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Eine schwere Serie von Erdbeben vor Santorin weckt Erinnerungen an riesige Naturkatastrophen. Die gesamte Region ist hochgefährlich.
Santorin – Schneeweiße Kykladenhäuser und blauen Kirchenkuppeln schimmern vor dem Abgrund aus roten, grauen und braunen Felswänden, die sich unter ihnen auftun. Tief unten kräuselt sich das tiefblaue Meer der Ägäis in der gleißenden Sonne. Kaum eine Insel des Mittelmeerraumes weckt mehr Sehnsüchte als die Ferieninsel Santorin in der griechischen Ägäis, die sich in den letzten Jahrzehnten immer mehr zu einem Reiseziel für das betuchte Jet-Set entwickelt hat.
Erdbeben auf Santorin: Idylle in der Ägäis seit Jahrtausenden ein Katastrophengebiet
Doch die Idylle täuscht: Die Insel mit rund 15.000 Einwohnern und etwa ebenso vielen Gästebetten ist ein aktiver Vulkan, umgeben von weiteren aktiven Kratern, von denen viele unsichtbar unter der Wasseroberfläche liegen. Santorin, von den Griechen Thira genannt, liegt inmitten einer Vulkankette, die sich in einem Bogen vom griechischen Festland bei Athen bis zur türkischen Westküste erstreckt. Die Vulkane entstehen durch das Abtauchen der afrikanischen Kontinentalplatte unter die Ägäische Platte. Dabei wird Gestein so tief aufgeschmolzen, dass es zu Vulkanen aufsteigt. Der Vulkan von Santorin ist seit etwa 600.000 Jahren aktiv. In dieser Zeit ist er zwölfmal ausgebrochen, jedes Mal mit einer Intensität von mindestens 5 auf dem Vulkanexplosivitätsindex. Diesen Wert hatte der Ausbruch des Vesuvs, als er 79 n. Chr. unter anderem die römischen Städte Pompeji und Herculaneum zerstörte.
Die stärkste Eruption auf Santorin ereignete sich in der späten Bronzezeit, als der Vulkan ausbrach. Er erreichte die Stufe 7 auf dem Explosivitätsindex und war damit einer der stärksten, wenn nicht der stärkste Vulkanausbruch der Menschheitsgeschichte. Diese Intensität erreichte zuletzt der katastrophale Ausbruch des Tambora in Indonesien im Jahr 1812, bei dem über 11.000 Menschen ums Leben kamen. Eine folgende, durch Asche in der Atmosphäre erzeugte weltweite Hungersnot forderte über 49.000 Todesopfer.
Der Ausbruch auf Santorin ereignete sich im 17. oder 16. Jahrhundert v. Chr., eine genauere Datierung ist nicht möglich. Eine gigantische Eruption zerriss die Insel, als Wasser in den Lavakörper eindrang. Bis zu 20 Meter große Gesteinsbrocken wurden in die Luft geschleudert, mehrere hundert Grad heiße pyroklastische Ströme rasten über die Inselwelt, Bimssteinhagel und Ascheregen bedeckten Santorin mit bis zu 60 Meter dicken Schichten. Siedend heiße Schlammströme, sogenannte Lahare, wälzten sich über den damaligen Kraterrand über die gesamte Insel, bevor der Vulkankrater in sich zusammenbrach und die heutige halbmondförmige Insel Santorin sowie die noch heute am Kraterrand liegenden kleineren Inseln Thirassia und Aspirnisi entstanden.
Vulkanausbruch von Santorin verwüstete einst das gesamte östliche Mittelmeer
Auf Santorin selbst hatten die Menschen, die sich dort aufhielten, aber offenbar Zeit, ihre Habseligkeiten zu packen und zu flüchten. Vermutlich hatten vorhergehende Erdbeben die Menschen vertrieben. 1967 entdeckte der Archäologe Spyridon Marinatos eine untergegangene Stadt, die heute Akrotiri genannt wird – eine Art griechisches Pompeji, nur 1500 Jahre älter. 9000 Menschen hatten dort gelebt, es war offenbar eine blühende Handelsstadt. Die Bewohner nahmen aber alles Wertvolle mit, als sie flüchteten.
Während sich die Bewohner Santorinis offenbar retten konnten, löste der Ausbruch einen Tsunami aus, der den gesamten Mittelmeerraum, vor allem aber die südlich gelegene Insel Kreta traf und dort vermutlich alle Hafenanlagen und Städte zerstörte. Forscher schätzen, dass die Flutwellen an der Nordküste Kretas mindestens neun Meter hoch waren. In den Jahrzehnten nach dem Ausbruch von Santorin ging die minoische Kultur in der Ägäis unter, die als erste europäische Hochkultur gilt.
