„Jahrelang nichts getan“

Hausärzte in Hamm: Der Zustand verschlechtert sich

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Hausärzte sind Mangelware. In Hamm werden demnächst fünf weitere Allgemeinmediziner aufhören.
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Die nächsten fünf Hausärzte in Hamm werden in Ruhestand gehen. Es sind kaum Nachfolger in Sicht. Ärzte fordern, dass die Politik endlich handelt.

Hamm – Wer noch einen Hausarzt hat, der behandle ihn gut: In den nächsten beiden Jahren werden voraussichtlich fünf weitere Hausärzte in den Ruhestand gehen, sagt Ulrike Leise-Rauße. Sie ist Sprecherin des Hammer Ärztevereins. Wer diese Ärzte sind, sagte sie nicht. Es seien die Innenstadt und mehrere andere Stadtbezirke betroffen. Sie hält es für unrealistisch, dass alle diese Ärzte Nachfolger finden.

Der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) zufolge sind derzeit in Hamm 89,25 Kassensitze vergeben (so wie bereits 2022), das entspricht Vollzeit-Äquivalenten und sind neun Sitze weniger als 2018. Wie viele Menschen deshalb keinen Hausarzt haben, ist nicht bekannt. Es müssten Tausende sein.

Patienten berichten, dass sie über Jahre keinen Hausarzt fanden

Auf einige von ihnen traf Leise-Rauße in dieser Woche, sie hatte eine Schicht in der Notdienstpraxis an der St.-Barbara-Klinik übernommen. „Mehrere Patienten berichteten mir, dass ihr Arzt vor Jahren in Ruhestand gegangen ist“, sagt sie. Die Leute hätten viele Praxen abtelefoniert, doch alle sagten ihnen ab, nähmen keine Patienten mehr auf.

Ulrike Leise-Rauße ist Sprecherin des Hammer Ärztevereins.

Hört der eigene Hausarztohne Nachfolger auf, gibt es kein geregeltes Verfahren zur Nachfolgersuche. Ein Sprecher der KVWL verweist auf die Telefonnummer 116 117: Dort können Patienten anrufen und Termine bei Haus- oder Fachärzten bekommen. Doch jeder Termin gilt nur einmalig. Fest als Patient in einer Praxis angenommen werden Anrufer nicht unbedingt.

Öffentliche Warnungen bereits vor acht Jahren - doch damals verhallten sie

Schon 2017 hatte der damalige Sprecher des Hammer Ärztevereins Matthias Bohle vor einem Ärztemangel in Hamm gewarnt. Damals stand ein Großteil der Hammer Hausärzte kurz vor dem Renteneintritt, gleichzeitig wurden nur wenige neu ausgebildete Ärzte fertig. „Es gibt ein eklatantes Missverhältnis zwischen der Zahl weggehender und der Zahl nachrückender Ärzte“, sagte er damals unserer Redaktion.

Inzwischen darf man sich ohne weitere Auflagen in Hamm niederlassen. Es tut nur keiner.

Ulrike Leise-Rauße, Sprecherin des Ärztevereins

Doch eine Reaktion, eine große Initiative zum Gegensteuern? Blieb aus. Hamm war damals sogar noch für die Niederlassung gesperrt, galt Zahlen der KVWL zufolge als überversorgt. „Inzwischen darf man sich ohne weitere Auflagen in Hamm niederlassen. Es tut nur keiner“, sagt dazu heute Leise-Rauße.

Gesundheitsausschuss gründete Arbeitskreis

2020 entschied der Hammer Gesundheitsausschuss, einen Arbeitskreis zum Thema zu gründen. Aus diesem hervorgegangen ist unter anderem das Famulaturcamp, bei dem Medizinstudenten für Praktika (Famulaturen) nach Hamm kommen. Stadt und Ärzteschaft hoffen, dass sich dadurch einige der Studenten dafür entscheiden, später in Hamm zu arbeiten. Dass sich einer der Ärzte in Hamm mit eigener Praxis niederlässt, sei in frühestens acht Jahren zu erwarten, hieß es im Sommer aus dem Organisationsteam des Camps.

Seit diesem Sommer schlägt allerdings nun auch die bis dahin zurückhaltende Kassenärztliche Vereinigung Alarm. Sie beteiligt sich an der bundesweiten Aktion „Praxenkollaps“, die auf die prekäre Situation aufmerksam machen soll. „Die deutsche Gesundheitspolitik fährt die ambulante Versorgung in den Praxen – um die uns bisher die ganze Welt beneidet – vor die Wand!“, heißt es. Sie fordert, Bürokratie abzubauen, etwas gegen Unterfinanzierung von Praxen zu tun, die Gesetzgebung zu verbessern und dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

Stadt Hamm wartet und wartet auf Vorgaben der Bundesregierung zu Medizinischen Versorgungszentren

Im Wahlkampf um das Oberbürgermeisteramt hatte auch Marc Herter das Thema aufgegriffen. Er sagte zu, dass in jedem Stadtbezirk Medizinische Versorgungszentren (MVZ) eingerichtet werden sollten. Darin können Ärzte sich anstellen lassen, müssen nicht den Schritt in die Selbstständigkeit gehen.

Nun ist Herter fast drei Jahre im Amt – und eine Initiative für MVZs ist nicht in Sicht. Die Ampelkoalition auf Bundesebene hatte in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart, die Einrichtung dieser MVZs zu erleichtern. „Wir warten weiter auf die Gesetzgebungsinitiative des Bundesministeriums für Gesundheit“, erklärte am Freitag ein Stadtsprecher dazu. „Zur Zeit existiert leider nur ein Referentenentwurf.“ Der Stand ist der gleiche wie vor einem Jahren.

Man hat jahrelang versäumt, etwas zu tun.

Ulrike Leise-Rauße, Sprecherin Hammer Ärzteverein

Leise-Rauße schätzt ihren Beruf, den Umgang mit Patienten. Doch viele äußere Faktoren wie die schlechte Bezahlung, Bürokratie und der sich zuspitzende Hausärztemangel belastet die Arbeit. „Man hat jahrelang versäumt, etwas zu tun“, sagt sie. „So kann es nicht weitergehen.“

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