Nach 41 Jahren gibt die Tierklinik in Ahlen am 1. August den Klinikstatus auf. Damit kann auch offiziell der Nacht- und Wochenendnotdienst entfallen. Ein formaler, aber nicht vermeidbarer Schritt, erklärt Janina Bruckmann für das Unternehmen Anicura, seit zweieinhalb Jahren Partner der Ahlener. Wir blicken mit ihr ausführlich hinter die Kulissen.
Ahlen/Hamm - Der Nacht- und Wochenendnotdienst war von den Ärzten der Klinik mit ihrem Einzugsgebiet bis weit in den Kreis Warendorf hinein und über die Stadt Hamm hinaus schon lange nicht mehr problemlos zu leisten. Die negative Gesamtentwicklung im Tierärztebereich in den vergangenen Jahren traf die Einrichtung an der Bunsenstraße hart, die Personaldecke bröselte immer stärker.
„Aufgrund der personellen Situation ist es uns nicht länger möglich, den Nacht- und Wochenendnotdienst aufrechtzuerhalten“, verkündet die Klinik inzwischen via Facebook und Homepage. Schon seit Mitte Juli ist sie nur noch von Montag bis Freitag zwischen 7.30 Uhr und 22 Uhr geöffnet; samstags, sonntags und an Feiertagen ist geschlossen. Die stationäre Betreuung und Versorgung der Patienten werde man „nachts und über das Wochenende weiterhin vollumfänglich aufrechterhalten“, heißt es weiter.
Wer als Kleintierhalten nun Notdiensthilfe außerhalb der regulären Praxis-Öffnungszeiten benötigt, muss in der Regel deutlich weitere Wege in Kauf nehmen. Die nächstgelegenen Anlaufstellen sind zum Beispiel die Kliniken „Anicura“ in Bielefeld, „TiHo“ in Hannover und „Anicura“ in Recklinghausen.
Anicura kauft Tierklinik Ahlen: Kritiker und Fürsprecher
Apropos „Anicura“: Seit Anfang 2020 trägt auch die Tierklinik Ahlen diesen Namenszusatz. Heißt: Sie wurde damals an die ursprünglich in Schweden gegründete Tierarztgruppierung verkauft und gab damit in Teilen ihre Eigenverantwortung auf beziehungsweise an den europaweit aktiven Betreiber ab. Dieses Vorgehen ist nicht unumstritten, zumal Anicura seit 2018 eine Tochterfirma des Lebensmittelgiganten „Mars“ ist. Es gibt aber auch Fürsprecher aus der Branche. So sagte Heiko Färber, Geschäftsführer des Bundesverbands praktizierender Tierärzte (bpt), der Rheinischen Post (RP) mit Blick auf das große Nachwuchsproblem: „Wenn Kliniken zum Beispiel nicht aufgekauft würden, wäre das für Tierhalter noch dramatischer, weil die Praxen sonst oft schließen müssten.“
Nicht zuletzt wegen der jüngsten Veränderungen in Ahlen wirft die seit Jahren gärende Problematik auch bei Tierbesitzern in unserer Region viele Fragen auf. Wir haben einige davon an Anicura weitergegeben. Unternehmenssprecherin Janina Bruckmann aus der Zweigniederlassung Unterhaching hat sie beantwortet:
Tierärzte in Not: Interview mit Janina Bruckmann (Anicura)
Seit Anfang 2020 ist die Tierklinik Ahlen eine Anicura-Tierklinik: Wie kam es dazu, und was hat sich damals dadurch dort geändert?
Die Tierklinik Ahlen ist seit Januar 2020 Teil von Anicura. Durch Kooperation und mit geteilten Ressourcen können wir den Herausforderungen der sich im Wandel befindenden Tiermedizin wesentlich besser begegnen, als jeder einzelne für sich allein.
Anicura ist ein langfristiger Partner für unsere Praxen und Kliniken mit einer sicheren Gesellschafterstruktur. Als einzige Gruppe in Europa haben wir einen klaren Fokus auf Praxen und Kliniken mit einem extrem hohen Niveau. Darum passt die Tierklinik Ahlen sehr gut zu Anicura.
Geändert hat sich für die Tierklinik Ahlen bis auf innerbetrieblich strukturelle Prozessoptimierungen nichts. Als überregionale Klinik für Kleintiere ist Ahlen eine Überweisungsklinik, zu der tierärztliche Kollegen Spezialfälle vieler tierärztlicher Fachrichtungen überweisen. Der Tierhalter wird dabei intensiv in den Therapieprozess einbezogen. Dies wird in Ahlen seit vielen Jahren – und auch weiterhin seit 2020 – so gelebt.
