RWE-Tagebau Garzweiler

Polizei soll Lützerath räumen – doch der Bürgermeister stellt sich quer

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Der Ortseingang von Lützerath: Im Januar soll das Dorf geräumt werden. Die Klimaaktivisten rund um die Initiative „Lützerath lebt“ haben Widerstand angekündigt. Jetzt stellt sich auch die Stadt Erkelenz quer.
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RWE will an die Kohle unter Lützerath. Aktivisten kündigen Widerstand an. Die Polizei bereitet sich auf die Räumung vor – doch die Abriss-Pläne geraten ins Stocken.

Köln – Es klang so einfach. Mit einem „Gesamteinsatz“ will NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) das von Aktivisten besetzte Tagebau-Dorf Lützerath im Januar räumen lassen. Mehr als 150 Protestler campen derzeit dort, um gegen den Braunkohletagebau in NRW zu protestieren. Reuls Plan: Besetzer entfernen, Barrikaden beseitigen, Häuser abreißen, Bäume roden. Alles in einem Aufwasch sozusagen. Die Vorbereitungen seien schon im vollen Gange, man habe längst den Kölner Regierungspräsidenten gebeten, eine Räumungsverfügung auf den Weg zu bringen. „Erst danach kommt die Polizei ins Spiel, wenn nämlich die Stadt Erkelenz um Vollzugshilfe bittet“, so Reul. Nur: So einfach wird es wohl doch nicht. Denn die Stadt Erkelenz unter Bürgermeister Stephan Muckel (CDU) weigert sich, das zu tun.

Tagebau GarzweilerBraunkohle-Tagebau der RWE Power
Abraum pro Jahr175 bis 225 Millionen Tonnen
Kohleförderung pro Jahr35 bis 40 Millionen Tonnen
Start1940 (Neurath), 1987 als Garzweiler, ab 2006 Garzweiler II

RWE-Tagebau Garzweiler bei Lützerath: Stadt Erkelenz „grundsätzlich gegen den Tagebau“

„Grundsätzlich ist die Stadt Erkelenz gegen den Tagebau“, so eine Stadt-Sprecherin auf Anfrage. Erkelenz verliere wertvolle Flächen des Stadtgebiets und versuche, jeden Quadratmeter zu erhalten. So habe der beschlossene Kohleausstieg 2030 zwar Klarheit über den Erhalt der fünf Dörfer Keyenberg, Kuckum, Ober- und Unterwestrich sowie Berverath geschaffen. Aber die Stadt will in Lützerath nicht roden und räumen, denn: „Die Flächen befinden sich im Privateigentum der RWE AG.“ Nach Auffassung der Stadt Erkelenz sollte die bergbauliche Inanspruchnahme von denjenigen in Gang gesetzt werden, die die Entscheidung dazu getroffen haben.

