Angst vor gigantischem Erdstoß in Griechenland – Vulkan-Experte entwirft plausibelstes Santorini-Szenario
VonMichelle Brey
schließen
Die Geschehnisse um Santorini ziehen Wissenschaftler in ihren Bann. Welche Szenarien sind möglich – welche eher nicht? Ein Geophysiker redet Klartext.
Santorini – Eine Erdbeben-Serie bewegte tausende Menschen dazu, Santorini zu verlassen. Ein Ende der Erdstöße scheint nicht in Sicht. Allein zwischen dem 26. Januar und dem 4. Februar wurden insgesamt 7.700 Erdbeben registriert. Das berichtete der griechische Rundfunk unter Berufung auf die geologische Fakultät der Universität Athen. Das stärkste Beben dieser Serie erreichte demnach eine Magnitude von 5,1. Droht ein Riesen-Beben – oder werden die beiden Vulkane (Santorini und Kolumbo) zum Problem?
Erdbeben-Serie auf Santorini – Experte nennt wahrscheinliches Szenario
Geophysiker Christian Hübscher verfolgt die Entwicklungen rund um die Erdbeben-Serie genau. „Sie ist sehr intensiv und bereitet zu Recht Sorge“, sagt der Experte. Hübscher leitet den Bereich Marine Geophysik an der Universität Hamburg. Er erforscht seit fast 20 Jahren in enger Zusammenarbeit mit griechischen Kollegen und Kolleginnen die beiden Vulkane von Santorini.
550 Erdbeben, flüchtende Urlauber und Angst vor dem Hauptbeben – dramatische Bilder aus Santorini
Dass diese – Santorini selbst und der rund sieben Kilometer nordöstlich gelegene Unterwasservulkan Kolumbo – für die Erdbeben verantwortlich sind, glaubt er jedoch nicht. „Die meisten Experten sind sich einig, dass die Frequenzen eher durch tektonische Aktivität gesteuert werden.“ Auch ein Expertenkomitee erklärte am Montag (3. Februar), die Serie stehe „nicht in Zusammenhang mit vulkanischer Aktivität“. Insofern sei ein starkes Hauptbeben – wenn überhaupt – wahrscheinlicher als ein Vulkanausbruch, sagte Hübscher. Dieses Szenario ordneten Experten auch bei IPPEN.MEDIA ein.
Erschütterungen auf Santorini: „Rückkopplungsmechanismen zwischen Erdbeben und Vulkanen“ möglich
Griechische Wissenschaftler haben im Rahmen der Analyse der aktuellen Erdbebenserie am Mittwoch eine „leichte Aktivität“ des Vulkans von Santorini festgestellt. Den Menschen in der Region bereitet das Sorge. Könnten die Erdbeben einen Vulkanausbruch verursachen? „Es kann Rückkopplungsmechanismen zwischen den Erdbeben und den Vulkanen geben“, bestätigt Hübscher. „Aber die Hypozentren der Beben liegen nicht dort, wo die Magmakammern sind, sondern unter der kleinen Insel Anydros rund 35 Kilometer weiter nordöstlich. Das ist erstmal ganz gut.“
Santorini und Kolumbo – Die letzten Eruptionen
Zuletzt brach der Vulkan von Santorini im Jahr 1950 aus. Damals war es nur eine kleine Eruption. Der letzte Ausbruch des Kolumbo liegt weitaus länger zurück, nämlich um 1650. Damals kamen 70 Menschen ums Leben. Neben einem Tsunami gab es eine ebenso gewaltige wie giftige Gaswolke.
Unterwasservulkan brach fünfmal aus – Risiko für erneute Eruption derzeit gering
„Den Kolumbo haben wir intensiv untersucht. Er ist in seiner geologischen Geschichte fünf Mal ausgebrochen, dazwischen lagen jeweils einige Zehntausend Jahre“, sagt Hübscher. Da der letzte Ausbruch noch keine 400 Jahre zurückliege, sei das Risiko also statistisch eher gering.
Es könnte allerdings zu einem schweren Erdbeben kommen. Wissen kann das jedoch niemand. „Es gibt immer mal wieder extreme Prognosen von einzelnen Experten, aber das ist Kaffeesatzleserei“, sagt Hübscher. „Nein zu Katastrophen-Szenarios“, sagte indes am Freitag auch der griechische Regierungschef Kyriakos Mitsotakis, als er die Insel besuchte und versuchte, die dortgebliebenen Menschen zu beschwichtigen. „Wir glauben nicht, dass irgendeine Katastrophe passiert“, so seine Worte.
Mit Sorge betrachtet Hübscher allerdings, dass ein Großteil der Einheimischen die Insel verlässt. Gut zwei Drittel der rund 16.000 Einwohner sind aufgrund der Erdbeben aufs Festland geflohen. „Die Einheimischen sind erdbebenerprobt und haben ein gutes Gespür für ihre Insel. Wenn sie die verlassen, dann deshalb, weil die Situation extrem ist.“ In fünf Bereichen herrscht indes „Warnstufe Rot“ aufgrund von Erdrutsch-Gefahr.(mbr/AFP/dpa)