VonCedric Sporkertschließen
In Hamm soll für viele Millionen Euro eine komplett neue, innovative Hauptschule gebaut werden, unter deren Dach zwei bisherige Schulen zusammengelegt werden sollen. Das Bildungsprojekt löst aus Sicht der Stadt, der Ampel und der CDU gleich mehrere Probleme. Die Parteien haben einen Schulkonsens gefasst.
Hamm – Die Hauptschulen wirkten lange Zeit wie das ungeliebte Kind in der Schullandschaft in Hamm. Vor allem die SPD sah sie schon als Auslaufmodell, auch die Grünen setzten eher auf Gesamtschulen. CDU und FDP beteuerten zwar immer die Wichtigkeit des dreigliedrigen Schulsystems, unter CDU-Regie wurde über 20 Jahre lang aber kaum in die Hauptschulen investiert.
Marode: Karlschule baulich ohne Zukunft
Nun soll sich die Situation grundlegend ändern. Weil die Karlschule in Heessen so baufällig ist, dass sie nach Einschätzung der Stadt nicht mehr saniert werden kann, soll an zentraler Stelle im Hammer Norden nun sogar eine komplett neue Hauptschule gebaut werden, unter deren Dach die Karlschule und die Albert-Schweitzer-Schule verschmelzen sollen.
Verbunden mit dem ehrgeizigen und millionenschweren Projekt ist ein Schulkonsens, den die Ampel-Parteien mit der CDU am Donnerstag geschlossen haben. Bis 2035 soll es in Hamm demnach keine politisch motivierten Schulschließungen geben.
Moor: „Hauptschulen lange vernachlässigt“
Dass die Karlschule dringend saniert werden muss, ist seit Jahren bekannt. Die Schule wurde 1974 gebaut, die Toiletten, Heizkörper und Leitungen stammen noch aus dieser Zeit. Die Fenster sind teils blind und kaputt, der Brandschutz ist nicht sichergestellt. Es gebe konkrete Gefahr mit akutem Handlungsbedarf, heißt es in einer Beschlussvorlage für den Rat. Außerdem ist der Bau schadstoffbelastet – unter anderem mit PCB.
Einen Schuldigen für den eklatanten Sanierungsstau wollten die Parteivertreter am Donnerstag nicht klar benennen.
„Die Hauptschulen wurden über alle Parteigrenzen hinweg lange vernachlässigt“, sagte der SPD-Ratsfraktionsvorsitzende Justus Moor. „Es ist nur Kosmetik gemacht worden und das war eindeutig falsch. Das war Geld verbrennen mit Ansage“, erklärte Grünen-Ratsfraktionsgeschäftsführer Karsten Weymann.
Hinter vorgehaltener Hand ist aus der Hammer Politik-Landschaft zu hören, dass unter den CDU-geführten Stadtregierungen seit 1999 bei Schulsanierungen immer nur das Nötigste getan wurde. Das falle den Entscheidern nun auf die Füße. Weil auch die Albert-Schweitzer-Schule baulich in schlechtem Zustand ist, soll nun die große Lösung her.
Neue Hauptschule soll gleich mehrere Probleme lösen
An der Heessener Straße soll in diesem Zuge am ehemaligen Leithäuser-Standort eine Ganztags-Hauptschule mit drei Eingangsklassen und Kapazitäten für vier Züge in den höheren Jahrgangsstufen entstehen. Zentrales Element werde ein sogenannter Makerspace – also eine moderne Werkstatt mit viel Technik und Geräten.
In das künftige Schulkonzept sollen die Stärken der Karlschule und der Albert-Schweitzer-Schule miteinfließen, deren Standort anders als der der Karlschule zunächst erhalten werden soll.
Wichtiges Ziel sei es, Schüler aufzufangen, die bislang ohne Abschluss blieben. Laut aktuellem Faktencheck Bildung der Stadt Hamm verließen 2020/21 9,8 Prozent der Schüler die Hauptschulen ohne Abschluss. 2018/19 waren es sogar 16,7 Prozent. Das sind unter allen Schulformen die mit Abstand höchsten Werte.