So lebten die Bewohner von Lützerath: Zwischen Hippie-Kommune und Straßenkampf

Menschen besuchen das besetzte Lützerath
Anfang Januar kommen immer mehr Menschen nach Lützerath. Aktuell besetzen mehrere hundert Menschen das Dorf. Am 8. Januar gab es zudem einen öffentlichen Dorfspaziergang.  © Peter Sieben
Menschen mit Rucksack am Tagebau bei Lützerath
Viele reisen mit Rucksäcken an und wollen bleiben, um Lützerath zu verteidigen. Manche sind noch sehr jung, kaum volljährig. Aber es gibt hier auch Aktivisten jenseits der 60. © Peter Sieben
Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler II
Die gigantischen Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler II sind dauerpräsent: Langsam graben sie sich in Richtung Lützerath.  © Peter Sieben
Baumhäuser in Lützerath
Ähnlich wie im Hambacher Forst, leben die Aktivisten im Camp von Lützerath auch in Baumhäusern.  © Peter Sieben
Eine Frau hebt einen Graben in Lützerath aus
Zur Besetzer-Strategie gehört das Ausheben von Gräben. Täglich arbeiten die Aktivisten an Barrikaden.  © Peter Sieben
Ein gelbes X vor Lützerath
Das gelbe X ist das Symbol der Klimaaktivisten. Man findet es überall im besetzten Dorf.  © Peter Sieben
Ein großes gelbes X vor Lützerath
Das riesige Holzkreuz oder X-Symbol ist das Symbol der Kohlegegner und Klimaaktivisten. Ursprünglich nutzten es Demonstranten, die gegen die sogenannten Castortransporte protestierten, bei denen Atommüll in Endlager gebracht wurde.  © Peter Sieben
Gespensterpuppe in Lützerath
Plakativ: Für die Aktivisten aus Lützerath ist Strom aus Kohle ein Schreckgespenst.  © Peter Sieben
Annenmaykantereit in Lützerath
Prominenter Besuch: Die Kölner Band AnnenMayKantereit spielte ein Konzert bei Lützerath.  © Peter Sieben
Annenmaykantereit in Lützerath
Die Band spielte unplugged, nur mit Gitarre und Melodica. Auf dem Gelände begegnet man auch abseits solcher Konzerte Musikern mit Akustikgitarren.  © Peter Sieben
Zwei Menschen mit einem Schild am Tagebaugelände bei Lützerath
Menschen aus umliegenden Städten und Dörfern reisten im Januar nach Lützerath.  © Peter Sieben
Besetzer mit Sturmhauben in Lützerath
Wenn Menschen von außerhalb kommen, vermummen sich viele Besetzerinnen und Besetzer.  © Peter Sieben
Schild in Lützerath am Tagebau Garzweiler II
Lützerath liegt direkt an der Grenze zum Tagebau Garzweiler II. Rund 150 Aktivistinnen und Aktivisten wollen den Ort gegen den Abriss verteidigen.  © Peter Sieben
Menschen auf Campingstühlen am Garzweiler-Gelände
Drüben auf dem Hügel: Im Januar kommen immer mehr Menschen in das besetzte Dorf am RWE-Tagebau Garzweiler. © Peter Sieben
Zwei Menschen am Tagebau Garzweiler
Die Abbruchkante des Tagebaus ist inzwischen extrem instabil. © Peter Sieben
Eine Person sitzt auf einer Wiese vor dem Tagebau Garzweiler
Die Tagebaufläche an der Grenze zu Lützerath ist riesig. Das Gelände wurde einst landwirtschaftlich genutzt. © Peter Sieben
Menschen mit Fahnen am Tagebau Garzweiler
Beim AKtionstag im Januar kamen auch viele Menschen von außerhalb, die sich solidarisch mit den Besetzern zeigten.  © Peter Sieben
Karnevalsfigur von Armin Laschet in Lützerath
Eine alte Karnevalsfigur, die den Ex-Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU) darstellt. Inzwischen sind auch die Grünen nicht mehr wohlgelitten in Lützerath.  © Peter Sieben
Auto mit Graffiti in Lützerath
Ein buntes Schrottauto steht genau auf der Grenze zwischen dem Tagebau Garzweiler und Lützerath. © Peter Sieben
Besetzer auf einem Hochsitz in Lützerath
„Wir bauen in die Höhe, um es der Polizei so schwer wie möglich zu machen“, erklärt eine Aktivistin. An mehreren Stellen in und um Lützerath besetzen die Aktivisten permanent Hochsitze, verbringen dort oft Stunden. © Peter Sieben
Aktivisten errichten Barrikaden in Lützerath
Bauarbeiten in Lützerath. Das Errichten von Baumhäusern und Barrikaden haben sich die Aktivisten in Do-it-yourself-Manier beigebracht. Manche der Besetzer haben schon bei ähnlichen Aktionen wie im Hambacher Forst Erfahrungen gesammelt. © Peter Sieben
Schrottauto, das als Barrikade vor Lützerath dient
Der schrottreife Wagen stand lange Zeit auf der Straße zwischen Tagebau und Lützerath. Jetzt dient er als Barrikade.  © Peter Sieben
Ein alter Wohnwagen dient als Barrikade vor Lützerath
Ein alter Wohnwagen dient als Barrikade vor Lützerath. Unterstützung gibt es auch von Gruppen aus anderen Städten. © Peter Sieben
Zwei Menschen vor dem Tagebau Garzweiler
Die Aktivisten hatten zu einem Dorfspaziergang am 8. Januar eingeladen. Viele Menschen kamen aus umliegenden Städten – und ganz Deutschland und aus Nachbarländern nach Lützerath. © Peter Sieben
Aktivisten heben Gräben in Lützerath aus
Die Besetzer und Helfer heben Gräben aus und errichten Barrikaden in Lützerath.  © Peter Sieben
Barrikaden vor Lützerath
Noch vor zwei Monaten war dieser Weg frei. Jetzt haben die Aktivisten Barrikaden errichtet, um die Räumung durch die Polizei zu verhindern oder zumindest zu erschweren.  © Peter Sieben
Menschen sitzen auf einem Wall am Tagebau Garzweiler
Ausharren am Tagebau Garzweiler: Dir Lützerath-Räumung steht unmittelbar bevor.  © Peter Sieben
Fläche am Tagebau Garzweiler
Das einstige Feld ist eine Schlammlandschaft.  © Peter Sieben
Protestierende in Lützerath
Protest gegen die Braunkohle: Zwischen Aktivisten und Polizei kommt es immer wieder auch zu Rangeleien.  © Peter Sieben
Polizeibusse in Lützerath an der Abbruchkante vom Tagebau Garzweiler
In Lützerath ist die Polizei mit einem Großaufgebot vor Ort. © Peter Sieben
Polizei-Vorbereitungen zur geplanten Räumung des Dorfes Lützerath
Seit Anfang Januar gibt es immer wieder Rangeleien zwischen Aktivisten und Polizisten. Mehrere Menschen wurde festgenommen und es gab Verletzte.  © Henning Kaiser/dpa

