschlagen, um den Mast zu sichern. Dann packen alle mit an und setzen den eigens von der Firma Metall und Technik Kilp angefertigten unteren Kranz aus zwei Teilen mit Bolzen passgenau am Mast zusammen. Schließlich fährt die Hebebühne noch einmal in die Höhe und bringt die Drahtseile am kleinen Kranz ganz oben an. Sie werden später von LED-Lichtern erleuchtet. Der weiße große Herrnhuter-Stern muss noch eine Weile auf dem Marktpflaster warten. Er kommt ganz zum Schluss ganz oben auf die Spitze, sturmsicher verankert von Marktmeister Michael Schiewe persönlich.
Weihnachtsmarkt in Soest: Kontroverse längst entbrannt
Der ist am Freitagmorgen mit dabei, als das Grundgerüst für den Baum, der keiner ist, aufgestellt wird. Er kennt die Bedenken der Soester und wie sie teils lautstark geäußert werden. Aber er ist sich einer Sache ganz sicher: „Wenn es erst leuchtet, dann wird es toll aussehen. Und dann wird es noch viel öfter fotografiert werden als der echte Baum.“ Selfies werden die Soester dort spätestens ab Montag, 25. November, schießen. Dann wird der Weihnachtsmarkt 2025 eröffnet.
Die Kontroverse um den Baum ist trotzdem längst entbrannt. Ist es nun der Abgesang auf die Tradition oder eine nachvollziehbare, weil vernünftige Entscheidung – die Soester sind in Sachen Weihnachtsbaum gespalten. Bald 200 Meinungsbekundungen zum Verzicht auf die Tanne haben die Redaktion erreicht. Fehlen wird der Weihnachtsbaum auch jenen, die den Argumenten der Stadt folgen können, das ist deutlich. Weniger eindeutig ist, ob sie deshalb gleich ganz auf den Besuch in der Altstadt verzichten wollen. „Hauptsache, der Elch ist da“, sagt einer, während andere Einladungen aussprechen – nach Bad Sassendorf etwa oder sogar nach Hirschberg; dorthin jedenfalls, wo noch echte Weihnachtsbäume leuchten.
Eine Lippetalerin bietet gar an, die zu groß gewordene Nordmanntanne aus ihrem Garten zu spenden. Bürgermeister Ruthemeyer kommentierte im Hauptausschuss augenzwinkernd: „Wir in Soest opfern keinen Baum. Auch für Weihnachten nicht.“


