VonEva Burghardtschließen
Die Polizei Essen rollt ungelöste Verbrechen neu auf und setzt dabei auch auf pensionierte Ermittler. Ein Podcast soll helfen, neue Spuren zu finden.
Essen – Eine „echte Fundgrube“ sind die Leichentücher, sagt Dustin Wisnewski. Der 38-Jährige ist Leiter der Ermittlungskommission Cold Case bei der Polizei in Essen (NRW). Gemeinsam mit seinem Team rollen die Ermittler ungelöste Verbrechen wieder auf, um neue Spuren zu finden. Dabei kommen auch pensionierte Polizisten, sogenannte „Rentnercops“, zum Einsatz. Über ihre Arbeit in der Ermittlungskommission sprechen die Beamten neuerdings auch in einem eigenen Podcast.
„Pottcast Ungelöst“ erzählt von ungeklärten Verbrechen aus dem Ruhrgebiet
Über vergangene Kriminalfälle, die bis heute ungelöst sind, berichtet seit Jahrzehnten die Fernsehsendung: „Aktenzeichen XY... Ungelöst“. Dabei sprechen Ermittler und Betroffene über das jeweilige Verbrechen. Zuschauer können sich außerdem mit Hinweisen direkt an das Team im Fernsehstudio wenden. Die Sendung ist nicht nur sehr erfolgreich, sondern hat auch schon oft zur Lösung von lange ungeklärten Fällen beigetragen.
Mit „Pottcast Ungelöst – Der Krimi-Podcast der Polizei Essen“ bekommt die Stadt Essen nun ihr ganz eigenes Format, das über ungelöste Kriminalfälle aus dem Ruhrgebiet berichtet. Das Format soll auch dazu dienen, diese Verbrechen aufzuklären, teilt die Polizei aus Essen mit. „In einigen Fällen haben wir die Hoffnung, dass es vielleicht Mitwisser der Tat gibt oder sich die Tatverdächtigen Freunden, Verwandten oder Bekannten gegenüber offenbart haben.“
Pensionierte Ermittler unterstützen die Cold Case-Ermittlungsgruppe
Die Polizei sei darauf angewiesen, dass diejenigen, die eine solche Last mit sich tragen, darüber sprechen möchten. Auch so könne ein Cold Case noch nach Jahrzehnten aufgeklärt werden. „Und das ist gerade auch für die Angehörigen nach all der Zeit das Wichtigste“, schreibt die Polizei. „Endlich Klarheit über das Schicksal Ihrer Liebsten zu bekommen.“
Was ist ein Cold Case?
Als „Cold Cases“ bezeichnet die Polizei ungeklärte Tötungsdelikte der vergangenen 50 Jahre. In NRW arbeitet an solchen Fällen eine ganze Ermittlungsgruppe – das ist deutschlandweit einzigartig.
(Quelle: Landeskriminalamt NRW)
Mit dabei ist in der ersten Folge des Podcasts, neben Dustin Wisnewski, auch Detlef Büttner. Er unterstützt das Team als sogenannter Rentnercop, denn eigentlich war Büttner längst im Ruhestand. Um bei der Aufklärung der ungelösten Fälle noch einmal mitzuhelfen, kehrt er aber in den Polizeidienst zurück.
Seit Ende des Jahres 2023 gibt es die Ermittlungsgruppe Cold Cases bei der Polizei Essen. Zum Team gehören drei aktive Ermittler der Mordkommission und drei pensionierte Kriminalisten. Die Erfahrung der älteren Kollegen kommt dem Team dabei besonders zugute. Viele erinnern sich noch an alte Fälle oder haben sie selbst betreut.
Alte Kriminalfälle sollen mit einer „neuen Sichtweise“ betrachtet werden
„Das Wichtigste ist, dass man eine neue Sichtweise auf einen Fall einnimmt“, sagt Büttner. Früher habe man bei den Ermittlungen anders gearbeitet als heute. So gebe es neue technische Untersuchungsmittel. Auch die Rechtslagen verändern sich. „So kann man heute Zeugen vernehmen, die man früher etwa nicht vernehmen konnte.“
Diese Cold Cases aus dem Ruhrgebiet sind bekannt
►Ingrid A. aus Gütersloh verschwand im Jahr 2009 nach einem Fest an Christi Himmelfahrt. Drei Tage später fand man ihre Leiche.
