VonMarkus Liesegangschließen
Unabhängige Lebensmittelgeschäfte stehen in der Krise unter Dauerdruck, so auch in Hamm. Trotzdem bleiben die Betreiber mit Herzblut dabei - noch.
Hamm – Keine Milch fürs Frühstücksmüsli, fehlender Aufschnitt oder überraschender Besuch zum Kaffee am Nachmittag – die „Rettung“ bringt der kurze Weg zu „Tante Emma“ nebenan. Zwei dieser Nahversorger existieren in Hamm noch. Den einen betreibt Manuela Koslowski an der Eschenallee im Hammer Süden, den anderen die Familie von Jekanadhan Vallieuran als „Ruhrexpress“ in Lohauserholz. Die Inflation bekommen aber natürlich auch sie zu spüren. Zuletzt erlebten unter anderem die Tafeln, was die Krise bedeutet.
Unterschiedliche Vorzeichen bei „Tante-Emma-Läden“ in Hamm
Die Situation der beiden „Notversorger“ ist grundlegend anders. Während der aus Unna stammende Nachfolger der legendären Änne Liermann und ihrer Tochter Marlies im Hölzken nicht übers Geschäft klagen kann, muss Koslowski es doch, obwohl sie nicht will. Die Südenerin hat „Manu’s Lädchen“ am Sonntag ganz geschlossen, wochentags von 6 bis 14 Uhr geöffnet. „Ich hatte ja auch mal sieben Tage in der Woche geöffnet. Seit Jahresbeginn habe ich sonntags geschlossen“, blickt Koslowski auf den Kundenschwund. „Vor Corona kamen hier sonntags so 110 Kunden vorbei, am Wochentag 170. Jetzt 90.“ Vallieuran und Kollegen bedienen am Wochenendtag bis zu 200 Kunden.
„Notversorgerin“ Manuela Koslowski kam gut durch die Pandemie
Die Pandemie hätte sie ansonsten gut überbrückt, blickt Koslowski zurück. „Die Leute haben sich gedacht: Da komm ich lieber hier vorbei. Ich hatte ja auch ein Konzept“, sagt die 59-Jährige. „Aber dann kam erst der Krieg, dann die Energiekrise, dann die Inflation. Früher hat den Leuten das nichts ausgemacht, dass die Milch hier 20, 30 Cent teurer ist. Jetzt spart jeder und ich kann das auch irgendwie verstehen.“
Sie selbst verzichtet auf eine von drei Minijobbern, die ihr helfen. „Montag bis Donnerstag arbeite ich inzwischen alleine, freitags und samstags habe ich Hilfe.“
Koslowski ist Einzelhandelskauffrau mit Leib und Seele, verbrachte ihr komplettes Berufsleben an der Eschenallee, lernte im früheren Coop, verkaufte für die Nachfolgerin und übernahm das kleine Ladenlokal dann 2010. Sie kauft selbst im Handelshof ein, holt frisches Gemüse und Eier vom Bauern, hat Brot vom Bäcker und Wurst vom Metzger. Ihr Angebot stimmt sie nach Kundenwunsch ab. „Heute hat jemand nach Orangenmarmelade gefragt, morgen steht die hier.“
Das offene Ohr zeichnet die Einzelhandelskauffrau aus. „Ich habe hier schöne wie traurige Geschichten gehört. Für manche Kunden bin ich die einzige, mit denen sie am Tag sprechen“, unterstreicht sie die soziale Bedeutung eines solchen Nahversorgers. „Meine Stammkunden versuchen mich zu unterstützen, kaufen mehr ein als sonst“, freut sich die 59-Jährige.
„Diese Frau hat in der Coronazeit geholfen, war ein wichtiger Anlaufpunkt, strahlt Wärme und Herzlichkeit aus“, lobt Stammkundin Gabi Saemann, „sie ist die Seele der Siedlung. Denkt: Erst mal die anderen“.
Kaufverhalten bei jungen Leuten in Hamm hat sich geändert
Das Kaufverhalten habe sich aber bei jüngeren Leuten geändert, meint Koslowski, vom Neubaugebiet profitiere sie nicht, obwohl sie dort Flyer verteilt hat. „Ein klassisches Abendbrot gibt es ja nicht mehr in den Familien.“ Der dafür typische Nachkauf bei Aufschnitt, den man schnell mal um die Ecke besorgt, falle somit weg.
Der Umsatz fehle inzwischen, die Fixkosten für Miete und Energie blieben oder würden sogar steigen. „Und die 10 bis 20 Prozent Verlust kann ich auf Dauer nicht auffangen, meine Altersvorsorge will ich nicht angreifen. Ich darf nicht krank werden, es darf nichts kaputt gehen – so etwas belastet. Beklagen will ich mich nicht. Ich hoffe, dass es noch klappt.“ Koslowski gibt sich noch Zeit bis November, um die Reißleine zu ziehen. Dann sei sie im Mai raus aus dem Mietvertrag. Ein Horror, nicht nur für Saemann: „Es ist mein Herzenswunsch, dass sie bis zum Ruhestand hier weiter macht.“


