Klimawandel

„Extreme Wetterlagen“: Problem der NRW-Landwirte trifft Verbraucher

  • schließen

Auch die Landwirte in NRW treffen die Folgen des Klimawandels hart. Ihnen drohen in diesem Jahr wegen „extremer Wetterlagen“ starke Einbußen.

Hamm – Der Erfolg der Landwirtschaft ist stark vom Wetter abhängig. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich viele Bauernregeln gebildet, wie zum Beispiel zu den Hundstagen im August. Mittlerweile ist es für die Bauern aber immer schwieriger geworden, das Wetter richtig einzuschätzen. Zu viele Extremlagen gibt es aufgrund des Klimawandels. Das stellt auch die Landwirte in Nordrhein-Westfalen vor große Probleme.

Die Landwirtschaft ist von den Folgen des Klimawandels betroffen

„Die Landwirtschaft ist wie kaum ein anderer Wirtschaftssektor vom Klimawandel betroffen. In den letzten Jahren war insbesondere eine Zunahme extremer Witterungsbedingungen zu beobachten“, erklärt Jan-Malte Wichern, Sprecher der Landwirtschaftskammer NRW, auf wa.de-Nachfrage. Dazu würden „Spätfröste, extreme Niederschläge oder länger anhaltende stabile Wetterlagen, in denen es entweder mehrere Wochen zu trocken und gegebenenfalls auch zu warm oder zu feucht war“ zählen. Da das auch in diesem Jahr wieder der Fall ist, drohen den Bauern heftige Einbußen und Ernte-Ausfälle – das dürfte letztendlich auch Auswirkungen auf Verbraucher haben.

Landwirtschaftskammer-Sprecher Wichern weiß: „Die Zunahme extremer Wetterlagen erschwert den Anbau von Pflanzen und erhöht das Produktionsrisiko, weil landwirtschaftliche und gartenbauliche Betriebe häufiger Ertragsausfälle und Qualitätseinbußen hinnehmen müssen und infolgedessen weniger Einnahmen haben.“ Höhere Preise in den Supermärkten und Discountern wäre die Folge. Besserung ist nicht in Sicht – im Gegenteil.

„Wir erwarten unter anderem mehr Starkregen und noch mehr Hitze. NRW hält sogar mit 41,2 Grad gemessen 2019 in Duisburg und Tönisvorst den aktuellen deutschen Hitzerekord. Teile von NRW, wenn man nicht gerade ins Sauerland geht, sind Regionen, die besonders heiß werden. Auch ausgetrocknete Flüsse kennen die Menschen hierzulande schon“, erklärte Klimaforscher Prof. Dr. Latif unlängst im Interview mit wa.de. Das Wetter wird aufgrund des Klimawandels immer extremer. Für die Landwirte ist dabei der Zeitpunkt entscheidend.

Hitzewellen können die Pflanzen in NRW schädigen

Hitzewellen können in einem sensiblen Wachstumsstadium einer Pflanze, zum Beispiel beim Getreide während der Anlage und Ausbildung der Ähren, erhebliche Schäden verursachen. „Manche Kulturen sind anfälliger für extreme Sonneneinstrahlung oder Trockenheit wie beispielsweise Kartoffeln, die nur ein flaches Wurzelwerk ausbilden und daher keine Feuchtigkeit aus tieferen Bodenschichten erschließen können. Demgegenüber machen lange Regenperioden die Befahrbarkeit des Bodens unmöglich, sodass wichtige Feldarbeiten nicht durchgeführt werden können“, erklärt Wichern.

Zuletzt hatten die Landwirte in NRW daher Schwierigkeiten, „die dringende Ernte vor allem von Weizen, Roggen, Triticale und Raps“ zum richtigen Zeitpunkt einfahren zu können. „Teilweise keimen bereits Körner in den Ähren auf dem Feld oder es wachsen grüne Pflanzen in liegenden Getreidebeständen, wodurch das Dreschen später erschwert wird. Vor diesem Hintergrund sind erhebliche Qualitätseinbußen und Erlösverluste zu erwarten“, sagt der Sprecher der Landwirtschaftskammer NRW.

