Letzte Kinderärztin in der Stadtmitte

Vergebliche Suche: Kinderärztin muss Praxis ohne Nachfolger schließen

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Schließt schweren Herzens: Mit Dr. Mechthild Reinecke hört zum 1. April die dritte Kinderärztin innerhalb von eineinhalb Jahren auf.
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Die Praxis von Dr. Mechthild Reinecke ist voll. Zum 1. April geht die Ärztin ohne Nachfolger in den Ruhestand. Es droht eine Versorgungslücke.

Hamm – Im Erdgeschoss des Universa-Hochhauses in Hamm wartet ein halbes Dutzend Eltern mit ihren Kindern auf den Aufzug. Im vierten Stock angekommen, können sie kaum aussteigen: Der Flur vor der Praxis von Dr. Mechthild Reinecke ist voll, so wie an jedem Montag im Winter. Zum 1. April wird Reinecke ihre Kinderarztpraxis schließen. Doch jetzt herrscht noch Hochbetrieb.

„Ich werde wohl wieder bis 18 Uhr ohne Pause durcharbeiten“, sagt die Ärztin. Es ist 11 Uhr, 94 Patienten sind bereits zur Behandlung angemeldet, weitere kommen dazu. Kinder schniefen, husten, schreien, ein Junge schläft erschöpft auf dem Arm seiner Mutter, ein Mädchen hat in den Flur gebrochen, die Sprechstundenhilfe putzt es weg. „Ich liebe die Kinder, liebe meinen Beruf“, sagt Reinecke. Aber sie kann nicht mehr. Seit 13 Monaten sucht sie ohne Erfolg einen Nachfolger. Inzwischen könne sie kaum noch schlafen, nehme ab, obwohl sie schon sehr schlank ist. Sie hat die Reißleine gezogen und ihren neun Mitarbeiterinnen schweren Herzens gekündigt, die Eltern informiert. Mit 65 Jahren wird sie in den Ruhestand gehen. Man merkt ihr ein schlechtes Gewissen an – dabei liegt es nicht an ihr, dass sie keinem ihre Praxis übergeben kann.

Folgen von Fehlentscheidungen vor Jahrzehnten zeigen sich heute

„Das kam mit Ansage“, sagt Dr. Hendrik Staender. Der Kinderarzt ist der Sprecher des Netzwerkes Päd Regio. Vor Jahrzehnten habe die Politik Medizinstudienplätze abgebaut. Die Folgen spüre man heute. „Der Nachwuchs fehlt.“ In den vergangenen Jahren gingen immer wieder Kinderärzte in Rente, zuletzt Ende 2022. Auch sie gingen ohne Nachfolger. In der Folge nahmen viele verbliebene Hammer Kinderarzt-Praxen neue Patienten auf, bis sie keine Kapazitäten mehr hatten. Schon vor einem Jahr galt in den meisten Praxen ein Aufnahmestopp, mit Ausnahme von Säuglingen und Kleinkindern.

Gebessert zu haben scheint sich die Situation nicht. Eine Mutter von zwei Kindern, sechs und acht Jahre alt, hat vergangene Woche erfahren, dass ihre Kinderärztin Reinecke schließt. „Ich habe jede Kinderarzt-Praxis in Hamm angerufen“, sagt sie. Bei vier Praxen sei trotz mehrerer Versuche keiner ans Telefon gegangen. Die Übrigen erreichte sie – und alle sagten ab, mit Ausnahme einer Praxis, die ihr als gesetzlich Versicherter anbot, alle Rechnungen privat zu bezahlen. „Ich weiß nicht, was ich machen soll“, sagt die Mutter. Sie habe auch die Kassenärztliche Vereinigung (KVWL) kontaktiert. Diese bot an, kurzfristige Termine zu beschaffen. Aber einen neuen Kinderarzt? Den könne sie auch nicht vermitteln.

Es ist eine kritische Situation.

Dr. Hendrik Staender, Sprecher Kinderärzte-Netzwerk Päd Regio

Reinecke versorgt zwischen 3.000 und 3.500 Patienten. Päd-Regio-Sprecher Staender geht davon aus, dass viele von ihnen künftig in der Notdienstpraxis und in der Kinderklinik am Evangelischen Krankenhaus auflaufen werden. Schon jetzt treffe er dort regelmäßig Kinder, die keinen Kinderarzt mehr hätten. Im März würden die verbleibenden Pädiater in Hamm beraten, wie es nach Reineckes Schließung weitergehen soll. „Es ist eine kritische Situation“, sagt Staender.

Formal hat Hamm kein Problem, gilt sogar als überversorgt

Formal fehlen in Hamm gar keine Kinderärzte. 13,5 Kinderärzte (Vollzeitäquivalente) gibt es laut der KVWL in Hamm derzeit, die Stadt gilt damit als überversorgt. So kann sich nicht mal ein Kinderarzt niederlassen. „Wir können das Problem angehen, wenn es da ist“, sagt Dr. Prosper Rodewyk, Leiter der für Hamm zuständigenBezirksstelle Dortmund der KVWL, das heißt: Erst, wenn Reineckes Praxis zu ist, wird die KV tätig. „Aber auch dann ist nicht unbedingt ein Arzt da, der die Stelle übernehmen könnte“, sagt Rodewyk.

Die Eltern können in weniger als 50 Kilometern nach Dortmund oder Münster fahren.

Dr. Prosper Rodewyk, Kassenärztliche Vereinigung

Dramatisch sei die Lage in Hamm nicht. „Die Eltern können in weniger als 50 Kilometern nach Dortmund oder Münster fahren“, sagt er, da gebe es noch Kinderärzte. In anderen Regionen sei es normal, solche Entfernungen zum Kinderarzt zurückzulegen. Zudem könnten Hausärzte Kinder ab dem Grundschulalter mit behandeln. Allerdings sind auch diese knapp, wie Rodewyk weiß. „Wir von der KVWL können nur Niederlassungsmöglichkeiten anbieten, Ärzte backen können wir nicht.“

Laut der KVWL sind aktuell 39 Prozent der Hammer Kinderärzte älter als 60 Jahre. Reinecke dürfte also auf absehbare Zeit nicht die letzte Kinderärztin sein, die in Ruhestand geht.

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