Für die einen ist es eine alte Tradition. Für die anderen ist das monotone Rundlaufen der Tiere in einem zu engen Kreis, und die laute Musik nur Tierquälerei.
VON TABITA KOCH
Soest – Die Fahrgeschäfte und Attraktionen der Allerheiligenkirmes sind in aller Regel für die guten Gefühle zuständig: Der Adrenalinkick, wenn die Gondel der Schwerkraft trotzt und die eigene Angst besiegt ist, die Freude über den Gewinn an der Losbude, der Genuss beim Biss in den Paradiesapfel.
Ein Schaustellerbetrieb allerdings sieht sich Jahr für Jahr im Mittelpunkt einer Kontroverse: Die Reitbahn von Stefan Kaiser, von Tierschützern auch „Ponykarussell“ genannt. Hier trifft Tierschutz auf Tradition.
Ponys werden als Karusell missbraucht
Laura Bertermann ist eine erklärte Tierfreundin. Beim Kirmesbummel 2022 kam sie auch an Kaisers Ponyreiten vorbei. Traurigkeit und Erschöpfung habe sie in den Augen der Pferde gesehen, sagt sie. Der Anblick der kleinen Pferdchen, die noch am späten Abend ihre Kreise ziehen mussten, habe ihr das Herz zerrissen. „Dermaßen viele Menschen schoben sich durch die Wiesenstraße, es wurde getrunken, gefeiert, gegrölt. Die Musik dröhnte von allen Seiten genauso wie die grellen Lichter der Fahrgeschäfte ringsherum,“ sagt die 24-Jährige.
Auch sie selbst habe als Kind die ein oder andere Runde Ponyreiten mitgemacht, ohne sich kritisch damit auseinander zu setzen. Heute sieht sie es so: Das monotone Im-Kreis-Laufen ginge für die sensiblen und sozialen Fluchttiere mit physischen und psychischen Leiden einher und sei alles andere als artgerecht. „Häufig sind die reitenden Kinder auch schlichtweg ungeübt im Umgang mit den Tieren oder gar zu groß. Als Karussell missbraucht zu werden, bedeutet zudem ständigen Stress für die empfindsamen Mini-Pferde. Auch nach Feierabend ist eine artgerechte Haltung im Rahmen des Schaustellerdaseins doch gar nicht möglich.“
Pferde haben es bei Schausteller gut
Stefan Kaiser, Schausteller in vierter Generation und Betreiber der Reitbahn „Zirkuswelt“, die seit über 60 Jahren fester Bestandteil der Soester Allerheiligenkirmes ist, kann die Kritik nicht nachvollziehen. Der 53-Jährige beschreibt sich selbst als „pferdeverrückt“ – und betont, er missbillige jegliche Art von Tierquälerei. Solche Vorwürfe machen ihn wütend: „Meine Tiere kommen an erster Stelle und es mangelt den Ponys an nichts.“ Der Schausteller aus Leidenschaft hat schon häufig Menschen eingeladen, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen: „Alle 313131 Besucher waren immer begeistert, wie schön es die Pferde bei uns haben. Dies belegen zahlreiche Medienberichte und natürlich auch die entsprechenden Kontrollen durch das Veterinäramt“.
Er sei auch stets offen für einen Austausch mit Kritikern, denn zu verbergen habe er nichts. „Einige Leute haben möglicherweise ein falsches Bild, da sie nur eine Momentaufnahme wahrnehmen. Unsere Pferde arbeiten maximal sechs Stunden pro Tag und bekommen regelmäßige Pausen. Sie haben hierfür einen eigens von mir konstruierten mobilen Stall mit allen Annehmlichkeiten abseits des Kirmesbetriebs“, erklärt Stefan Kaiser. Er zwinge kein Pony, durch die Manege zu laufen. Sollte eines der Tiere mal keine Lust haben, ersetze er es durch ein anderes. Keines seiner Tiere habe jemals aufgrund seiner Tätigkeit als Schaustellerpferd Schaden genommen, weder körperlich noch mental.
Tierschützerin startet Petition
Er erinnert sich an sein Pony „Zeits“: „Der kleine Kerl ist stattliche 45 Jahre alt geworden. Obwohl er schon lange in Rente war, wollte er auf jeder Reise dabei sein. Wenn nicht, hat er Rabatz gemacht.“ Stefan Kaiser hegt somit keinen Zweifel daran, dass seine Tiere Spaß an der Arbeit haben.
Laura Bertermann sieht das anders – und hat eine Online-Petition gestartet: „Kirmesspaß ohne Tierquälerei“ heißt ihre Initiative auf change.org. Zusammen mit dem Gesuch einer weiteren Aktivistin aus dem Jahr 2019 haben inzwischen einige Tausend Menschen an Bürgermeister Dr. Eckhard Ruthemeyer (CDU) appelliert, dem Ponyreiten in Soest die rote Karte zu zeigen. Auch die Tierrechtsorganisation „Peta“, habe sich 2022 an das Stadtoberhaupt gewandt und auf die Kritik von Experten an solchen Fahrgeschäften hingewiesen, weiß Laura Bertermann. Bisher vergebens, erklärt die junge Frau aus Geseke.
