Lebensmittelverschwendung

App „Too Good To Go“ wächst weiter - Konkurrenz für Tafeln in NRW

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Die Tafeln in NRW arbeiten am Limit, viele Menschen sind auf ihre Hilfe angewiesen. Die App „Too Good To Go“ könnte eine Konkurrenz darstellen. Sie wächst.

Hamm – Ein kleiner brauner Fleck hier, eine unschöne Krümmung da, ein bald schon ablaufendes Mindesthaltbarkeitsdatum – alles keine Gründe, um Lebensmittel in die Tonne zu kloppen. Doch genau das passiert tagtäglich in Deutschland. Die Tafeln in NRW wollen dem entgegenwirken und gleichzeitig Bedürftige unterstützen. Gegen den Food Waste, also gegen die Lebensmittelverschwendung. Das hat sich auch ein weiterer Akteur auf die Fahnen geschrieben. Ein hehres Ziel, das beide verfolgen. Trotzdem lassen sich ihre Ambitionen nur schwer in Einklang bringen – könnte man meinen.

Tafeln in NRW kämpfen gegen Food Waste: „Jedes gerettete Lebensmittel ist ein gutes Lebensmittel“

„Jedes gerettete Lebensmittel ist ein gutes Lebensmittel“, sagt Petra Jung vom Dachverband der Tafeln in NRW im Gespräch mit wa.de. „Nur sollte man sie bitte nicht den Tafeln wegnehmen“, meint sie. Laut ihrer Aussage seien die Tafeln „Lebensmittelretter Nummer eins in Deutschland und die einzigen mit einem karikativen Auftrag“. Seit geraumer Zeit spielt aber auch die App Too Good To Go eine große Rolle und bekommt einen großen Teil vom Kuchen ab, der ansonsten in der Tonne landet.

„Seit dem Launch der App im Jahr 2016 ist Too Good To Go mittlerweile in 17 Ländern und auf zwei Kontinenten (Europa und Amerika) aktiv. Die wachsende Community von über 75 Millionen registrierten Nutzern und 134.000 aktiven Geschäftspartnern hat es geschafft, mehr als 200 Millionen Mahlzeiten vor der Mülltonne zu bewahren“, erklärt eine Sprecherin auf wa.de-Nachfrage. Allein in Deutschland hätten 10 Millionen Nutzer bereits „25 Millionen Mahlzeiten vor der Verschwendung“ gerettet.

Die Tafeln in NRW schätzen dieses Engagement, beäugen es aber auch kritisch. „Wir bitten alle um Unterstützung und sagen: Haut nichts in die Tonne“, sagt Tafel-Sprecherin Petra Jung. Too Good To Go und sie verfolgen also im Grunde das gleiche Ziel. „Schwierig ist es aber“, begibt Jung zu bedenken, „wenn es zu Überschneidungen kommt. Da gibt es Konkurrenz.“ Erschwerend hinzukomme, dass die Anzahl der Menschen, die auf Essen von den Tafeln in NRW angewiesen sind, sprunghaft gestiegen sei.

Immer mehr Menschen in NRW sind Tafelkunden

In NRW mit dem Ruhrgebiet, das im Armutsbericht trauriger Spitzenreiter ist, habe es vor dem Krieg in der Ukraine circa 350.000 Tafelkunden gegeben, mittlerweile sind es über 600.000. Auch die Tafel in Hamm hat das unter anderem festgestellt. „Die Schlangen werden länger und länger und wir kommen kaum noch hinterher. Wenn wir dann noch Konkurrenz haben, wird es schwierig. Das Beste wäre: Essen retten und es zur Tafel bringen“, sagt Petra Jung. Allein: Nicht immer ist das so einfach. Für viele Supermärkte und/oder Restaurants wäre das sogar mit Kosten und Aufwand verbunden. Ein Umstand, den unter anderem Too Good To Go für sich nutzt.

Die Äpfel wären vielleicht in der Tonne gelandet – dabei sind sie noch in Ordnung.

Die App macht den Kampf gegen Lebensmittelverschwendung für jeden einfacher: „Denn die Lebensmittel werden sowieso aus dem Verkaufsraum genommen, ob sie dann in den Mülleimer oder die Tüte wandern, macht keinen Unterschied. Unsere User kommen zur vereinbarten Abholzeit zum Verkaufspunkt, zeigen die App und gehen wieder, fertig“, erklärt eine Sprecherin.

Aktuell würden nach eigenen Angaben fast 19.000 Betriebe in ganz Deutschland das Angebot von Too Good To Go nutzen – Tendenz steigend. „An unserem Konzept beteiligen sich unter anderem Restaurants, Bäckereien, Cafés, Hotels und Supermärkte. Die Bandbreite unserer Partner wächst kontinuierlich: vom Tante-Emma-Laden über die Edeka- oder Dean&David-Filiale bis zum Sterne-Restaurant“, erklärt sie. Mitunter wird also sogar Essen gerettet, das aus verschiedenen Gründen gar nicht erst bei den Tafeln landen könnte. Und: Too Good To Go will gar nicht als Konkurrent der Tafeln auftreten. Im Gegenteil.

Too Good To Go möchte keine Konkurrenz für die Tafeln in NRW sein

„Wir legen all unseren Partnerbetrieben nahe, überschüssige Lebensmittel im ersten Schritt an karitative Organisationen zu spenden. Alles, was darüber hinaus übrig bleibt, zum Beispiel schnell verderbliche Ware wie Obst und Gemüse, kühlungspflichtige Lebensmittel oder Lebensmittel in kleineren Mengen, sollen dann über unsere App eine zweite Chance bekommen“, erklärt die Sprecherin auf Nachfrage. Die Too Good To Go-App sei dabei für viele Partnerbetriebe eine ideale Ergänzung zu bereits bestehenden Maßnahmen gegen Food Waste. „Es gilt leider nach wie vor: Die einzige Konkurrenz ist und bleibt aktuell die Mülltonne“, sagt sie.

Am Ende haben sie eben doch eine gemeinsame Intention. „Wenn wir es schaffen, dass in der Gastronomie und im Lebensmittelhandel abends nichts Verwertbares in die Tonne geht, haben wir unser Ziel erreicht“, erklärt Too Good To Go – da widersprechen auch die Tafeln nicht. Beide Akteure wünschen sich außerdem mehr Sensibilität im Umgang mit Lebensmitteln.

„30 Prozent wird weggeworfen. Dafür gibt es verschieden Gründe – für viele es leichter, das Essen zu entsorgen. Dazu gehören auch die Haushalte“, erklärt Petra Jung von den Tafeln NRW. Auch dort möchte Too Good To Go entgegensteuern. „Wir retten im Monat über eine Million Mahlzeiten in Deutschland, das ist beeindruckend, aber leider ein verschwindend geringer Anteil der Gesamtverschwendung. Der größte Anteil noch genießbarer Lebensmittel wird dabei in privaten Haushalten in den Müll geworfen.“

Am Ende kann also jeder selbst seinen Teil dazu beisteuern, um gute Lebensmittel vor der unnötigen Verschwendung zu retten. Mensch und Umwelt werden es danken.

Rubriklistenbild: © IMAGO

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