Folgen des Klimawandels sind in NRW massiv spürbar

Klimaforscher Prof. Dr. Latif meint, es sei längst zu spät. Die Folgen des Klimawandels seien schließlich bereits massiv spürbar. „Kurzfristig wird sich die Situation nicht verbessern. Wir müssen also versuchen, uns besser anzupassen“, sagt er. Seine klare Forderung: „Wir müssen den Ausstoß von Treibhausgasen senken.“ Dessen sind sich auch die Landwirte bewusst.

Die Gletscher schmelzen – So verändert der Klimawandel die Erde

Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben.
Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben. © dpa/NASA/AP
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer.
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer. © Felipe Dana/dpa
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen.
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen. © Urs Flueeler/dpa
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen.
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen. © Oscar Vilca/INAIGEM/afp
Auch der Rhonegletscher, der älteste Gletscher der Alpen, wird durch spezielle Decken vor dem Schmelzen geschützt. So soll verhindert werden, dass die Gletscher in den Alpen verschwinden.
Auch der Rhonegletscher, der älteste Gletscher der Alpen, wird durch spezielle Decken vor dem Schmelzen geschützt. So soll verhindert werden, dass die Gletscher in den Alpen verschwinden. © Urs Flueeler/dpa
Ein Eisberg schwimmt im Juni 2019 durch die Bonavista Bay in Neufundland. Wasser von Eisbergen gilt als „rein“ und wird für bestimmte Produkte vermarktet – unter anderem für Wodka, Likör, Bier und Kosmetik. Gleichzeitig schmilzt das Eis dieser Erde immer schneller – eine schlechte Kombination.
Ein Eisberg schwimmt im Juni 2019 durch die Bonavista Bay in Neufundland. Wasser von Eisbergen gilt als „rein“ und wird für bestimmte Produkte vermarktet – unter anderem für Wodka, Likör, Bier und Kosmetik. Gleichzeitig schmilzt das Eis dieser Erde immer schneller – eine schlechte Kombination. © Johannes Eisele/afp
Ein Eisberg an der südöstlichen Küste Grönlands kalbt: Eine große Eismasse bricht vom Apusiajik-Gletscher ab und stürzt ins Wasser.
Ein Eisberg an der südöstlichen Küste Grönlands kalbt: Eine große Eismasse bricht vom Apusiajik-Gletscher ab und stürzt ins Wasser. © Jonathan Nackstrand/afp
Der Aletsch-Gletscher ist der größte Gletscher in den Alpen. Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel aufzuhalten, könnte er bis zum Ende des Jahrhunderts komplett verschwinden, hat eine Studie im Jahr 2019 gezeigt.
Der Aletsch-Gletscher ist der größte Gletscher in den Alpen. Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel aufzuhalten, könnte er bis zum Ende des Jahrhunderts komplett verschwinden, hat eine Studie im Jahr 2019 gezeigt. © Fabrice Coffrini/afp
Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, doch an der Situation hat sich seitdem nicht viel geändert: Die massiven Gletscher Tibets leiden unter dem Klimawandel und schmelzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Eis in dieser Region zehnmal schneller geschmolzen als in den Jahrhunderten davor, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2019. Seit der letzten kleinen Eiszeit seien zwischen 400 und 600 Kubikkilometer Eis verschwunden – das entspricht dem gesamten Eisvolumen der europäischen Alpen, des Kaukasus und von Skandinavien.
Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, doch an der Situation hat sich seitdem nicht viel geändert: Die massiven Gletscher Tibets leiden unter dem Klimawandel und schmelzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Eis in dieser Region zehnmal schneller geschmolzen als in den Jahrhunderten davor, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2019. Seit der letzten kleinen Eiszeit seien zwischen 400 und 600 Kubikkilometer Eis verschwunden – das entspricht dem gesamten Eisvolumen der europäischen Alpen, des Kaukasus und von Skandinavien. © Peter Parks/afp
Der Gletscher Nr. 12 im Laohugou-Tal im westlichen Teil des Qilian-Gebirges in der nordwestchinesischen Provinz Gansu ist der längste Gletscher im Qilian-Gebirge. Da er aufgrund des Klimawandels schrumpft, sind Ausflüge zu dem Gletscher verboten.
Der Gletscher Nr. 12 im Laohugou-Tal im westlichen Teil des Qilian-Gebirges in der nordwestchinesischen Provinz Gansu ist der längste Gletscher im Qilian-Gebirge. Da er aufgrund des Klimawandels schrumpft, sind Ausflüge zu dem Gletscher verboten. © imago/Xinhua
Im Sommer 2010 ist vom Petermann-Gletscher vor der Nordwestküste Grönlands ein gewaltiger Eisbrocken abgebrochen. Das Bruchstück hat etwa zweieinhalb Mal die Fläche der Insel Sylt, mit dem Wasser, aus dem der Eisbrocken besteht, könnte der gesamte Wasserverbrauch der USA für vier Monate gestillt werden.
Im Sommer 2010 ist vom Petermann-Gletscher vor der Nordwestküste Grönlands ein gewaltiger Eisbrocken abgebrochen. Das Bruchstück hat etwa zweieinhalb Mal die Fläche der Insel Sylt, mit dem Wasser, aus dem der Eisbrocken besteht, könnte der gesamte Wasserverbrauch der USA für vier Monate gestillt werden.  © NASA Earth Observatory/Jesse Allen und Robert Simmon/United States Geological Survey/dpa
Während seiner Zeit als Bundesaußenminister besucht Heiko Maas (l., SPD) Gletscher bei Pond Inlet in der kanadischen Arktis. Die Erderwärmung ist in dieser Region zwei bis drei Mal so stark wie in anderen Weltregionen.
Während seiner Zeit als Bundesaußenminister besucht Heiko Maas (l., SPD) Gletscher bei Pond Inlet in der kanadischen Arktis. Die Erderwärmung ist in dieser Region zwei bis drei Mal so stark wie in anderen Weltregionen. © Kay Nietfeld/dpa

