VonCedric Sporkertschließen
In den nächsten gut 20 Jahren will sich Deutschland von den fossilen Energieträgern Gas, Kohle und Öl verabschieden. Für die Sicherung des steigenden Strombedarfs, die Industrie und Mobilität braucht es verlässliche Energieträger. Der praktisch universelle Problemlöser soll grüner, weil mit Ökostrom erzeugter Wasserstoff sein. Hamm soll davon wirtschaftlich profitieren.
Hamm - Dabei ist grüner Wasserstoff im Moment nicht im Ansatz in den benötigten Mengen verfügbar ist. Trotzdem setzt ein inzwischen breites Bündnis aus Kommunen, Unternehmen und Verbänden mit Hamm an der Spitze auf den Stoff, der schon in gut zwei Jahren in Uentrop produziert werden soll.
Warum das auch ein Wohlstandsprojekt ist und welche Chancen und Probleme aktuell bestehen, wurde während einer Podiumsdiskussion im Kleist-Forum deutlich, die vom Verein Westfalen e.V., der Impuls-Agentur und der Stadt organisiert wurde.
Elektrolyseur startet mit 20 Megawatt
In erster Linie gehe es darum, den Wirtschaftsstandort Westfalen über die Sicherstellung der Energieversorgung mit Wasserstoff langfristig zu erhalten – und idealerweise auszubauen, erklärte Oberbürgermeister Marc Herter. Dafür soll bei der Trianel in Uentrop bekanntlich ein Elektrolyseur mit einer anfänglichen Kapazität von 20 Megawatt gebaut werden.
Neben der Eignung als Energieträger in der Industrie sei der produzierte Wasserstoff künftig auch wichtig, um das Stromnetz in Balance zu halten, betonte Trianel-Geschäftsführer Sven Becker „Wir brauchen eine gesicherte Leistung. Wenn wir nur noch Strom aus erneuerbaren Energiequellen haben, gibt es mal viel und mal wenig. Im Wasserstoff kann der überschüssige Strom zwischengespeichert und dann wieder abgegeben werden.“
Das trage auch zur dringend benötigten Effizienz des Systems bei. Denn ein Drittel der kompletten Energie, die in einem Offshore-Windpark der Trianel vor Borkum produziert werde, müsse aktuell abgeregelt werden, weil die Netze diese Mengen nicht aufnehmen könnten. Durch den Wasserstoff würde sich das ändern – und der zeitweise überschüssige Strom endlich nutzbar.
Amprion-Leitung soll bis 20230 gelegt sein
Damit der grüne Strom nach Hamm fließen kann, muss zunächst das Netz ausgebaut werden. Betreiber Amprion will bis 2030 eine 2.000 Megawatt starke Stromleitung von der Nordsee bis nach Uentrop legen. So werde der Standort zur bereits viel beschworenen „grünen Steckdose“, erklärte Herter.
Angesichts dieser Größenordnungen sollen die 20 Megawatt-Startleistung des Elektrolyseurs nur ein Anfang sein. Womöglich werde gleich mit mehr Kapazität begonnen, erklärte Stadtwerke-Geschäftsführer Reinhard Bartsch. Das Wasserstoff-Netzwerk wachse. Absehbar kämen neben der Trianel, den Stadtwerken Hamm und den Stadtwerken Bochum noch weitere Partner hinzu.
Langfristig seien Größenordnungen von 100, 200 oder weiteren hundert Megawatt denkbar. Erst wenn eine solche Stufe erreicht sei, sei ein solcher Elektrolyseur auch überhaupt erst wirtschaftlich, schätzte Becker ein. „Es ist der goldene Honigtopf am Ende des Regenbogens, wenn es gelingen sollte, an diesem Standort solche Größenordnungen zu fahren“, sagte OB Herter.
Anschluss ans Gasnetz noch nicht in Sicht
Was dieser Skalierung allerdings im Wege stehen könnte: Noch ist der Anschluss an das Ferngasnetz nicht geregelt, über das der Wasserstoff – zu 20 Prozent dem Erdgas beigemischt – zu anderen Standorten befördert werden soll. Es gelte nun, mit möglichst vielen Partnern aus der Region in einer Wasserstoff-Allianz gemeinsam die Voraussetzungen für diesen Anschluss zu schaffen, so Herter.
Ein anderer, derzeit entscheidender Hemmschuh könnte bald schon keiner mehr sein. Die Genehmigung der für den Start des Projekts benötigten Fördergelder durch das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) ist noch immer nicht erteilt. Da gebe es aber gute Signale, sodass noch im ersten Halbjahr damit zu rechnen sei, erklärte Hamms Wirtschaftsförderer Pascal Ledune.
2025 sollen Wasserstoff-Busse durch Hamm rollen
Schnell gehen muss es tatsächlich, um die ehrgeizigen zeitlichen Ziele einzuhalten. Schon 2025 soll der Elektrolyseur laufen. Mit dem produzierten Wasserstoff sollen im gleichen Jahr die ersten Wasserstoff-Busse auf Hammer Straßen betrieben und eine in Hafennähe geplante Wasserstofftankstelle beliefert werden.
Bei aller Euphorie über die künftig groß angelegte Wasserstoff-Produktion in Uentrop, betonte Bartsch, dass der Flaschenhals abseits aller Steigerungspotenziale zu eng bleiben werde. Der aktuell größte Erdgaskunde der Stadtwerke benötige theoretisch fast ein Zehntel der künftig durch die Amprion-Leitung zur Verfügung stehenden Leistung. „Und da sprechen wir nur von einem Kunden“, so Bartsch.
Alternativ reichten die anvisierten 20 Megawatt Start-Kapazität des Elektrolyseurs aus, um 255 Wasserstoffbusse zu betreiben. 60 sollen allein in Hamm langfristig unterwegs sein.
Entscheidend für eine umfassende Versorgung aller Bereiche sei deshalb, dass möglichst schnell ein dezentrales Netz aus Elektrolyseuren, Versorgungsleitungen und Tankstellen entstehe. Dafür sei Hamm dann der Prototyp, so Bartsch.

