Drei Stellschrauben für Sicherheit

Afghanistan-Abschiebungen nach Anschlag in München? Experte warnt: „Migration löst nicht alle Probleme“

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Sechs Anschläge in zwölf Monaten. Wie kann Deutschland die Sicherheit verbessern? Terrorismusexperte Schindler erklärt drei wichtige Punkte.

Frankfurt/New York – Sechs mutmaßlich extremistisch motivierte Anschläge in einem Jahr. „Das ist viel zu viel“, sagt Terrorismusexperte Hans-Jakob Schindler bei IPPEN.MEDIA. Deutschland hat ein Sicherheitsproblem.

Nach München-Anschlag: Debatte um Abschiebungen greift zu kurz – Terrorexperte nennt drei Stellschrauben

Nach dem Auto-Anschlag in München ist die politische Debatte um Abschiebungen erneut eskaliert. Sich aber einzig und allein darauf zu konzentrieren, greift aus Sicht von Schindler zu kurz. Er formuliert insgesamt drei Stellschrauben:

  • Migration
  • Befähigung der Sicherheitsdienste
  • Verantwortung der Sozialen Medien

Großeinsatz in München: Auto rast in Menschengruppe – die Bilder von vor Ort

Auto in München in Menschengruppe gefahren
Großeinsatz in München: Ein Auto ist am Donnerstagvormittag (13. Februar) in eine Menschengruppe gerast. Es gibt mehrere Verletzte.  © Peter Kneffel/dpa
Der Zwischenfall ereignete mitten in München: Laut Polizei im Bereich der Kreuzung zwischen Dachauer Straße und Seidlstraße.
Der Zwischenfall ereignete sich mitten in München: Laut Polizei im Bereich der Kreuzung zwischen Dachauer Straße und Seidlstraße. © MICHAELA STACHE/afp
Auto in München in Menschengruppe gefahren
Rettungskräfte sind in der Münchner Innenstadt vor Ort. „Der Fahrzeugführer konnte vor Ort gesichert werden, von ihm geht derzeit keine weitere Gefahr aus“, erklärte die Polizei. © Peter Kneffel/dpa
Auto fährt in München in Menschenmenge
Viele Hintergründe zu dem Unfall sind zunächst noch unklar. Ein Kleinwagen ist wohl von hinten in einen Demonstrationszug der Gewerkschaft Verdi gerast.  © Roland Freund/DPA
Auto fährt in München in Menschenmenge
Polizisten untersuchen das Auto, das in die Menschenmenge fuhr. Dabei handelt es sich um einen weißen Mini-Cooper. © Michale Fischer/dpa
Auto rast in München in Menschenmenge: Rettungsdienste und Polizei an der Unfallstelle
Warum der Mini in die Menschengruppe fuhr, ist unklar.  © Michaela Stache/AFP
Auto fährt in München in Menschenmenge
In München herrscht wegen der Münchner Sicherheitskonferenz erhöhte Alarmbereitschaft.  © Peter Kneffel/DPA
Polizeieinsatz am Stiglmaierplatz
Am Ort des Geschehens, am Münchner Stiglmaierplatz, fand nach Polizeiangaben zum Zeitpunkt des Vorfalls gegen 10.30 Uhr eine Demonstration der Gewerkschaft Verdi statt. Ob Demonstranten unter den Verletzten waren, war zunächst unklar. Auch einige Straßen vom Stiglmaierplatz entfernt standen mehrere Rettungswagen. © Yannick Thedens
Blaulicht
Rund um den Einsatzort komme es zu Verkehrsbehinderungen. „Umfahren Sie den Bereich weiträumig, damit die Einsatzkräfte ungehindert arbeiten können.“ © Winter
Polizeieinsatz am Stiglmaierplatz
Auch ein Hubschrauber kreiste über dem Einsatzort. © Yannick Thedens
Polizeieinsatz am Stiglmaierplatz
Der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) sagte, unter den Verletzten befänden sich auch Kinder. „Ich bin tief erschüttert“, sagte Reiter. „Meine Gedanken sind bei den Verletzten“.  © Yannick Thedens
Blaulicht
Derzeit wird von rund 20 Verletzten ausgegangen. © Videoredaktion tz
Car drives into crowd in Munich, several injured: German police
Eine BR-Reporterin berichtete am Unfallort von „vielen weinenden Menschen“. Sie habe gesehen, wie ein junger Mann von der Polizei „abtransportiert“ worden sei. © Michaela STACHE / AFP
In München läuft am Donnerstagmittag ein Großeinsatz, nachdem ein Auto in eine Menschenmenge fuhr.
Der Vorfall mitten in München erschüttert: Mit einem Mini fuhr ein Mann am Donnerstagvormittag in eine Menschengruppe.  © Michaela Stache/afp
Die Polizei untersucht mit einem Spürhund das Auto. Auf das Fahrzeug wurde einmal geschossen, so die Polizei.
Die Polizei untersucht mit einem Spürhund das Auto. Auf das Fahrzeug wurde einmal geschossen, so die Polizei.  © Matthias Balk/dpa
Auto in München in Menschengruppe gefahren
Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter machte sich vor Ort ein Bild. © Roland Freund/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Ministerpräsident Markus Söder spricht von einem „Anschlag“. Mindestens 28 Personen wurden verletzt, zwei davon sind in einem kritischen Zustand, laut Söder in einem Statement vor der Presse.
Ministerpräsident Markus Söder spricht von einem „Anschlag“. Mindestens 28 Personen wurden verletzt, zwei davon sind in einem kritischen Zustand, laut Söder in einem Statement vor der Presse.  © Peter Kneffel/dpa
Anschlag mit Auto in München: Söder und Hermann an der Unglücksstelle
Bei dem mutmaßlichen Täter handelt es sich, laut Polizeiangaben, um einen 24-jährigen Afghanen.  © MICHAELA STACHE/afp
Auto in München in Menschengruppe gefahren
Man reagiere besonnen, sagte Söder, nachdem er sich den Unglücksort angeschaut hatte. „Aber ich sage Ihnen auch: Unsere Entschlossenheit wächst.“ Und weiter: „Wir können nicht von Anschlag zu Anschlag gehen (...) Wir müssen auch tatsächlich etwas ändern.“ © Christoph Trost/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
„Mutmaßlicher Anschlag“ mitten in München: Mit einem Auto ist ein 24-jähriger Asylbewerber aus Afghanistan in das Ende einer Verdi-Demo gerast.
Mit einem Auto ist ein 24-jähriger Asylbewerber aus Afghanistan in das Ende einer Verdi-Demo gerast. Der Zug sei von einem Polizeifahrzeug begleitet worden, betonte der Bayerische Innenminister Joachim Herrmann.  © Alexa Gräf/dpa
Auto in München in Menschengruppe gefahren
Nach der Fahrt eines Autos in einen Demonstrationszug in München werden die Verletzten in mehreren Krankenhäusern versorgt. Am LMU Klinikum an den Standtorten Großhadern und Innenstadt des Universitätsklinikums werden Verletzte behandelt, wie ein Sprecher auf dpa-Anfrage sagte. Auch das Haunersche Kinderspital der LMU ist demnach eingebunden. Unter den Verletzten sollen auch Kinder sein. Auch am Rotkreuzklinikum München wurden Verletzte versorgt. Bei der München Klinik hieß es, die Notfallzentren an den unterschiedlichen Standorten seien einsatzbereit.  © Peter Kneffel/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Am Einsatzort liegt nach dem Anschlag ein Kinderwagen und ein Sportschuh auf der Straße
Am Einsatzort in München liegt auch ein kaputter Kinderwagen und ein Sportschuh auf der Straße.  © Matthias Balk/dpa
Auto fährt in Menschenmenge an Kreuzung Karlstraße/Auto
Die Polizei ist seit Stunden im Einsatz. © Yannick Thedens
Auto fährt in Menschenmenge an Kreuzung Karlstraße/Auto
Ein Foto von der Unglücksstelle. Die Polizei scannt den Unfallort mit einem 3-D-Scanner. © Yannick Thedens
Auto fährt in Menschenmenge an Kreuzung Karlstraße/Auto
Die Gewerkschaft Verdi hat sich nach dem mutmaßlichen Anschlag auf eine Demonstration in München erschüttert gezeigt. „Wir sind zutiefst bestürzt und schockiert über den schwerwiegenden Vorfall während eines friedlichen Demonstrationszuges von Verdi-Kolleginnen und -Kollegen“, sagte der Vorsitzende Frank Werneke. „Unsere Gedanken sind bei den unschuldigen Opfern und Verletzten sowie ihren Angehörigen.“ © Yannick Thedens
Blumen und Kerzen sind an der Stelle zu sehen, wo am Vortag ein Auto in den Demonstrationszug gerast war.
Blumen und Kerzen sind an der Stelle zu sehen, wo am Vortag ein Auto in den Demonstrationszug gerast war. © Daniel Löb/dpa
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und weitere Politiker legten am Tatort Blumen für die Opfer des Anschlags von München nieder. Ein Auto fuhr hier in eine Gruppe Demonstranten.
Am Donnerstag (13. Februar) fuhr ein Auto in einen Demonstrationszug der Gewerkschaft Verdi. Einen Tag später brachten zahlreiche Politiker ihre Anteilnahme zum Ausdruck. Hier von links nach rechts Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD), Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU). © Daniel Löb/dpa
Grünen-Politiker beim stillen Gedenken am Tatort des Anschlags in München.
Auch die Grünen gedachten der Opfer. Von links nach rechts: MdB Jamila Schäfer, 2. Bürgermeister Dominik Krause, Bundesvorsitzender Bündnis 90/Grüne Felix Banaszak und Katharina Schulze, die Grünen-Fraktionsvorsitzende im bayerischen Landtag, legten Blumen am Tatort nieder. © Daniel Löb/dpa

