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Essen gehen in Hamm: Wie stark steigen die Preise für Restaurants?

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  • Markus Hanneken
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Die Gastronomie kämpft: Wir haben in vielen Restaurants in Hamm nachgefragt, mit welchen Preisen zum Essen gehen die Gastronomen rechnen.

Hamm – „Alle Gastronomen, die die Preise nicht anheben, werden auf der Strecke bleiben.“ Das sagt Klaus Osiewacz, Geschäftsführer der Restaurants Westend und Haus Henin in der Innenstadt von Hamm. Die unlängst zurück auf 19 Prozent angehobene Mehrwertsteuer in der Gastronomie sei nur ein kleiner Baustein, tatsächlich lasse der in allen Bereichen steigende Kostendruck keine andere Wahl: „Wir sind aus wirtschaftlichen Gründen dazu gezwungen.“ Das Sorgen-Szenario zieht sich quer durch das Hammer Stadtgebiet, wie eine beispielhafte Umfrage bei bekannten und beliebten Restaurants belegt.

Essen gehen in Hamm: Wie sehr steigen die Preise für Restaurants?

Gastronomen müssten mit einem Bündel aus 60 bis 70 verschiedenen Kostenfaktoren arbeiten, erklärt Osiewacz. Keiner davon sei günstiger geworden. Die bekanntesten: Seit Anfang 2023 seien die Energiekosten fast um das doppelte („Mehrere Tausend Euro im Monat“) und seit zwei bis drei Jahren die Personalkosten um rund 25 Prozent gestiegen. Die Teuerung beim Wareneinkauf spüre jeder Bürger selbst im Geldbeutel. Und mit der zeitweisen Absenkung der Mehrwertsteuer auf 7 Prozent hätten sich die Gastronomen „nicht die Taschen vollgemacht – das hat nur kompensiert“, was Corona genommen hat. Während es bei vielen Alltagsprodukten wie Konzertkarten, Zeitungen, Bäcker oder Döner kontinuierlich Preissprünge gab, hätten Gastronomen diese aus Sorge vor Kundenschwund oftmals lange Zeit ausgesessen. „Und jetzt gibt es laute Klagerufe…“

Klaus Osiewacz will die Preise um durchschnittlich zehn Prozent anheben - Getränkepreise bleiben stabil.

Restaurants in Hamm: Westend/Haus Henin

Seit einigen Wochen ist das Preis-Eis gebrochen, auch im ökonomisch schwierigen Hamm wurden große Teile der Branche von einer Teuerungswelle erfasst – wenn auch mit Augenmaß, wie oft zu hören ist. Für Osiewacz‘ Betriebe gilt das natürlich auch. So wurden die Preise für Speisen im Haus Henin mit dem Pächterwechsel zum Jahresbeginn um durchschnittlich zehn Prozent angehoben; die Getränkepreise blieben stabil. Einige Monate zuvor hatte Osiewacz‘ Vorgänger Werner Nimmert die Sommerkarte 2023 leicht verteuert. Auch im Westend sollen zwar die Getränke nicht teurer werden, wohl aber in Kürze die Speisen – und zwar laut Osiewacz um voraussichtlich durchschnittlich „zehn bis zwölf Prozent“. Das beliebte Frühstücksbuffet bleibe aber unangetastet, sagt er. Die letzte reguläre Preiserhöhung im Westend datiere von Ende 2020, während der Coronazeit gab es allerdings eine mehrmonatige „Zehn-Prozent-Aufschlag“-Phase.

Restaurants in Hamm: R-Café, Sissi + Franz und Extrablatt

Die Preise im R-Café, im „Sissi + Franz“ und im Café Extrablatt steigen um rund zehn Prozent. Im Letzteren sei das bereits geschehen, berichtet die Lippewelle. Die gestiegene Mehrwertsteuer könne er dadurch nicht komplett abfangen, aber noch höhere Preise ließen sich nicht durchsetzen, wurde Pächter Ali Bozdogan unlängst zitiert. Er verantwortet alle drei Lokale. Für ergänzende Nachfragen des WA – etwa zu früheren Preiserhöhungen – war Bozdogan aus Urlaubsgründen nicht erreichbar.