„Die Landwirtschaft ist nicht nur von sich ändernden klimatischen Bedingungen betroffen, sondern sie verursacht in der Tat auch Treibhausgasemissionen, in Deutschland rund 7 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen“, sagt Wichern. Das wohl bekannteste Gas, Methan, entsteht größtenteils im Stall bei der Verdauung der Tiere.

„Wie diese Emissionen zu verringern sind, wird intensiv erforscht“, erklärt Wichern. Auch Gülle sowie mineralische Düngemittel tragen ihren Teil dazu bei – deren Einsatz hätten die landwirtschaftlichen und gartenbaulichen Betriebe daher seit 2015 „deutlich gesenkt“. Die Folgen des Klimawandels treffen sie aber jetzt schon hart. Die Bauern in NRW haben daher gelernt, sich anzupassen.

Landwirte in NRW passen sich an den Klimawandel an

Der Boden spiele eine wichtige Rolle bei der Anpassung an den Klimawandel. „Ein gesunder Boden mit ausreichender Humusversorgung und guter Bodenstruktur, das heißt keine verdichtete Bodenschicht, kann die Auswirkungen von extremen Witterungsbedingungen puffern“, meint Wichern. „Um das Produktionsrisiko zu streuen, können unterschiedliche Kulturen und Sorten angebaut werden“, erklärt er zudem.

Wetterextreme, wie starke Hagelschauer, können empfindliche Kulturen – Obst beispielsweise – beschädigen. Diese Schäden könnten „durch Hagelnetze vermieden werden“. Gegen die finanziellen Folgen mancher Extremwettereignisse könnten außerdem Versicherungen abgeschlossen werden, so Wichern. Verbreitet seien da insbesondere Hagelversicherungen. „Inzwischen werden auch Versicherungen gegen Schäden beispielsweise durch Starkregenereignisse oder Dürre angeboten“, erklärt der Sprecher der Landwirtschaftskammer NRW. Doch alle diese Maßnahmen bringen auch einen großen Nachteil mit sich.

Sie kosten viel Geld. „Grundsätzlich“, sagt Wichern, „verursachen die Anpassungsmaßnahmen zusätzliche Kosten.“ Die würde jeder Betrieb individuell abwägen. Im Zweifel treiben sie den Endverbraucherpreis in die Höhe – der Klimawandel und dessen Folgen kommt also jedem teuer zu stehen. Nicht nur den Landwirten in NRW.

Rubriklistenbild: © IMAGO

Kommentare