Bürger entscheiden

Das Schicksal des Stadtbades: Was für und gegen eine Schließung spricht

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Jetzt steht die Entscheidung an: Mit einem Nein stimmen die Drolshagener für den Erhalt des Stadtbades, mit einem Ja stimmen sie für die Schließung.
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Drolshagen entscheidet am Sonntag über die Zukunft des Stadtbades. Wir geben einen Überblick über die wichtigsten Argumente. Inklusive Kosten-Analyse.

Drolshagen – Alle Augen in Drolshagen richten sich an diesem Wochenende auf das Schicksal des Stadtbades. Der Stadtrat hat beschlossen, dass die Bürger selbst entscheiden. An diesem Sonntag haben sie nun die Wahl: „Soll das Stadtbad in Drolshagen ab 01.01.2026 dauerhaft geschlossen werden?“ Auf diese Frage können die Bürger entweder mit Ja oder Nein antworten. Gewählt wird im Rahmen der Kommunalwahl. Die Drolshagener machen also in ihren Wahllokalen am Sonntag zusätzlich zur Rats-, Bürgermeister-, Kreistags- und Landratswahl auch ein Kreuz für oder gegen das Stadtbad.

Viele Argumente sind im Vorfeld ausgetauscht worden. Der SauerlandKurier hat die wichtigsten Fragen und Antworten zusammengetragen – und hilft mit dem nötigen Hintergrundwissen, die Dinge besser einzuordnen. Klar kann man argumentieren, dass die Wege kurz sind und emotionale Erinnerungen am Stadtbad hängen, aber wir haben den Fokus bewusst auf die folgenden Fragen gesetzt. Der Überblick:

Was passiert nach der Abstimmung?
Stimmt eine Mehrheit dafür, dass das Stadtbad geschlossen werden soll, entscheidet die Stadtverordnetenversammlung danach, ob das Gebäude abgerissen oder für einen anderen Zweck verwendet wird. Es steht eine Grundstücksfläche von circa 14.500 Quadratmeter zur Verfügung, die womöglich die Chance für etwas ganz Neues in Drolshagen bietet. Wird mehrheitlich gegen die Schließung gestimmt, müssen die Stadtverordneten darüber abstimmen, ob das Bad saniert wird oder nicht. Das dürfte aber nur eine Formsache sein.
Wie viele Schüler nutzen das Stadtbad?
Auf das ganze Jahr gesehen wird das Schwimmbad 7500 Mal von Schülern besucht. Wohin mit den Schülern, wenn das Stadtbad nicht mehr da wäre? Die Schulleiter sind skeptisch, wenngleich Grundschulleiterin Petra Schmidt sagt: „Es wäre schon ein großes Organisationsproblem, aber das würden wir, glaube ich, hinkriegen.“ Ohnehin fahren die 120 Zweitklässler im ersten Halbjahr und die 120 Viertklässler im zweiten Halbjahr aus allen drei Standorten schon jetzt mit dem Bus zum Schwimmunterricht. Im Fall einer Stadtbad-Schließung wäre also „nur“ die Fahrt länger. Und die Sekundarschule? Aus 200 Meter Fußweg müsste womöglich eine Busfahrt bis nach Olpe werden. „Für uns als Schule würde die Schließung einen erheblichen zeitlichen, finanziellen und personellen Mehraufwand für den Schwimmunterricht bedeuten“, sagt der stellvertretende Sekundarschulleiter Christian Otto. „In der bisherigen Form, mit zahlreichen Schwimmzeiten, wäre dieser mit großer Wahrscheinlichkeit nicht vollumfänglich durchzuführen.“ Allerdings: Die Schule hat schon jetzt Personalprobleme, kann Schwimmzeiten im Stadtbad nicht nutzen und schickt so „nur“ zwei fünfte Klassen mit insgesamt 42 Schülern ins Stadtbad.
Wie viele und welche Vereine nutzen das Stadtbad?
Genutzt wird das Stadtbad von den Vereinen TuS Drolshagen und der DLRG. Das sind zusammengefasst rund 5800 Besuche der Vereinsmitglieder, die im Stadtbad schwimmen. Zudem finden Babyschwimmen und verschiedene Kursangebote wie Aquacycling und Aquafitness im Hallenbad statt. Hier liegt eine der größten Unklarheiten, sollte das Stadtbad schließen. Denn für das Vereinsschwimmen gibt es bisher noch keinen Lösungsvorschlag.
Wie viele sonstige Besucher hat das Stadtbad?
Laut Ralf Wortmann, Mitarbeiter der Lenne Therme, sind es circa 30.000 sonstige Besucher im Jahr. Zusammengefasst – also mit Schülern und Vereinen – sind es damit in etwa 43.300 Besuche im Jahr. Geöffnet hat das Stadtbad sechs Tage die Woche. Umgerechnet wären das pro Öffnungstag im Durchschnitt 138 Besucher. Im Vergleich: Das ähnlich gelagerte Hallenbad in Attendorn kommt auf rund 50.000 Besuche im Jahr.
Hat das Hallenbad in Olpe Kapazitäten für mehr Schüler?
Sechs Zeitfenster á eine Stunde sind bereits von der Stadt Drolshagen im Freizeitbad Olpe reserviert worden, teilt Ingo Erhardt, Geschäftsführer der Olper Bäderbetriebe, mit. Damit gibt es also durchaus Kapazitäten. Aber reichen diese? Und was ist mit den Schulen? Da sich jedes Halbjahr der Stundenplan ändert, müssen jedes Mal neue Zeitfenster geblockt werden. Das gelte für jede Schule, also auch die in Olpe, bedeutet aber gleichzeitig: Wer zuerst eine Zeit blockt, bekommt sie auch. Die anderen Schulen müssen sich mit dem zufriedengeben, was übrig bleibt. Sobald der Hallenplan belegt ist, kann auch Ingo Erhardt nichts mehr freischaufeln. Immerhin dürfte das Olper Freizeitbad locker die Kapazitäten haben, die „normalen“ Besucher des Drolshagener Stadtbades auffangen zu können.
Wie teuer wäre der Abriss des Stadtbades?
Erste Kostenannahmen für das 1000 Quadratmeter große Hallenbad sollen bei 1 bis 1,5 Millionen Euro liegen, sagt Ralf Wortmann. Auch das wäre also nicht günstig, würde aber die Kosten aus dem laufenden Betrieb ersparen.