Pächter und Betreiberin: Ali Bozdogan und Tochter Sezen Bozdogan haben unter anderem das R-Café im Wassersportzentrum.

Restaurants in Hamm: Olive

Irfan Kartal, Inhaber der Olive im Luther-Viertel, geht ebenfalls davon aus, dass in seinem Restaurant die Preise erhöht werden müssen, noch ist es aber nicht so weit. „Wir warten noch auf die Antworten der Lieferanten.“ Von den ersten Anbietern wurden die Gastronomen bereits im Dezember über Preiserhöhungen informiert. „Je weiter weg, umso eher schreiben sie uns“, sagt Kartal.

Kartal stellt klar, dass nicht alle Erhöhungen an die Kunden weitergegeben werden. Die Gesellschaft müsse zusammenstehen. Er rechnet mit Preissteigerungen zwischen fünf und zehn Prozent und das auch nicht auf alle Gerichte, sondern einzelne Artikel. Trotzdem sieht er schwierige Zeiten auf die gesamte Gastronomie-Szene zukommen. Die hohen Spritpreise, die Lkw-Maut und auch die Energiekrise verursachten hohe Kosten. „Wir müssen viel schlucken. Die goldenen Zeiten in der Gastronomie sind vorbei“, sagt Kartal. Ein Lichtblick: Das Team der Olive hat sich entschlossen, ein zweites Restaurant zu eröffnen. Die Olive in Osnabrück bietet ebenfalls türkische Küche und Steaks.

Restaurants in Hamm: Bach Tra Cuisine

Ngo Duy Linh, Inhaber des Restaurants Bach Tra Cuisine, möchte weiterhin viele Gäste haben.

Ein weiteres gut besuchtes Innenstadt-Restaurant ist das „Bach Tra Cuisine“. Dort gelten seit der Eröffnung Ende 2022 unveränderte Preise, obschon Gastro-Profikollegen diese in einer TV-Show auf „Kabel 1“ kürzlich als viel zu niedrig für das Gebotene bezeichneten. Voraussichtlich im März will Pächter Ngo Duy Linh seine Karte um „12 bis 15 Prozent“ verteuern. Der Vietnamese nennt das mit Blick auf das schwere Kostenpaket aus gestiegenen Löhnen, Einkaufs-, Transport- und Energiepreisen maßvoll. „Wir wollen auch weiterhin kein Luxusrestaurant mit Luxuspreisen sein, sondern lieber viele Gäste haben“. Die künftigen Preise wolle er möglichst früh offen im Netz und über Social Media kommunizieren. „Die Gäste sollen keinen Schock bekommen.“ Ngo berichtet aus einer Gastronomen-Gruppe, der er angehöre, dass 70 Prozent seiner Kollegen große Zukunftsängste hätten.

Restaurants in Hamm: Delphi

Existenzängste habe er zum Glück nicht entwickelt, berichtet Dimi Gkikas vom Restaurant Delphi an der Werler Straße – einer von zwei großen Griechen in Hamm. Doch auch der 61-Jährige spürt die Schlinge schmerzhaft am Hals, auch weil die eigene Rentenplanung der vergangenen Jahre längst nicht mehr ist, was sie sein sollte. Für Gkikas sind Wirte, die stolz bei ihren bisherigen Preisen bleiben, „unseriös“: „Wenn ich schon vorher drei Mal erhöht habe, brauche ich das jetzt natürlich nicht mehr tun.“ Er habe für die seit Anfang Januar geltende neue Karte eine „Zwischenlösung“ gewählt, nicht den zwölfprozentigen Steueranstieg ausgeschöpft, sondern „etwas weniger gemacht und etwas verteilt“. Das entspreche einem bis zwei Euro mehr pro Hauptgericht. Auch im Delphi wurden die Getränke nicht teurer. Irritiert zeigt sich Gkikas auch vom Umgang der Bundesregierung mit den Coronahilfen: „Jene, die damals trotz allem gearbeitet haben, mussten sie wieder zurückzahlen – das fühlt sich komisch an.“

Spürt die Schlinge: Dimi Gkikas vom Restaurant Delphi.

