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Das Apothekensterben hat auch Hamm erfasst – schleichend zwar, aber spürbar: Für viele Bürger wird der Weg zu „ihren“ Medikamenten weiter.
Hamm – Im Bereich der Apothekerkammer Westfalen-Lippe gab es Ende 2022 insgesamt 1760 Apotheken – 37 weniger als im Jahr zuvor. Eine davon ist die Ost-Apotheke an der Ostenallee, die nach 65 Jahren ihren Betrieb eingestellt hat. Ein Hauptgrund: Fachkräftemangel – wie in fast allen Fällen.
Das sieht auch Thomas Harren so, der Kreisvertrauens-Apotheker der Apothekerkammer Westfalen-Lippe. Als er Mitte der 1990er Jahre die Nord-Apotheke von seinem Vater übernommen hat, habe es noch über 50 Apotheken in Hamm gegeben. Laut Apothekerkammer Westfalen-Lippe sank die Zahl der Apotheken in Hamm von 2007 bis Ende 2022 um 22 Prozent auf aktuell 39. Damit ist eine Apotheke für die Versorgung von durchschnittlich 4500 Bürgern zuständig. Im Jahr 2013 lag der Wert noch bei 3913 Bürgern.
Verwaltungsaufwand immens groß
Den Hauptgrund für die abnehmende Zahl sieht Harren nicht allein im Personalmangel, sondern vor allem darin, dass es immer weniger junge Apotheker gibt, die bereit sind, einen Betrieb selbstständig zu führen. „Da ist vergleichbar mit den Ärzten“, sagt Harren: „Der Verwaltungsaufwand ist immens groß geworden. Den zu bewältigen, haben immer weniger junge Leute Lust.“
Dabei werde nicht weniger ausgebildet, aber junge Pharmazeuten würden mittlerweile Anstellungen in der Industrie und im öffentlichen Dienst bevorzugen, weil die Arbeitszeiten dort geregelt seien. „Wer bis zu 80 Stunden in der Woche arbeiten muss, überlegt sich die Selbstständigkeit“, verweist Harren darauf, dass es neben den Öffnungszeiten und der Verwaltungsarbeit ja auch noch den Notdienst zu bewältigen gibt. Allein im Notdienst sei die Arbeitsbelastung dadurch größer geworden, dass deutlich mehr Telefonanrufe beantwortet werden müssen. Meistens seien es Nachfragen nach der Lieferbarkeit von Medikamenten. „Früher war einfach alles vorhanden“, sagt Harren.
Zahl der Mitarbeiter in verbliebenen Apotheken wächst
Auf den Aspekt des demografischen Wandels weist Michael Schmitz, Geschäftsführer Kommunikation der Apothekerkammer hin: Immer mehr Menschen seien wegen ihres Alters auf Arzneimittel angewiesen. Das spiegele sich in der Mitarbeiterzahl der Apotheken wider: „In Hamm zählen wir im Schnitt 9,5 Mitarbeitende je Apotheke. Vor 15 Jahren lag der Wert unter sieben Mitarbeitenden. Mit anderen Worten: Vor 15 Jahren waren in den 50 Apotheken gut 350 Mitarbeitende tätig, heute sind es in den 39 Apotheken etwa 370.“
Und dann gibt es da noch die Vergütungskürzung durch die Krankenkassen – ganz aktuell ab Anfang Februar: Apotheken müssen für jede Arzneimittelpackung, die sie an Patienten abgeben, den Krankenkassen einen erhöhten Rabatt einräumen. „Und das, obgleich diese in den vergangenen fast 20 Jahren lediglich einmal erhöht worden ist: vor zehn Jahren um gerade einmal drei Prozent. Weil zugleich Personal- und Sachkosten in diesem Zeitraum deutlich gestiegen sind, ist das Apothekenhonorar real gesunken“, heißt es vom Apothekerverband. Thomas Harren bestätigt das und verweist darauf, dass gerade bei den explodierenden Energiekosten kaum Einsparungen möglich seien, schließlich müssten Arzneien teilweise in Kühlschränken oder klimatisiert gelagert werden.