Kontrollen durch das Veterinäramt
Zeit und Mühe hat sie investiert, um die Entscheidungsträger argumentativ zu überzeugen, dass die Allerheiligenkirmes kein Ponyreiten benötige. Doch Soest hält an der umstrittenen Tradition fest. „Die Einhaltung des entsprechenden Tierschutzgesetzes und dessen Überwachung durch das zuständige Veterinäramt muss, gewährleistet sein“, heißt es aus dem Rathaus. Außerdem halte der ausgewählte Schaustellerbetrieb die vorgegebenen Auflagen gewissenhaft ein. Somit liege laut Auffassung der Stadt keine objektive Tierquälerei vor, die selbstverständlich nicht geduldet werde.
Auch das Veterinäramt des Kreises Gütersloh, das für den Betrieb von Stefan Kaiser zuständig ist, bestätigt, es gebe keinerlei Beanstandungen an der Reitbahn. Alle Vorgaben halte er vollumfänglich ein und verfüge über entsprechende Nachweise. Ohne diese erteile die Behörde keine Genehmigung für das Fahrgeschäft. Das Veterinäramt des Kreises Soest entsendet regelmäßig einen Veterinär für eine Begutachtung, sobald Kaiser und seine Ponys ihr Kirmesquartier bezogen haben. Darüber hinaus gehe das Amt natürlich auch Hinweisen nach, sollten die während der Kirmestage eingehen, sagt Kreissprecherin Birgit Kalle. Auch das Soester Kreisveterinäramt nennt bisher keine Beanstandungen.
Erkennbarer Wertewandel in Gesellschaft
Laura Bertermann überzeugt das nicht: „Nur weil etwas erlaubt ist, sagt es nichts darüber aus, ob die sich daraus ergebenen Konsequenzen im Sinne der Betroffenen – in diesem Fall der Ponys – sind.“ „Ich möchte auch keinem Betrieb unterstellen, er würde seine Tiere absichtlich schlecht behandeln – immerhin geht es um die Existenz. Gerade deswegen, denke ich, sollten sich diese Betriebe neu aufstellen und überlegen, wie sie stattdessen ihren Lebensunterhalt finanzieren können. Zunehmend mehr Menschen sind für Tierwohl sensibilisiert, und es ist ein Wertewandel in der Gesellschaft erkennbar.“
Immer mehr Städte, so zum Beispiel Düsseldorf oder Duisburg, haben Ponyreiten bei Volksfesten bereits aus dem Programm genommen. Selbst das traditionsreiche Münchner Oktoberfest verzichtet ab dem kommenden Jahr auf sämtliche Fahrgeschäfte mit lebendigen Tieren.
Proteste am Pony-Karussel erwartet
Am Standort von Kaisers „Zirkuswelt“ wird es bei der 685. Allerheiligenkirmes wohl zu Protesten kommen. So hat Reiner Lück, der in der Region einen privaten Gnadenhof betreibt, mit einer Gruppe von 20 ehrenamtlichen Tierrechtlern für die gesamte Kirmesdauer eine Demonstration angemeldet. Ihr Ziel: Das Bewusstsein der Kirmesbesucher für den Schutz der Ponys zu schärfen.
„Prinzipiell habe ich nichts gegen die Demonstranten, solange sie nicht übergriffig werden oder Kunden einschüchtern. Wenn es den Menschen um eine Gesetzesänderung geht, wären sie doch besser beraten, mit ihren Protestplakaten vorm Bundestag zu stehen“, sagt Schausteller Kaiser.
„Speziell ausgebildete Pferde“
Er selbst sehe auch keine Notwendigkeit, das Tierschutzgesetz in diesem Bereich anzupassen: „Meine Pferde sind speziell ausgebildet, ich habe viel Erfahrung, kenne meine Tiere genau und gehe äußerst verantwortungsvoll mit ihnen um. Bei einem Polizeipferd kommt schließlich auch niemand auf die Idee dagegen zu protestieren,“ „Außerdem“ fügt er hinzu, „hat unser Ponyreiten schon zahlreiche Kinder glücklich gemacht. Viele Kinder haben bei mir zum ersten Mal die Chance, ein Pferd aus der Nähe zu erleben.“
Stefan Kaiser sieht seine Reitbahn nicht als Kirmeskarussell: „Wir sind ein mobiler Schulbetrieb. Hier haben beispielsweise sozial benachteiligte Kinder oder solche aus einem städtischen Umfeld die Möglichkeit, für kleines Geld reiten zu können.“ Dies und die Liebe zu seinen Pferden treibe ihn an weiterzumachen, seine Reitbahn gebe er nicht auf.
Aktivistin Laura Bertermann will das Argument nicht gelten lassen; die Ponyreitbahn vermittle den Kindern ein fehlerhaftes Verständnis im Umgang mit Tieren, glaubt die Gesekerin.