Restaurants in Hamm: Marathon

Noch in der Beobachtungsphase steckt der kleine griechische Imbissbetrieb „Marathon“. Mit den seit Oktober 2022 geltenden Kartenpreisen kam man dort lange Zeit einigermaßen zurecht, doch inzwischen sei es schwierig geworden. Voraussichtlich „in ein paar Wochen“ werden daher auch bei Marathon die Gerichte teurer, kündigt Geschäftsführerin Rula Tzoka an.

Restaurants in Hamm: Gasthof Hagedorn

Alles wird teurer: Klaus Hagedorn in seinem Gasthof möchte die Preise nur leicht erhöhen.

Leicht erhöht werden die Preise im Gasthof Hagedorn im Hammer Norden. Frisch aus den Betriebsferien zurückgekehrt, kosten die Gerichte ein bis zwei Euro mehr, so Inhaber und Koch Klaus Hagedorn. Eins zu eins will er die erhöhten Kosten nicht an die Kunden weitergeben. „Das sprengt den Rahmen, wir wollen ja, dass die Gäste hierbleiben“, sagt Hagedorn. „Wir müssen das gelassen angehen und das Beste daraus machen.“ Auf keinen Fall möchte er kleinere Portionen servieren oder auf kleine Zusatzleistungen wie Brot und Butter verzichten.

Restaurants in Hamm: Die Knolle

Auch Greta Debus, Inhaberin von „Die Knolle“, hat Preisanpassungen im Auge. „Wir werden die gestiegenen Kosten auf keinen Fall komplett an die Kunden weitergeben, aber auch nicht drumherum kommen, bei einigen Gerichten ein wenig zu erhöhen“, sagt Debus. „Wir können die Mehrbelastung nicht allein auffangen.“ Sie zeigt sich aber optimistisch, dass die Kunden verständnisvoll sein werden: „Ich habe schon mit einigen Gästen gesprochen, und bisher hat sich niemand beschwert – im Gegenteil.“

Greta Debus, Inhaberin vom Restaurant „Die Knolle“ in Hamm, sagt dass die Mehrbelastung nicht alleine aufgefangen werden kann.

Restaurants in Hamm: Brauhof Wilshaus

Nicole Wilshaus vom Brauhof Wilshaus hat zum Faktor Mehrwertsteuer eine klare Meinung: „Dass die wieder heraufgesetzt werden würde, war ja eigentlich allen klar“, sagt sie. „Und sie wurde ja auch nicht gesenkt, damit die Gastronomie mehr Gewinn machen kann – es ging einzig darum, dass sie sich nach ewigen Schließungen in der Coronazeit überhaupt über Wasser halten konnte.“ Dass die Rückkehr aber ausgerechnet jetzt erfolge, wo auch noch ein neuer, höherer Mindestlohn anstehe, die Lebensmittelpreise auf hohem Niveau lägen und auch bei den Energiepreisen keine Entspannung in Sicht sei, halte sie für „mindestens ungeschickt“.

„Wie genau wir jetzt damit umgehen werden, ist allerdings noch nicht klar“, sagt Wilshaus. Ihr Lokal ist nach den Betriebsferien überhaupt erst wieder seit dem 17. Januar geöffnet. „Wir versuchen immer, unsere Preise auf einem günstigen Niveau zu halten. Preisfindung gehört in der Gastronomie zum Tagesgeschäft, das ist auch unabhängig von Erhöhungen immer der Fall.“

Restaurants in Hamm: Kurhaus-Gastro

Daniel Cadez von der Kurhaus-Gastronomie will aber seine Preise nicht erhöhen.

In der Gastronomie im Kurhaus sollen die Preise nicht erhöht werden, sagt Betreiber Daniel Cadez. Jeder habe gewusst, dass der Mindestlohn steige und die Senkung der Mehrwertsteuer wieder aufgehoben werde.

„Ich bleibe dabei, nur aufgrund der zurückgekehrten 19 Prozent Mehrwertsteuer im Speisenbereich, die Preise im Kurhaus anzuheben, ist der falsche Weg, der potenzielle Gäste durch gegebenenfalls anstehende Preisanpassungen verunsichert.“

Rubriklistenbild: © Andreas Rother

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