Sind Kollegen von Anicura in alle Entscheidungsprozessen der Ahlener Klinik eingebunden, oder werden diese im Einzelfall auch autark getroffen?
Die Kollegen aus dem zentralen Team unterstützen die Kliniken in administrativen Belangen, zum Beispiel beim Recruiting oder beim Marketing. Im fachlichen Bereich entscheidet jeder Tierarzt gemeinsam mit dem Tierhalter, welche Untersuchung und Behandlung vorgenommen werden soll.
Anicura gibt nicht vor, welche Schemata und Medikamente verwendet werden. Der Tierarzt vor Ort kennt das Tier am besten und kann am zielführendsten einschätzen, was es braucht. Für diese Einschätzung sind allein sein Fachwissen, sein Know-how und seine tiermedizinische Erfahrung entscheidend. Unsere Tierärzte besprechen ihre Einschätzung mit den Haltern und berücksichtigen dabei auch die individuelle Situation des Tierhalters, stellen unterschiedliche Optionen vor und sprechen Empfehlungen aus. Das Tier und die problemorientierte Aufarbeitung stehen im Vordergrund.
Hunde- und Katzenhalter aufgepasst
Die Preise bei Tierarztbehandlungen sind über zwanzig Jahre konstant geblieben. Nun müssen sich Halter auf steigende Kosten beim Tierarztbesuch einstellen.
Wer hat die Entscheidung, keinen Notdienst mehr anzubieten, letztlich getroffen? Und wie schwierig war der Weg dahin?
Die Entscheidung, den Notdienst außerhalb der normalen Öffnungszeiten nicht mehr anzubieten, liegt bei der Klinik. Sie selbst kann die Personalsituation und die Gegebenheiten vor Ort am besten einschätzen.
Wie der WA berichtet hat, steht die gesamte Veterinärbranche vor einem gravierenden Personalmangel. Dieser betrifft nicht nur Anicura-Standorte. Der Alltag des Tierarztes ist zwar spannend und fordernd, aber auch aufreibend und komplex. Anicura unterstützt seine Kollegen, um ihnen gute Arbeitsbedingungen zu bieten.
Wir sind gleichzeitig unserer Sorgfaltspflicht für unsere Mitarbeiter als auch unserem Versorgungsauftrag (Nacht- und Notdienste) sehr verpflichtet. Wir versuchen im Sinne des Tierwohls, unser Not- und Nachtdienstangebot, wenn irgend möglich, aufrechtzuerhalten. Jeder Anicura-Standort und ganz besonders Ahlen hat einen äußerst hohen Qualitätsanspruch. Dieser bezieht sich natürlich auch auf die Nacht- und Notdienste.
Um für Nachtdienste vorbereitet zu sein, müssen die Mitarbeiter vor Ort sich hierzu qualifizieren, sich fortbilden und Trainings durchlaufen. Um auf der einen Seite diesen Anspruch sicherstellen zu können und gesetzeskonform zu agieren, muss das Thema „Aufrechterhaltung der Nacht- und Notdienste“ stets neu bewertet und abgewogen werden. Sie sehen, der Weg zu einer solchen Entscheidung ist beileibe nicht einfach und wird nur äußerst schweren Herzens getroffen.
Warum wurde die Einstellung des Notdienstes anfangs nicht unmittelbar über die Homepage kommuniziert, beziehungsweise warum wird dort nicht auf alternative Möglichkeiten für Tierbesitzer hingewiesen?
Die Einstellung des Notdienstes wurde auf der Homepage der Klinik kommuniziert sowie über die bekannten Social-Media-Kanäle, zum Beispiel auf Instagram. Die Tierklinik Ahlen weist zudem auf ihrer Tonbandansage auf unsere Anicura-App hin. Die App ist mit autorisierten und erfahrenen Tierärzten besetzt. Neben allgemeinen Fragen, Fragen zur Nachsorge etc. kann über die App im Videotelefonat eingeschätzt werden, ob ein Notfall vorliegt und an eine nahegelegene Klinik überwiesen werden. Die App deckt neben den Öffnungszeiten Montag bis Freitag von 7 Uhr bis 22 Uhr auch die Wochenenden von Freitag 7 Uhr bis Montag 22 Uhr ab.
Die Entscheidung, den Notdienst außerhalb der normalen Öffnungszeiten nicht mehr anzubieten, liegt bei der Klinik“, sagt Janina Bruckmann. Sie selbst könne die Personalsituation und die Gegebenheiten vor Ort am besten einschätzen.
Am 1. August fällt der Tierklinikstatus in Ahlen weg: Ist das „nur“ ein formaler Akt, der an der Notdienst-Entscheidung hängt, oder hat das eine weitergehende Bedeutung?
