Fachkräfte

Bäckerhandwerk fehlt Nachwuchs - Ohne Nachtarbeit geht es kaum

  • schließen

Jeder will zum Frühstück frisches Brot und Brötchen. Doch kaum einer will backen. In den Backstuben des Kreises Soest fehlt der Nachwuchs. Die Lage im Kreis Soest.

Werl/Kreis Soest – „Wenn man auf die aktuelle Prüfungssituation blickt, sind gerade einmal drei Auszubildende in die Gesellenprüfung gegangen. Das ist natürlich viel zu wenig“, berichtet Detlef Kunkel, Obermeister der „Bäcker- und Konditoren-Innung Soest-Lippstadt“. Das Drei- oder sogar Vierfache an Auszubildenden sei nötig, um die Miarbeiter ersetzen zu können, die in Rente gehen oder aus anderen Gründen aus dem Berufsleben ausscheiden.

Die schwierige Nachwuchs-Suche

Viele Handwerksbetriebe tun sich schwer, geeigneten Nachwuchs zu finden – dies gilt auch für Gewerke, die mit aktuellen Themen auf sich aufmerksam machen. „Auch das Heizungshandwerk klagt über fehlenden Nachwuchs“, sagt Kunkel. „Uns Bäcker trifft es aber enorm.“ Im Gegensatz zu anderen Gewerken gehören Nacht- und Wochenendarbeit in den Backstuben dazu.

Bäckermeisterin und Inhaberin Elisabeth Vielhaber würde gerne mehr Leute aus dem Ausland einstellen. Doch bislang war der Prozess zu langwierig, deshalb blickt sie gespannt auf die Reform des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes.

„Die Leute wollen sechs bis sieben Tage die Woche frische Brötchen kaufen“, so Kunkel. Eine Vier-Tage-Woche? Kaum möglich. Auf Nachtarbeit verzichten? Ebenso wenig. So beliefert Detlef Kunkel mit seiner Lippstädter Bäckerei Wietfeld auch die Schulen in Soest. „Um sechs Uhr müssen die Brötchen vor Ort sein. Wie soll das gehen, wenn keiner um vier Uhr morgens in der Backstube stehen will, um sie frisch zu backen?“

Personal aus bereits geschlossenen Filialen

Wie groß die Personalnot, vor allem in den kleinen Bäckereien, ist, zeige sich auch daran, dass in keiner Filiale am Standort Soest mehr gebacken wird. Die Ware werde von außerhalb geliefert. Einige Filialen hätten bereits aufgeben müssen. Von dem verfügbaren Personal profitierten wiederum andere Filialen. Von Entspannung kann der Obermeister jedoch nicht sprechen: „Das Personal der geschlossenen Filialen auf andere zu verteilen, wird nicht reichen für die Zukunft.“

Elisabeth Vielhaber, Bäckermeisterin und in siebter Generation Inhaberin der gleichnamigen Bäckerei mit 28 Filialen unter anderem im Kreis Soest, setzt in ihrer Backstube in Sundern-Stockum daher auch auf Nachwuchskräfte aus dem Ausland. Seit einem Jahr ist dort ein Auszubildender aus Marokko beschäftigt. Ein anderer, aus Syrien stammender Mitarbeiter, sei zukünftig der neue Stellvertretende Konditorleiter. „Das sind echt gute Leute, und wir freuen uns über jeden, der gewillt ist, bei uns zu arbeiten und einigermaßen gute Deutschkenntnisse mitbringt. Wir sind ein sehr buntes Team, und alle sind zufrieden“, sagt Vielhaber.

Vorfreude auf novelliertes Fachkräfteeinwanderungsgesetz

Gerne würde sie weiteres Personal aus dem Ausland einstellen. Doch bislang sei der Prozess zu kompliziert gewesen. So dauerte es meist sehr lange, bis das Visum vorlag. Gespannt blickt die Inhaberin daher auf die Reform des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes, die den Prozess vereinfachen soll. Noch will sie den Tag nicht vor dem Abend loben. Vielhaber: „Vorfreude ist aber trotzdem da.“

Fachkräfteeinwanderungsgesetz

Fachkräfte sollen schneller und unbürokratischer in Deutschland arbeiten können. Mit einem Gesetz zur Weiterentwicklung der Fachkräfteeinwanderung sollen bestehende Hürden abgebaut werden. Laut Berthold Schröder, Präsident der Handwerkskammer Dortmund, enthalte die Novellierung viele gute Ansätze. „Künftig können 50.000 Staatsangehörige aus den Ländern, für die die Regelung gilt, einen Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt erhalten statt der bisherigen 25.000 Menschen“, so Schröder. Allein durch Fachkräfteeinwanderung werde man den Bedarf an qualifizierten Mitarbeitern jedoch nicht decken können, betont der Kammerpräsident. „Wir müssen weiterhin alles dafür tun, um die berufliche Bildung zu stärken und mehr junge Menschen für eine Karriere im Handwerk zu begeistern.“ Kurz vor dem offiziellen Ausbildungsstart am 1. August sind im Kreis Soest noch 139 Lehrstellen unbesetzt.

Ab August beschäftigt Vielhaber einen weiteren Auszubildenden in der Backstube. „Idealerweise wären es drei“, sagt die Inhaberin, die auf Messen unterwegs ist und Praktika zum Hineinschnuppern ins Bäckerhandwerk anbietet. Der prozentuale Anteil derer, die nach der Schule eine Ausbildung im Handwerk anstreben, sei zu gering, sagt Obermeister Kunkel. Wer das Abitur in der Tasche hat, beginnt ein Studium. Ungefähr jeder zweite Studierende überlegt im Verlauf des Studiums, ob sie oder er sich für den richtigen Studiengang entschieden hat.

Alternative Studienabbrecher und Studienzweifler

Dabei biete das Handwerk spannende Alternativen für Studienabbrecher und Studienzweifler. Sich einzugestehen, dass der eingeschlagene Weg eine Sackgasse war, fällt jedoch schwer. „Viele kraxeln dann lieber im zweiten Prüfungsversuch herum“, sagt Kunkel. „Wenn es nur noch Akademiker gibt, wer soll dann künftig Heizungen einbauen?“

Ziel ist es deshalb, jungen Menschen, das Handwerk wieder schmackhaft zu machen. Obermeister Kunkel: „Es ist keine Schande als Bäcker zu arbeiten. Im Gegenteil: Es ist ein toller Beruf.“

Vielhaber ergänzt: Nachts mit der Arbeit zu beginnen, habe auch Vorteile. „Man hat den Nachmittag dann frei und kann ins Freibad gehen, während andere noch arbeiten.“ Anders als auf der Baustelle sei man Platzregen oder extremer Hitze in der Backstube nicht ausgesetzt.

Rubriklistenbild: © Bender

Kommentare