Abschiebungen nach Afghanistan könnten Anschlagsgefahr in Deutschland sogar erhöhen

Migration: Ja, die Diskussion um Migration sei vor dem Hintergrund der Anschläge unumgänglich, sagt Schindler. Aber: Aktuell werden hauptsächlich Abschiebungen nach Afghanistan gefordert. Für die Sicherheit vor Terrorismus in Deutschland ist das nicht unbedingt förderlich.

„Wenn man islamistische Extremisten nach Afghanistan abschiebt, läuft man Gefahr, dass sich die Gefahr für Deutschland erhöht“, erklärt der Terrorismusexperte. Denn: Die Taliban schützen Al-Qaida. Personen, die aus Deutschland abgeschoben werden, würden bei der Terrororganisation in Afghanistan sicheren Unterschlupf finden und bringen Wissen über Deutschland mit. Schindler betont: „Das deutsche Strafrecht wäre hier der bessere Weg.“ Gefängnis in Deutschland, keine Abschiebung.

„Was Terrorismus angeht, geht es hauptsächlich um die Einreise“, hält Schindler fest. Dafür bräuchte es strengere Grenzkontrollen und Abkommen mit anderen Regierungen, dass abgewiesene Personen auch wieder zurückgenommen werden.

Terrorismusexperte fordert „Umdenken“ bei Befähigung der Sicherheitsdienste

Befähigung der Sicherheitsdienste: „Wir brauchen ein Umdenken“, sagt Schindler. Sicherheitsdienste müssten im Internet mehr Handhabe bekommen. Dabei geht es um Massendatenauswertung mittels KI sowie Vorratsdatenspeicherung. So könnten gefährliche Personen besser identifiziert werden. Das wäre auch ausschlaggebend für funktionierende Grenzkontrollen.

Dr. Hans-Jakob Schindler ist Senior Director des Counter Extremism Project (CEP) in New York und Berlin. Er berät Regierungschefs und Spitzenmanager in Europa, Nordamerika und international zu Fragen des internationalen Terrorismus, der Finanzkriminalität, Sanktionen und der Bekämpfung der Terrorismus- und Extremismusfinanzierung.

„Alle Attentäter haben sich breit im Internet bewegt“: Experte fordert Verantwortung für Soziale Medien

Verantwortung der Sozialen Medien: „Alle Attentäter haben sich breit im Internet bewegt und dort radikalisiert“, mahnt Schindler. Trotzdem sind Soziale Medien komplett von proaktiver Zusammenarbeit mit Sicherheitsbehörden befreit. Branchengrößen X und Meta moderieren ihre Inhalte nicht einmal mehr.

Schindler plädiert für eine Regelung, ähnlich der im Finanzsektor. Alle Unternehmen der Branche sind verpflichtet, verdächtige Bewegungen zu melden und, so schreibt es die BaFin, „Verschleierung und Verschiebung von Vermögenswerten illegaler Herkunft sowie Finanzierung von Terrorismus zu verhindern.“ Vergleichbare Pflichten gibt es für Soziale Medien nicht, aus Sicht der Experten wäre das eigentlich unumgänglich.

Der Anschlag in München entfacht eine Debatte um Migration und Abschiebungen – aber das ist nicht die einzige Stellschraube für innere Sicherheit.

„Migration ist nicht die Silberkugel“: Abschiebungen lösen Sicherheitsproblem in Deutschland nicht

Drei Stellschrauben für mehr Sicherheit. „Eine alleine wird es nicht richten“, sagt Schindler. Erst im Zusammenspiel ermöglichen sich die Faktoren gegenseitig. Sich nur auf Abschiebungen zu fokussieren, hilft nicht. Schindler betont: „Migration ist nicht die Silberkugel, die alle Probleme löst.“ Deutschland brauche jetzt eine wirkliche Besserung. Denn, so Schindler: „Wenn es wieder eine Enttäuschung gibt, wird das wieder von populistischen Parteien ausgenutzt.“ (moe)

Rubriklistenbild: © Matthias Balk/picture alliance/dpa

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