Die Kosten-Analyse: „Die Sanierungs-Kosten sind nicht das Problem“

3,6 Millionen Euro würde die Sanierung des Stadtbades kosten. Das meint zumindest ein Gutachter-Büro, das sich alle Winkel des Bades angesehen hat und im Mai dieses Jahres eine Kosten-Prognose abgegeben hat. 3,6 Millionen Euro – das klingt nach viel Geld. Aber ist es das für eine Stadt wie Drolshagen auch?

Die Relation ist entscheidend. Nehmen wir ein einfaches Mathe-Beispiel an: Ein Ehepaar hat im Jahr 50.000 Euro zur Verfügung. Dann würde das Paar wahrscheinlich lange überlegen, 12.500 Euro auszugeben (=25 Prozent), wohingegen 5000 Euro (=10 Prozent) verschmerzbarer wären. Für die Stadt Drolshagen belaufen sich die Stadtbad-Kosten auf ebendiese rund zehn Prozent ihres „Jahreseinkommens“, denn sie rechnet für dieses Jahr mit Gesamteinnahmen in Höhe von 34,2 Millionen Euro. Also: Viel oder nicht viel?

Wenn man berücksichtigt, dass Drolshagen all diese Einnahmen verplant hat und sogar ohne Stadtbad-Sanierung auf 38,6 Millionen Euro an Ausgaben kommt (die Differenz wird aus dem stadteigenen Sparbuch ausgeglichen), dann ist es viel. Und: Drolshagen steht in den nächsten Jahren vor weiteren Millionenausgaben. Allein der Ausbau der Gräfin-Sayn-Schule, der Ersatzneubau der Grundschule Schreibershof und die Sanierungen der Sekundarschule und der Sporthalle Herrnscheid könnten in den nächsten Jahren 38 Millionen Euro (!) kosten. Da kann einem zu Recht um die Drolshagener Finanzen angst und bange werden.

Doch diese schwindelerregenden Summen zeigen, dass die Antwort auf unsere Frage – viel oder nicht viel – nur lauten kann: Rein verhältnismäßig wäre die Sanierung für das Stadtbad machbar. Zumal man die Kosten ja auch – wie bei solchen Sanierungen üblich – über mehrere Jahre strecken könnte. Heißt: Die Stadt zahlt in diesem Jahr 1,2 Millionen, im nächsten Jahr 1,2 und im dritten Jahr noch mal 1,2 Millionen. Das empfiehlt sogar das Gutachterbüro und es schont den Jahres-Geldbeutel.

Andere Kommunen gehen ebenfalls so vor. Finnentrop zum Beispiel hat gerade die Sanierung des Finto-Erlebnisbades gestartet. Klar hat das Finto dort aufgrund der Ausstattung mit Rutschen, Freibad und Saunen eine andere Anziehungskraft als das Stadtbad in Drolshagen. Aber zum Kostenvergleich taugt es dennoch: Die Gemeinde Finnentrop lässt sich die Sanierung des Finto nämlich rund 20 Prozent ihres Jahresbudgets kosten: genau genommen 7,8 Millionen Euro bei 37,4 Millionen Euro Jahreseinnahmen. Auch hier wird aber anders gerechnet, weil die Investition auf mehrere Jahre gestreckt wird, zusätzlich gibt es Fördermittel von 1,7 Millionen Euro.

Solche Fördermittel sind in Drolshagen noch gar nicht berücksichtigt. Der neu gegründete Stadtbad-Förderverein fordert schon länger, Fördermittel zu beantragen oder alternativ Spenden zu sammeln, die die Kosten für die Stadtbad-Sanierung weiter senken. Zusätzlich hat der Bund erst kürzlich angekündigt, Milliarden für Kommunen bereitzustellen. Vielleicht kommen 1 bis 2 Millionen davon auch in Drolshagen an. Aber vielleicht tritt auch der Worst Case ein: keine Förderung, kaum Geld vom Staat, wenige Spenden und – wie das oft im Bau so ist: Plötzlich kostet alles doch viel mehr als ursprünglich geplant.

Der Bürgermeister warnt schon länger vor einem solchen Szenario und nennt Steuererhöhungen als mögliche Konsequenz, um alles finanzieren zu können. Am Ende – und das ist auch das Fazit unserer Kostenanalyse – ist nicht die Stadtbad-Sanierung das große Kostenproblem, sondern die Tatsache, dass sich die Sanierung einreihen würde in den allgemeinen Kostendruck und die anstehenden und noch teureren Investitionen in Schulen und Turnhallen.

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