VonMarkus Hannekenschließen
Nie zuvor versank ein großes Musikfestival schon Tage vorher so sehr im Schlamm wie Wacken (WOA) 2023. In das Desaster hineingeschafft haben es auch etliche Hammer. Einige von ihnen erzählen.
Wacken/Hamm - Rund 85.000 Metal-Fans aus aller Welt haben Tickets für das Wacken-Festival 2023. Die allermeisten schon seit einem Jahr. Enorm viel Geld haben sie alle ausgegeben – zum Eintritt kommen mitunter teure Anreisen und Unterkünfte. Von den Ausgaben vor Ort ganz zu schweigen. Nur gut die Hälfte hat es diesmal bis zum Anreisestopp aufs Gelände geschafft. Einer von ihnen ist Patrick Bauer. Der 43-Jährige aus Hamm ist zum siebten Mal dabei. Seinen Frust kann und will er nicht verstecken.
„Die Anreise seit Montag war eine Katastrophe“, erzählt Bauer: lange Staus und kaum Informationen, wann und wo überhaupt etwas geht. „Einige Leute haben es nach 23 bis 35 Stunden erst auf die Flächen geschafft“, weiß er. Denn die Fans sind untereinander ja eifrig im Austausch. Er selbst brauchte rund zwölf Stunden für ein 80-Kilometer-Stück.
Bauer und seine beiden Kumpels – Freunde aus Heessen seit der Grundschule, zwei weitere mussten in Hamm bleiben – sind zum Glück auf der separaten „Fläche Island“ untergekommen, die eine eigene Zufahrt habe und vom Camperpark organisiert werde. Der Gang auf die öffentlichen Festival-Flächen habe aber „ein erschreckendes Bild“ offenbart: „Leute, die mit Bus und Bahn angereist sind, mussten im strömenden Dauerregen ihre kleinen Zelte aufbauen. Alle Wege wurden nach und nach schlammiger. Autos und Wohnmobile wurden schon seit Montag nur noch mit Treckern auf das Gelände geschleppt. Selbst fahren war von Anfang an nicht möglich. In Bereich Plaza, wo sich Verkaufsstände befinden, war nur noch ein großes Schlammloch.“
Wacken im Matsch: „Unfair allen Nichtanwesenden gegenüber“
Der am Dienstag verfügte Anreisestopp für Autos habe Tausende getroffen, die schon um Wacken und die umliegenden Dörfern auf Straßen und Höfen standen. Seit Mittwoch dürfen wegen „erreichter Kapazitätsgrenzen“ nichtmal mehr Fußgänger das Gelände – den „Holy Ground“ – betreten. Normales Bewegen sei seit Montagnacht schon nicht mehr möglich. (Die Ticketpreise werden erstattet - hier klicken.)
Die Beobachtungen führen Bauer zur Generalkritik: „Es gibt Menschen, die das hier, so wie es ist, abfeiern und darauf stehen. Ich und meine Mitcamper sehen das aber anders.“ Es sei einerseits „unfair allen Nichtanwesenden gegenüber“, das Festival trotz allem stattfinden zu lassen. Aber das sei auch eine „unvernünftige Entscheidung für die Anwesenden“. Es mache keinen Spaß und drücke sehr auf die Stimmung.
Wacken im Matsch: „Hoffentlich kommt keiner zu schaden“
Außer Durchhalteparolen gebe es „nicht wirklich konkrete Ansagen und Hinweise des Veranstalters“. Auch wenn Bauer zugesteht, dass es eine Situation ja noch nie gab, „hätte man sich mit der Erfahrung besser vorbereiten können – nach dem „Was-wäre-wenn-Prinzip“. Alles sei „ein wenig fahrlässig“. Bauer: Hoffentlich kommt hier niemand zu schaden.“
Der 43-Jährige Hammer ist aber auch ein Musterbeispiel für den generationsübergreifen Charakter des WOA. Im Zelt nebenan seien sein Onkel, seine Tante (beide um die 60) sowie die Cousine mit ihrer Freundin (beide Mitte 20) untergebracht. Bauers musikalische Leidenschaft gilt eher der „harten Schiene“: Seine Kumpels und er freuen sich am meisten auf Bands wie Deicide, Legion of the Damned. Die Broilers finde er aber auch gut.
Wacken im Matsch: „Warum nur gibt es keinen Plan B?“
Die Kritik am Veranstalter teilt auch Victor Smolski. Der bekannte Metal-Gitarrist mit den Heimatstädten Beckum und Hamm wundert sich, dass es keinen Plan B für solch eine Entwicklung gebe: „Das haben alle Mitwirkenden ein bisschen verschlafen“, findet der 54-Jährige.
Smolski selbst hat mit seinen Bands Rage, Lingua Mortis Orchestra und Almanac schon mehr als zehn Mal in Wacken gespielt, diesmal sollte er am „Metality-Stand“ am Dienstag und Mittwoch kostenlose Workshops geben und kleinere Showcases spielen. Angesichts des sich abzeichneten Dramas sei er aber – trotz Künstler-Akkreditierung - mit seinem Camper umgedreht. „Was soll ich da, wenn die Fans nicht kommen können?“, fragt er achselzuckend. Die Fans, die so viel auf sich genommen hätten, täten ihm überhaupt besonders Leid.
Wacken im Matsch: „Schlamm ist halt schon Schlamm“
Aufs Gelände geschafft hat es indes Frederik Corall. Der 36-Jährige – viele Hammer kennen ihn als Geschäftsführer des Restaurants „Alte Mark“ – hat mit seinen sechs Mitstreitern am Dienstag weit abseits auf einem Acker einen Platz bekommen, „der noch in gutem Zustand ist“. Ohne Gummistiefel gehe aber nichts: „Schlamm ist halt schon Schlamm, und da hilft höchstens die für Freitag und Samstag die angekündigte Sonne.“
Corall freut sich am meisten auf den Auftritt von Iron Maiden am Freitagabend. Die Briten sehe er zwar nicht zum ersten Mal – „aber das ist immer wieder schön“.
Wacken im Matsch: „In den Online-Foren ist die Hölle los“
Der Hammer Metal-Enthusiast Nico Rose hat das Glück, professionell in Wacken sein zu dürfen. Beruflich ist er zwar Wirtschaftspsychologe, doch hier darf er am Donnerstag auf der „Welcome-to-the-Jungle“-Bühne aus seinem Erfolgsbuch „Hard, Heavy & Happy“ lesen. Dank Bahn-Anreise, Shuttlebus und Akkreditierung kam er problemlos und halbwegs sauber aufs Gelände.
Die unüberhörbaren Nachrichten aus Wacken und der Umgebung ließen ihn zwar alles andere als kalt: „In diversen Onlineforen ist die Hölle los“, sagt er. Eine generelle Absage könne er sich aber nicht vorstellen. „Die Bühnen stehen, Künstler sind da.“ Außerdem solle es ja am Donnerstag weniger regnen und am Freitag und Samstag gar nicht mehr… Beste Voraussetzungen für einen erfolgreichen Auftritt von Iron Maiden, auf die sich Rose am meisten freut.
Wetter-Chaos bei Wacken 2023 in Bildern: Festival versinkt völlig im Schlamm




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Wacken im Matsch: Ticketpreise werden erstattet
Rubriklistenbild: © Corall