Aber auch die heutige Türkei, der Nahe Osten und Ägypten waren von der Tsunami-Katastrophe betroffen. Einige Forscher und Wissenschaftler wie Robert S. Salzman führen die zehn biblischen Plagen auf den Ausbruch von Santorin zurück. Die Vulkanasche habe den Himmel verdunkelt, roter Bimsstaub das Wasser verfärbt, Frösche hätten wegen des verdorbenen Wassers die Gewässer verlassen, Stechmückenlarven seien nicht mehr von ihnen gefressen worden, verdorbenes Wasser habe zu Viehseuchen geführt, Vulkanausbrüche hätten Heuschrecken zur Wanderung gezwungen. Kritiker verweisen darauf, dass die zehn Plagen bereits 150 Jahre vor der Eruption stattgefunden hätten. Doch die weltweite Hungersnot nach dem Ausbruch des Tambora im frühen 19. Jahrhundert weist viele Parallelen auf. Auch die biblische Sintflut wird mit dem Tsunami von Santorin in Verbindung gebracht.
Forscher sehen Zusammenhang mit biblischen Plagen, Sintflut und Atlantis
Der 1998 verstorbene österreichische Priester und Hobbyforscher Jürgen Spanuth führte auch die Atlantis-Saga auf den Untergang von Akrotiri auf Santorin bei der minoischen Eruption zurück. Antike Autoren verorten Atlantis allerdings viel weiter im Westen des Mittelmeeres. Auch die Teilung des Meeres, als Moses das Volk nach Israel führte, könnte manchen Autoren zufolge auf einen Tsunami hindeuten, da das Meer vor einer solchen Eruption zunächst zurückweicht und dann mit Macht zurückkehrt. Der Bibel zufolge konnten die Israeliten das Rote Meer zu Fuß durchqueren, da Moses das Meer durch Gott teilte, und die nachfolgenden ägyptischen Armeen wurden durch das zurückfließende Wasser vernichtet. Beverly Goodman von der Universität Haifa formulierte diese These, nur dass das Ereignis statt am Roten Meer am Mittelmeer stattgefunden hätte. An der Westküste der Türkei wurde tatsächlich ein Todesopfer des Tsunamis in einer Hausruine gefunden.
Fakt ist, dass sich in der Mitte der Caldera von Santorin immer wieder bei kleineren Eruptionen kleine Vulkaninseln bildeten, die wieder verschwanden. Die letzte Eruption fand 1950 statt. Und dann gibt es noch den Unterwasservulkan Kolumbos, etwa sieben nordöstlich von Santorin – hier finden derzeit die Erdbeben statt. Der Kraterrand des Kolumbos-Vulkans liegt nur zehn bis 18 Meter unter der Meeresoberfläche, seine Caldera erreicht eine Tiefe von bis zu 505 Metern.
Erdbeben verwüstete vor 69 Jahren Santorin – danach wurde Gefahrenzone zum Touristenparadies
Der Krater hat einen Durchmesser von 1,5 Kilometern. 1650 forderte ein von ihm verursachtes Seebeben auf Santorin über 50 Menschenleben. Viele Gebäude wurden zerstört, der Ascheregen brachte Ackerbau und Viehzucht zum Erliegen. Der Kollaps des Vulkans in seine Caldera löste einen Tsunami aus, der noch auf Inseln in 150 Kilometern Entfernung Schäden verursachte.
In jüngerer Zeit hat das Erdbeben vom 9. Juli 1956 die Insel Santorin verwüstet. Der Erdstoß mit einer Magnitude von 7,4 und einem Epizentrum vor der Nordostküste sowie 18 Nachbeben mit Magnituden bis zu 4,2 erschütterten die Insel. Ein 20 Meter hoher Tsunami folgte. 40 Menschen starben. Die heutigen Touristenorte Oia und Fira waren am stärksten betroffen. Viele Einwohner verließen Santorin. Oia verfiel, bis Touristen in den 1970er Jahren die Insel entdeckten. Viele alte Häuser wurden zu Feriendomizilen umgebaut, neue Swimmingpools und Hotels direkt an die Steilküste gebaut. Nun besteht die Gefahr, dass die Kraterkante abrutscht. Experten warnen bereits vor einer neuen Katastrophe.
Dass Vulkaninseln die Quelle heftiger Erdrutsche sein können, wurde jüngst bei einer Entdeckung auf der italienischen Insel Ischia festgestellt. Auch unter dem Supervulkan der Phlegräischen Felder bei Neapel bebt die Erde immer wieder, was die Angst vor einem Ausbruch befeuert.
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