►Gastwirt „Heino“ war 37 alt, als er 1977 mit zahlreichen Messerstichen getötet wird. Der Fall aus Arnsberg beschäftigt die Ermittler bis heute.
►Josef Milata starb 1986 mit 67 Jahren. Sein Pflegesohn fand den Vater niedergestochen in seiner Wohnung in Bergkamen-Oberaden.
Wenn ein Cold Case aufgerollt wird, werde zunächst die Akte gelesen, sagt Büttner. „Und zwar nicht nur einmal, sondern zwei oder dreimal.“ Schließlich ergeben sich immer wieder neue Fragen. „Dann erstellen wir ein Konzept, was man in der Sache noch machen könnte.“ So komme es auch vor, dass Maßnahmen ergriffen werden, die früher nicht gemacht worden. Um sicherzugehen, dass wirklich alles versucht wurde, sagt Büttner.
Frühere Beweislage wird mit modernster Technik neu untersucht
Es gebe zwei Arten von Beweisen, erklärt Komissar Wisnewski. Sachbeweise und sogenannte subjektive Beweise. Bei subjektiven Beweisen gehe es etwa um die Zeugen, die man, auch nach Jahrzehnten, noch einmal befragen könnte. „Vielleicht hat sich die Haltung der Menschen verändert“, sagt der Kommissar. „Vielleicht möchte jemand doch noch sein Gewissen erleichtern und ist dann doch bereit, über eine Sache zu sprechen.“
Wie viele Fälle bearbeiten die Cold-Case-Ermittler in Essen?
Insgesamt bearbeiten die Ermittlerinnen und Ermittler in Essen 56 offene Fälle. Bei 20 davon geht es um vermisste Personen, die möglicherweise Opfer eines Tötungsdeliktes wurden. Mehr als 30 sind ungeklärte Mordfälle.
Sachbeweise hingegen betreffen etwa Faser- und DNA-Spuren. Und genau da liege bei den heutigen Ermittlungsstandards ein großes Potenzial. Besonders Leichenfolien bieten demnach heute noch einmal ganz neue Möglichkeiten, erklärt der Kommissar. Wenn die Polizei einen Tatort mit einer toten Person betritt, kommen diese Folien bereits seit Jahrzehnten zum Einsatz.
Diese Folien werden an der Leiche angebracht, um Spuren zu sichern. Dabei habe sich allerdings die Ermittlungsrichtung geändert, sagt Wisnewski. Dabei sei es früher vor allem um Faserspuren gegangen. Die Kleidung war den Menschen damals leichter zuzuordnen gewesen. „Da hatte man vielleicht so einen individuell getragenen Wollstrickpulli, den sonst keiner hatte.“
DNA-Spuren liefern wichtige Hinweise auf Aussehen des Täters
Mit der Massenproduktion von Kleidung sei dieser Aspekt allerdings in den Hintergrund getreten, glaubt Wisneswski. Heute suche man auf Leichenfolien vor allem nach DNA-Spuren, wie etwa Hautschuppen des Täters oder der Täterin. Das sei vor allem bei den Cold Cases besonders hilfreich: „Manche dieser Folien wurden bis heute nie richtig beackert.“
Jetzt könne man aber anhand modernster Untersuchungstechnologien die Täter-DNA genau ermitteln. „Auch, wie alt der Täter zum Tatzeitpunkt war oder welche Hautfarbe er hat“, sagt Wisnewswki. Die gefundene DNA werde dann mit internationalen Datenbanken abgeglichen. Das sei eine wichtige Hilfe bei den Cold Cases..
Der Podcast zu den ungelösten Kriminalfällen aus Essen soll ab jetzt regelmäßig erscheinen. In den Folgen werden einzelne Cold Cases direkt von den Ermittlern vorgestellt, berichtet die Polizei aus Essen. Das geschieht vor allem dann, wenn sich die Ermittler etwas von der Veröffentlichung erhoffen. In der zweiten Folge will die Polizei etwa über das Verschwinden von Annette Lindemann berichten. Die Polizistin aus Gelsenkirchen gilt seit Jahren als vermisst. (ebu)
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