Auch auf eine ordnungsbehördliche Weisung der Bezirksregierung der Bezirksregierung Köln, bei der Polizei Aachen um Vollzug zu bitten, reagiert der Bürgermeister nicht. Das Ersuchen um Vollzughilfe ist ein trockener bürokratischer Akt, der aber nötig ist, damit die Beamten bei der Räumung aktiv werden können. Eigentlich sollte der Verwaltungsvorgang schon gestartet sein, bislang existiert bei der Aachener Polizei aber kein solches Papier. „Das Vollzughilfeersuchen liegt hier noch nicht vor“, sagt der Aaachener Polzeisprecher Andreas Müller auf Anfrage.

„Komplexer Einsatz“ der Polizei in Lützerath

Dabei bereitet man sich dort schon seit einiger Zeit vor, das NRW-Innenministerium spricht von einem „komplexen polizeilichen Einsatz“ . Bereits am 5. Dezember machten sich die Beamten ein Bild von der Lage vor Ort. Der Einsatz diene lediglich der Aufklärung und stelle ausdrücklich nicht den Beginn der Räumung dar, stellte die Polizei klar. „Er ist jedoch unerlässlich, um eine professionelle und angepasste Einsatzvorbereitung zu gewährleisten“, hieß es weiter.

Tagebau Garzweiler: Warum ganze Dörfer abgerissen werden

►1983 entstand der Braunkohlentagebau Garzweiler als Zusammenschluss der schon existierenden Abbaufelder Frimmersdorf-Süd und Frimmersdorf-West. Der Energiekonzern RWE baut hier pro Jahr 35–40 Millionen Tonne Braunkohle ab.

►Die Braunkohle, die für die Energiegewinnung in Kohlekraftwerken verwendet wird, liegt manchmal auch unter Ortschaften. Wenn es zur Sicherung der Energieversorgung notwendig ist, müssen die Ortschaften weichen. Die Einwohner werden dann umgesiedelt, die Dörfer abgerissen.

►Die fünf Ortschaften Keyenberg, Kuckum, Unterwestrich, Oberwestrich und Berverath am Tagebau Garzweiler sollten auch zerstört werden. Doch im Koalitionsvertrag der schwarz-grünen NRW-Landesregierung wurde beschlossen, dass die Orte stehen bleiben.

►Lützerath hingegen soll 2023 geräumt werden, so sieht es die Einigung zwischen den grün geführten Wirtschaftsministerien von Bund und Land auf der einen und RWE auf der anderen Seite vor.

Die Aktivisten in Lützerath nannten den Polizeieinsatz eine „Machtdemonstration“. „Die Regierung zeigt damit, dass sie eine Räumung um jeden Preis autoritär durchdrücken will“, so eine Sprecherin der Initiative „Lützerath lebt!“.

Was die Widerstandsstrukturen anbelange, rechne man bei der Räumung im Januar mit Parallelen zum Hambacher Forst, wo Aktivisten über Monate den Wald besetzt hielten. „Auch in Lützerath wurden Baumhäuser errichtet. Darüber hinaus gibt es auch Barrikaden und Gräben, die eine Räumung erschweren sollen“, so Polizeisprecher Müller.