Herter und Co. sehen hier viel Potenzial – vor allem für das Handwerk und die produzierende Industrie, die schon jetzt Probleme hätten, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen. Kooperationen mit der Handwerkskammer und Industrieverbänden seien geplant.
Das Projekt firmiert deshalb als Bildungszentrum Nord, weil der Bau eng in den Bezirk integriert werden soll. Außerdem soll an der Heessener Straße auch die PTA-Schule neu gebaut werden, die aktuell am Lüders-Kolleg untergebracht ist.
Stadt kaufte Fläche für 3,2 Millionen Euro
Noch im März 2022 sollte an dem Standort ein Produktionszentrum für Schutzmasken entstehen. Die Firma LaVie Medi-Care eG wollte neben der Produktionsstätte auch 100 neue Wohnungen bauen und 100 Mitarbeiter aus Hamm einstellen. Stattdessen erwarb die Stadt die Fläche. Nach WA-Informationen über die Stadtentwicklungsgesellschaft – und das bereits im Frühjahr 2022. Kostenpunkt: 3,2 Millionen Euro. Vorausgegangen war ein Beschluss des Rates in nicht-öffentlicher Sitzung.
Auch ein Interessent, der auf dem Gelände Wohnraum entwickeln wollte, bot nach WA-Informationen für das 23.600 Quadratmeter große Areal mit.
An Heessener Straße entsteht teuerste Schule Hamms
Ein Preisschild gibt es offiziell noch nicht. Nach WA-Informationen dürften der Abriss der Bestandsimmobilien sowie der Neubau der Bildungseinrichtungen zwischen 50 und 70 Millionen Euro kosten. Damit wäre die neue Hauptschule wohl die teuerste Schule, die je in Hamm gebaut worden ist.
Zum Vergleich: Die aktuell im Bau befindliche Arnold-Freymuth-Gesamtschule wird am Ende rund 30 Millionen Euro gekostet haben.
Die Stadt will sich das Projekt über das 5-Standorte-Programm fördern lassen, über das noch bis 2038 in einem komplizierten Verfahren 662 Millionen Euro an ehemalige Standorte der Steinkohle-Verstromung ausgeschüttet werden.
Was aus dem Topf der „Wertschöpfungskette Bildung“ am Ende konkret gefördert werden kann, ist allerdings noch unklar. Von bis zu 95 Prozent Förderung der förderfähigen Kosten war am Donnerstag aber die Rede. Darunter fielen laut Herter sogar rückwirkend der Kauf des Geländes sowie der Abriss der Immobilien.
Start erst 2030/31 - Millionen-Facelift für Karlschule
Im Rahmen einer Machbarkeitsstudie sollen unter anderem erste konzeptionelle Fragen geklärt sowie ermittelt werden, wie teuer das Projekt tatsächlich wird und wie hoch die Förderchancen sind. Die Ergebnisse sollen Ende 2023 vorliegen. Im März 2024 soll ein Grundsatzbeschluss des Rates erfolgen und bis Mitte 2026 die Förderung gesichert werden. 2027 soll mit dem Bau begonnen werden, 2030/31 soll die Hauptschule an den Start gehen.
Weil die Karlschule wegen dieses langen Vorlaufs noch eine Schülergeneration beherbergen wird, muss sie zeitnah für gut 1,1 Millionen Euro in Stand gesetzt werden, um die Betriebsfähigkeit für maximal zehn Jahre zu sichern. Die notwendigen Arbeiten sollen 2023 und 2024 ausgeführt werden. Sind alle Schüler an den neuen Standort gewechselt, wird die Karlschule abgerissen.
