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Die Gefahr durch Mikroplastik für Umwelt und Gesundheit wächst: Eine aktuelle Studie prognostiziert eine Verdoppelung der weltweiten Verschmutzung bis 2040.
Wollongong – Vor 20 Jahren wurde in der Zeitschrift Science die Anhäufung winziger Plastikfragmente und -fasern in der Umwelt nachgewiesen. Sie nannte die Partikel „Mikroplastik“. Nun hat das Forscherteam um Richard Thompson erneut seine Ergebnisse ihrer Langzeituntersuchung veröffentlicht – mit dramatischen Ergebnissen.
Die kürzlich veröffentlichte Studie prognostiziert, dass sich die Verschmutzung durch diese winzigen Plastikpartikel bis 2040 verdoppeln könnte. Doch was steckt hinter dieser beängstigenden Vorhersage? Welche Auswirkungen hat Mikroplastik auf Umwelt und Gesundheit? Und was können wir tun, um dieser drohenden Katastrophe entgegenzuwirken?
Überall Mikroplastik: Von der Natur bis in unseren Körper
Die Ausbreitung von Mikroplastik ist global und betrifft nicht nur die Umwelt, sondern auch die Nahrungskette – und letztlich uns Menschen. Autorinnen und Autoren der Studie haben Mikroplastik in über 1.300 Tierarten nachgewiesen, darunter Fische, Vögel und Säugetiere. Viele Lebewesen verwechseln die winzigen Partikel mit Nahrung, was zu Verdauungsproblemen und sogar zum Tod führen kann.
Auch der Mensch ist längst von Mikroplastik betroffen. „Es wurde in Wasser, das wir trinken, in der Luft, die wir atmen, und in den Lebensmitteln, die wir essen, nachgewiesen – darunter Meeresfrüchte, Speisesalz, Honig, Zucker, Bier und Tee“, erklärt Karen Raubenheimer, eine der Mitautorin der Studie von der Universität Wollongong, gegenüber The Comversation. Besonders bedenklich sei die Tatsache, dass die Partikel in menschlichen Organen und Flüssigkeiten nachgewiesen werden konnten, darunter in Lungen, Nieren und sogar im Blut. „Es gibt immer mehr Beweise für ihre schädlichen Auswirkungen“, so Raubenheimer.
Umweltverschmutzung des 21. Jahrhunderts: Was ist Mikroplastik und woher kommt es?
Mikroplastik beschreibt feste Plastikpartikel, die kleiner als fünf Millimeter sind und aus verschiedenen Quellen stammen. Diese Partikel lassen sich in zwei Hauptkategorien unterteilen: Primäres Mikroplastik wird direkt in dieser Größe hergestellt, etwa als Mikroperlen in Kosmetika oder für industrielle Anwendungen. Sekundäres Mikroplastik hingegen entsteht durch den Zerfall größerer Plastikprodukte, wie etwa von Plastiktüten, Reifen oder Fischernetzen. Besonders problematisch ist die nahezu unaufhaltsame Ausbreitung der Partikel. Sie finden sich in Ozeanen, Flüssen, Böden und sogar in der Atmosphäre. Über den Luftweg gelangen sie weit entfernt von ihren Ursprungsorten, beispielsweise bis in die Arktis oder in die Tiefsee.
Quelle: science.org
In einer im November 2023 veröffentlichten Studie, konnten kleinste Partikel Plastik sogar im Sperma der Probanden nachgewiesen werden. Die langfristigen Auswirkungen sind noch nicht vollständig erforscht. Erste Studien deuten, laut Science.org, aber auf gesundheitsschädliche Effekte hin – darunter Entzündungen und oxidative Zellschäden. Risikobewertungen sind schwierig, da sich die Konzentrationen in verschiedenen Regionen stark unterscheiden.
Zwanzig Jahre Forschung zur Verschmutzung durch Mikroplastik: Eine verdoppelte Gefahr bis 2040?
Ein beunruhigender Aspekt der Studie „Twenty years of microplastics pollution research – what have we learned?“ (zu deutsch: „Zwanzig Jahre Forschung zur Verschmutzung durch Mikroplastik – was haben wir gelernt?“) ist die Prognose, dass die Mikroplastikbelastung bis 2040 um das 1,5- bis 2,5-Fache zunehmen könnte.
„Selbst, wenn wir die Plastikproduktion und den Einsatz von Mikroplastik jetzt drastisch reduzieren würden, bliebe die Verschmutzung bestehen“, sagt Raubenheimer. Denn der Zerfall von bereits vorhandenen Plastikabfällen geht ungebremst weiter. Die winzigen Plastikpartikel könnten bis in noch tiefere und entlegenere Bereiche unserer Erde vordringen und dort Schäden anrichten, die wir noch gar nicht absehen können.
Neben physischen Schäden, wie Darmverstopfungen bei Tieren, zeigen die Studienergebnisse auch chemische Gefahren auf. Mikroplastik enthält oft Schadstoffe, die während der Produktion hinzugefügt werden oder sich auf der Reise durch die Umwelt ansammeln. Diese Chemikalien können beim Verzehr durch Tiere freigesetzt werden und in die Nahrungskette gelangen. Das betrifft letztlich auch uns Menschen. Es gibt Hinweise darauf, dass Mikroplastik Entzündungen auslöst und das Immunsystem schwächen kann. Besonders Nanoplastik, die kleinsten der Partikel, können in Zellen eindringen und genetische Schäden verursachen, was zu schwerwiegenden Krankheiten wie Krebs führen könnte.
Auswirkungen auf die Umwelt und Gesundheit: Was kann gegen Mikroplastik getan werden?
Angesichts dieser düsteren Prognosen sind internationale Maßnahmen dringend erforderlich. Die Studie unterstreicht, dass es nicht mehr nur um Forschung geht, sondern um handfeste Lösungen. Das UN-Plastikabkommen, das sich in Verhandlungen befindet, könnte hier eine entscheidende Rolle spielen. Es soll die globale Plastikproduktion reduzieren und gleichzeitig Maßnahmen ergreifen, um Mikroplastik gezielt zu bekämpfen.
Aber auch auf individueller Ebene kann viel getan werden. „Die Verschmutzung durch Mikroplastik ist das Ergebnis menschlichen Handelns und menschlicher Entscheidungen. Wir haben das Problem geschaffen - und jetzt müssen wir die Lösung schaffen“, erklärt Raubenheimer gegenüber The Conversation. Recyclingprogramme müssten ausgebaut, Alternativen zu Plastik gefördert und der Konsum von Einwegplastik drastisch reduziert werden, so die Forscherin. Verbraucher haben zudem die Macht, über ihre Kaufentscheidungen Druck auf Unternehmen auszuüben, um nachhaltigere Produkte zu entwickeln, so Raubenheimer. (ls)
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