Die verlassenen Dörfer bei Lützerath – so sehen sie heute aus

Leerstehende Häuser in Dörfern bei Lützerath
Eine Gaststätte in Keyenberg. Weinranken haben die Fassade überwuchert, der Innenraum ist leer.  © Peter Sieben
Straße in Keyenberg
Leere Straßen und leere Häuser in Keyenberg. © Peter Sieben
Leerstand in Keyenberg
Auch dieser Metzgerladen steht leer. © Peter Sieben
Keyenberg bei Lützerath
In dem Tagebau-Dorf wohnen kaum noch Menschen.  © Peter Sieben
Fenster eines Hauses in Keyenberg
Einige Bewohner sind geblieben – in der Hoffnung, dass es eines Tages wieder lebendig wird in Keyenberg.  © Peter Sieben
Hausfassade in Keyenberg
Um viele Häuser kümmert sich niemand mehr. © Peter Sieben
Verlassene Häuser in Keyenberg
In einigen Dörfern wohnt nur noch ein Bruchteil der ursprünglichen Einwohnerzahl © Peter Sieben
Leerstand in Kuckum
Ein leerstehendes Geschäft in Kuckum. Von den einst 500 Einwohnern sind noch etwa 40 übrig.  © Peter Sieben
Überwuchertes Ladenschild
Ein Laden in Unterwestrich bei Lützerath, den es schon lange nicht mehr gibt.  © Peter Sieben
Verlassener Hof in Unterwestrich
Auch dieser alte Hof in Unterwestrich bei Lützerath ist längst verlassen. © Peter Sieben
Leere Straßein Keyenberg
Die Rolläden sind an den meisten Häusern in Keyenberg heruntergelassen.  © Peter Sieben
Weihnachtsschmuck in Keyenberg
Obwohl nicht mehr viele Menschen hier leben, steht ein Weihnachtsbaum vor der Kirche in Keyenberg. © Peter Sieben
Schild gegen Diebe in einem Vorgarten
In den leerstehenden Häusern in Unterwestrich, Keyenberg oder Kuckum kommt es oft zu Einbrüchen. Die, die noch hier wohnen, wollen Diebe und Vandalen mit solchen Schildern fernhalten.  © Peter Sieben
Gelbes Kreuz auf einer Mauer
Das gelbe Kreuz ist zum Symbol der Protestierenden geworden, die Dörfer wie Lützerath vor dem Abriss bewahren wollen. Man findet es überall in den halbverlassenen Orten nahe dem Tagebau Garzweiler.  © Peter Sieben
Der Friedhof von Kuckum bei Lützerath
Der Friedhof von Kuckum: Regelmäßig werden Gräber werden immer noch umgebettet – obwohl der Ort erhalten bleibt.  © Peter Sieben
Camp in Lützerath
Von den ursprünglichen Hof-Bewohnern ist in Lützerath niemand mehr da. Heute besetzen Klimaaktivisten den Weiler.  © Peter Sieben
Camp Lützerath
Das Camp der Klimaaktivisten in Lützerath am 7. Dezember: RWE hat das Dorf an diesem Tag vom Strom getrennt. © Peter Sieben
Baumhaus im Camp von Lützerath
Ähnlich wie im Hambacher Forst, leben die Aktivisten auch in Baumhäusern.  © Peter Sieben
Baumhaus in Lützerath
Manche der Baumhäuser in Lützerath sind in großer Höhe erbaut. © Peter Sieben
Hof in Lützerath
Die alten Gehöfte bieten ohnehin nur bedingt Schutz – ohne Strom wird es in Lützerath noch härter © Peter Sieben
Barrikaden in Lützerath
Im Januar soll Lützerath geräumt werden. Die Klimaaktivisten rund um die Initiative „Lützerath lebt“ haben Widerstand angekündigt.  © Peter Sieben
Ein zerstörtes Auto im Camp von Lützerath
Direkt an der Grenze zum Camp in Lützerath liegt der Tagebau Garzweiler von RWE.  © Peter Sieben
Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler II
Die gigantischen Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler II sind dauerpräsent: Langsam graben sie sich in Richtung Lützerath.  © Peter Sieben
Plastikstühle in Lützerath am Tagebau Garzweiler II
Protestcamp am Abgrund: Lützerath liegt direkt am RWE-Tagebbau Garzweiler II.  © Peter Sieben
Braunkohlebagger
Die Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler von RWE stehen unmittelbar an der Kante zu Lützerath.  © Peter Sieben
Heimtrainer vor der Grube von Garzweiler
Ein Heimtrainer am Abgrund. Am Tagebau Garzweiler gibt es immer wieder Mahnwachen der Aktivisten aus Lützerath. © Peter Sieben
Gespensterpuppe in Lützerath
Plakativ: Für die Aktivisten aus Lützerath ist Strom aus Kohle ein Schreckgespenst.  © Peter Sieben
Besetzer mit Sturmhauben in Lützerath
Wenn Menschen von außerhalb kommen, vermummen sich viele Besetzerinnen und Besetzer.  © Peter Sieben
Besetzer auf einem Hochsitz in Lützerath
„Wir bauen in die Höhe, um es der Polizei so schwer wie möglich zu machen“, erklärt eine Aktivistin. An mehreren Stellen in und um Lützerath besetzen die Aktivisten permanent Hochsitze, verbringen dort oft Stunden. © Peter Sieben
Ein alter Wohnwagen dient als Barrikade vor Lützerath
Ein alter Wohnwagen dient als Barrikade vor Lützerath. Unterstützung gibt es auch von Gruppen aus anderen Städten. © Peter Sieben
Menschen besuchen das besetzte Lützerath
Anfang Januar kommen immer mehr Menschen nach Lützerath. Aktuell besetzen mehrere hundert Menschen das Dorf. Am 8. Januar gab es zudem einen öffentlichen Dorfspaziergang.  © Peter Sieben