Schulkonsens über Parteigrenzen hinweg
Besonders stolz waren die Parteivertreter am Donnerstag über den erzielten Schulkonsens bis 2035. Bis dahin entscheide einzig der Familienwille und damit das Schulwahlverhalten über Veränderungen in der Schullandschaft. Für die weiterführenden Schulen soll ein gemeinsamer Schulentwicklungsplan aufgestellt werden, im Anschluss ein weiterer für die Grundschulen.
Das aktuell hohe Investitionsniveau soll beibehalten werden. Jährlich würden aktuell zwischen 15 und 20 Millionen Euro in die Hammer Schulen investiert, hieß es auf Nachfrage aus dem Rathaus.
Herter: „Wir mussten alle über Schatten springen“
„Wir mussten alle über den einen oder anderen Schatten springen“, sagte Herter mit Blick auf die verschiedenen schulpolitischen Ansichten der vier Parteien. „Dieses Projekt so anzugehen, ist schon sehr mutig.“ Moor betonte, dass die Zukunft der Schüler zu wichtig sei, um dieses Projekt im politischen Hickhack verlorengehen zu lassen. Am Ende werde an der Heessener Straße die modernste Hauptschule in ganz NRW stehen.
Von einer „unfassbaren Stärkung der Hauptschulen“ sprach Daniel Tümmers, CDU-Ratsfraktionschef und gleichzeitig Schulleiter der Martin-Luther-Hauptschule. Die Hauptschulen seien bislang die bauliche Resterampe gewesen. Das ändere sich endlich. Der CDU-Kreisvorsitzende Arnd Hilwig empfahl der Landespolitik mit Blick auf den auslaufenden Schulfrieden in NRW einen Besuch in Hamm.
Lange Hängepartei in den Verhandlungen
Geräuschlos ist der Schulkonsens allerdings nicht zustande gekommen. Nach WA-Informationen lagen alle wichtigen Informationen schon im Mai vergangenen Jahres auf dem Tisch. Die Verhandlungen seien lang und intensiv gewesen, betonten die Beteiligten.
Zunächst anvisiert war, das Projekt schon im Dezember durch den Rat zu bringen. Das scheiterte nach WA-Informationen vor allem an der zögerlichen Haltung der CDU. Die ausdrücklichen Formulierungen, dass mit dem Vorhaben kein Schulversuch verbunden sei und die Schule für die Dauer des Schulkonsenses nicht in eine integrierte Schulform – also etwa eine Gesamtschule – umgewandelt werde, dürften aus der CDU-Feder stammen.
Mit Blick auf die Verzögerungen befand Tümmers am Donnerstag, dass Qualität eben vor Schnelligkeit gehe.
Anmeldezahlen mau - Warum Hauptschulen trotzdem wichtig sind
Nur 110 Schüler wollen im kommenden Schuljahr in Hamm eine der aktuell noch fünf Hauptschulen besuchen. An zwei Schulen wurden weniger als 18 Kinder angemeldet, die es eigentlich braucht, um eine Eingangsklasse zu bilden. Die Karlschule wollen bislang nur 12 Kinder besuchen. Angesichts dieser mauen Anmeldezahlen sahen sich die politischen Akteure am Donnerstag unisono dazu genötigt, die Zukunftsfähigkeit und Wichtigkeit der Hauptschulen für das gesamte Schulsystem zu betonen.
An diesen Schulen finde ein Großteil der Integration und Inklusion statt, erklärte Tümmers. Außerdem seien die Hauptschulen wichtig für die Schüler, die in den höheren Klassen von anderen Schulformen abgingen – und dann eben an den Hauptschulen landeten.
Im Schuljahr 2017/18 habe sich die Schülerzahl an den Hauptschulen zwischen den Jahrgangsstufen 5 und 9 von 177 auf 374 verdoppelt. Bereits zwischen der Jahrgangsstufe 6 auf 7 sei die Zahl der Schüler in dem Schuljahr um 34 Prozent gestiegen. Ähnliche Entwicklungen seien auch künftig zu erwarten.