Die Abgabe des Klinikstatus‘ ist ein rein formaler Akt. Die spezialistische Diagnostik und Versorgung der Patienten, sowie Notfallbetreuung über den Tag wird selbstverständlich wie gewohnt gewährleistet.
Wie viele Tierärzte arbeiten derzeit in und für die Ahlener Klinik, und wie viele waren es in Spitzenzeiten?
Zu Spitzenzeiten arbeiteten über 50 Tierärzte in der Tierärztlichen Klinik Ahlen. Aktuell arbeiten 40 Tierärzte in einem Dreischichtsystem. Zu wenig, um nach geltenden rechtlichen Bestimmungen in einem Notdienst adäquat handlungsfähig zu sein.
Es gibt ja einen regelrechten Tierärzte-„Notstand“: Ist dieses Problem im Ahlener/Hammer Bereich größer als im Rest Deutschlands, oder ist die Situation bzw. Entwicklung grundsätzlich vergleichbar?
In der gesamten Branche existiert momentan ein eklatanter Personalmangel. Dies betrifft neben fast allen Anicura-Standorten auch fast alle weiteren Tierarztpraxen und -kliniken.
Können Sie prägnant aufschlüsseln, wie es zu dieser Problemlage kommen konnte und welches ein Ausweg daraus sein könnte?
Die Branche befindet sich im Wandel. Zum einen haben sich die Anforderungen verändert, sowohl der medizinische Anspruch der Tierbesitzer an den Tierarzt und die Tierklinik als auch die Erwartungen und Bedürfnisse der jungen Tierärztegeneration. Viele Studienabgänger entscheiden sich zum Beispiel nach ihrem Studium, nicht im praktischen Bereich zu arbeiten, sondern im administrativen Bereich. Zum anderen ist es in dieser Branche schwieriger, Parameter wie zum Beispiel eine faire Bezahlung leisten zu können.
Uns ist es eine Herzensangelegenheit, die Zukunft der tiermedizinischen Versorgung zu sichern. Dazu gehören finanzielle Sicherheit, die Vereinbarkeit von Arbeit und Freizeit und eine Zusammenarbeit, die auf Werten beruht. Hiermit möchten wir einen wahrnehmbaren Unterschied machen.
Nach wie vor ist die Bezahlung im tiermedizinischen Bereich eher unterdurchschnittlich. Anicura hat sich auf die Fahne geschrieben, dies im eigenen Unternehmen zu ändern. In einem ersten Schritt garantiert Anicura jedem Mitarbeitenden eine Mindestgehaltsentwicklung von 3,5 Prozent in 2022. Zusätzlich wird der gesetzliche Mindestlohn vorgezogen.
Aber dabei bleibt es nicht: In einem weiteren Schritt wird ein (interner) Vergütungsrahmen ausgerollt, der weitere Optimierungen und individuelle Entwicklungen nach sich ziehen wird. Zusätzlich bietet ein Vergütungsrahmen, wenn er einmal eingeführt ist, eine verlässliche Gehaltsentwicklung in Abhängigkeit von Qualifikation und Erfahrung für die Mitarbeitenden.
Eine Übersicht über die Tierärzte in Hamm und Umgebung finden Sie mit einem Klick auf diesen Link (ohne Garantie auf bestmögliche Aktualität). Für ein Onlineverzeichnis für Ahlen klicken Sie hier.
Das ist Anicura (Quelle: Unternehmen):
„Anicura ist eine auf die tierärztliche Versorgung von Haustieren spezialisierte Familie namhafter Tierkliniken und Tierarztpraxen mit über 80 Standorten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Wir behandeln in 450 Kliniken und Praxen in Europa jedes Jahr 3,6 Millionen Patienten. Markenzeichen der Anicura-Tierkliniken und -praxen ist, dass sie in der Regel sehr spezialisiert auf bestimmte Fachgebiete innerhalb der Tiermedizin sind.
Wir begrüßen eine vielfältige und dichte tiermedizinische Versorgung. Es ist ausdrücklich kein Anicura-Ziel, in jeder deutschen Stadt vertreten zu sein. Wir möchten deutschlandweit und möglichst von überall aus gut erreichbar, hochspezialisierte Kliniken und Praxen anbieten.
So verstehen wir uns als Partner der tierärztlichen KollegInnen, die Patienten an uns überweisen, weil sie selbst nicht über die technische Ausstattung oder das Know-how verfügen, um den tiermedizinischen Ausnahmefall zu versorgen. Jeder Tierhalter, der einen Tierarzt seines Vertrauens hat, ist dort gut aufgehoben, und das soll auch so bleiben.“