Parallelen zum Hambacher Forst – doch Protestler sind „bürgerlicher geprägt“

Mit Eskalationen wie damals müsse man aber eher nicht rechnen, denn: „Im Vergleich zur Situation im Hambacher Forst sehen wir aber einen Unterschied in der Zusammensetzung der Protestgruppen. In Lützerath sind die Gruppen viel bürgerlicher geprägt.“  Die Kommunikationsbeamten stünden schon jetzt im ständigen Kontakt mit den Aktivisten und Bürgerinitiativen vor Ort.

„Wer Lützerath angreift, wird einen hohen Preis zahlen“

Aber: „Wir können natürlich nicht in die Zukunft schauen und wissen nicht, was da noch für ein Mobilisierungspotenzial kommt.“ Innenminister Herbert Reul glaubt nicht, dass Lützerath zu einem ähnlichen Symbol wird wie der Hambacher Forst. Die Klugen in der Klimapolitik hätten längst verstanden, dass sie mit der Rettung des Forsts und dem vorgezogenen Kohleausstieg ganz viel gewonnen hätten, heißt es aus dem Ministerium. Ein verlassener Weiler wie Lützerath habe diese Bedeutung nicht.

Der Einsatz in Lützerath am Montagmorgen diene nur der Aufklärung, heißt es bei der Polizei Aachen.

Demgegenüber stehen Ankündigungen wie die des Aktionsbündnisses „Ende Gelände“, die jüngst mit markigen Worten massiven Widerstand versprachen: „Wir werden um Lützerath kämpfen, wie wir den Hambacher Wald verteidigt haben. Wer Lützerath angreift, wird einen hohen Preis zahlen“, heißt es von dort.

RWE-Tagebau bei Lützerath: „Ziviler Ungehorsam ist nicht legal“

„Das nehmen wir ernst. Da haben wir in den vergangenen Jahren auch entsprechende Erfahrungen gemacht, wenn die Aktivisten in Maleranzügen in den Tagebau eingedrungen sind“, so Andreas Müller von der Aachener Polizei. Es sei grundsätzlich die Aufgabe der Polizei, den friedlichen Protest zu schützen. Aber: „Der Begriff des zivilen Ungehorsams bringt das Motiv der politischen Unzufriedenheit zum Ausdruck. In der Vergangenheit hat man damit jedoch auch versucht, Straftaten zu legitimieren. Auch Gewaltstraftaten.“ 

Die Aktivistinnen und Aktivisten wollen weiter in Lützerath ausharren. Die Polizei ist nur bedingt willkommen: Kommunikationsbeamte aus Aachen stehen mit den Besetzern in Kontakt.

Grundsätzlich sei ziviler Ungehorsam ja nicht legal, sondern immer eine Gesetzesübertretung, stellt Müller klar. „Erst bei der Strafzumessung vor Gericht kann das eine Rolle spielen, wenn der Richter sieht: Okay, die Person hat die Straftaten nicht begangen, um jemandem konkret zu schaden. Für uns als Polizei ist es aber erst mal eine Straftat, die wir verfolgen müssen. Da haben wir keinen Handlungsspielraum“, so Müller.

RWE will nicht nur an die Braunkohle

Unabhängig von der sicherheitspolitischen Diskussion um Lützerath ist ein Team von Wissenschaftlern jüngst in einer Studie zu dem Schluss gekommen, dass die Kohle unter dem Ort gar nicht gebraucht werde, um die aktuelle Energiekrise zu überbrücken. Allerdings benötigt RWE neben der Kohle auch gewaltige Mengen an Erde, um an anderer Stelle Restlöcher zu verfüllen und zu rekultivieren, wie es vertraglich vorgesehen ist. So sollen aus den Tagebaulöchern häufig Seelandschaften werden, wie etwa in Hambach, wo der zweitgrößte See Deutschlands entstehen wird. Fair und unabhängig informiert, was in NRW passiert – hier unseren kostenlosen 24RHEIN-Newsletter abonnieren.

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