Debatte über Israel-Kritik auf der Berlinale: „Selektiv und unaufrichtig“
VonMichael Hesse
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Auf der Berlinale forderten Künstler ein Ende des Israel-Kriegs. Es folgt eine Debatte mit Politik und Kultur. Antisemitismusvorwürfe sorgen für Kritik.
Berlin – Die Forderungen nach einem Ende des Krieges in Israel auf der Berlinale haben eine heftige Diskussion über Antisemitismus unter deutschen Kulturschaffenden hervorgerufen. Der israelische Botschafter Ron Prosor machte der „deutschen Kulturszene“ große Vorwürfe. Er identifizierte auf dem Nachrichtendienst X „antisemitische und israelfeindliche Äußerungen“. Prosor beklagte zudem, dass diese mit tosendem Applaus bedacht worden seien: „Es scheint, dass die Lektion aus der Documenta nicht begriffen wurde. Unter dem Deckmantel der Rede- und Kunstfreiheit wird antisemitische und antiisraelische Rhetorik zelebriert.“
Bei der Preisverleihung hatte der Filmemacher Ben Russell Israel Genozid an den Palästinenser:innen vorgeworfen. Auch der palästinensische Filmemacher Basel Adra – sein Film über das Westjordanland „No Other Land“ hatte den Panoramapublikumspreis in der Kategorie Dokumentarfilme erhalten – äußerte sich zum Krieg Israels im Gazastreifen. Er hatte gesagt: „Es ist für mich sehr schwer zu feiern, wenn Zehntausende meines Volkes in Gaza gerade durch Israel abgeschlachtet werden.“
Aufklärung zu „Apartheid“-Aussage gefordert – von bei der Berlinale applaudierenden Politikern
Zudem sprach sein israelischer Kollege Yuval Abraham in Bezug auf das gesellschaftliche Zusammenleben zwischen Israelis und Palästinenser:innen von „Apartheid“. Für ihre Aussagen ernteten die Filmschaffenden Applaus aus dem Publikum. Auch Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) und Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) hatten applaudiert.
Vor dem Gaza-Krieg: Die Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts in Bildern
Beide fordern nun eine Aufklärung der Vorgänge. „In Berlin hat Antisemitismus keinen Platz, und das gilt auch für die Kunstszene“, sagte Wegner. Auf der Bühne trugen mehrere Personen an ihrer Kleidung Zettel mit der Aufschrift „Ceasefire now“ („Waffenstillstand jetzt“).
Hamas-Angriff ausgelassen: einseitige Argumentation zum Krieg im Gaza?
Der Terrorangriff der Hamas auf Israel vom 7. Oktober wurde von den Preisträgerinnen und Preisträgern nicht erwähnt. Die Ausblendung der Gräueltaten der Hamas an dem Tag wird in der emotional geführten Debatte als Argument speziell gegen Linke angeführt, im Grunde antisemitisch zu argumentieren – oder zumindest Israel einseitig die Schuld zuzuschieben.
Bei dem Angriff der Hamas wurden 1200 Menschen getötet, hauptsächlich handelte es sich um israelische Zivilistinnen und Zivilisten. Kurze Zeit später begann Israel in Reaktion darauf einen Krieg im Gazastreifen, bei dem Hunderttausende Menschen vertrieben und über 30.000 Menschen getötet wurden.
Debatte laut Fabio De Masi „beschämend“ - für den BSW-Politiker ist die Lösung klar
Die Vorgänge auf der Berlinale werden unterschiedlich bewertet. „Die Debatten in Deutschland über Gaza sind beschämend: Es ist selbstverständlich legitim, eine kritische Debatte über Begriffe wie Apartheid und Genozid auf der Berlinale zu führen, und es ist geboten, die Würdigung der Opfer des Terrors der Hamas einzufordern“, erklärte der Bundestagsabgeordnete Fabio De Masi vom „Bündnis Sahra Wagenknecht“ auf X.
Es gebe in Teilen des aktivistischen Milieus „eine naive Verklärung der reaktionären Hamas und auch Antisemitismus in Deutschland“, vermutete er. „Nur drängt sich bei mir gleichermaßen der Eindruck auf, dass jene, die sich hierbei am lautesten empören, regelmäßig fast 30 000 Tote – überwiegend Frauen und Kinder – zwei Millionen Menschen auf der Flucht und auch eine jahrzehntelange Unterdrückung und Entrechtung der Palästinenser grotesk relativieren“.
Berlins Kultursenator Joe Chialo schrieb auf X: „Die Kultur sollte Raum für vielfältige politische Meinungsäußerungen bieten, doch die diesjährige Preisverleihung der Berlinale war geprägt von selbstgerechter antiisraelischer Propaganda, die nicht auf die Bühnen Berlins gehört.“
Zweierlei Maß: Gegen Antisemitismus heißt nicht für die israelische Regierung
Die jüdische amerikanisch-deutsche Schriftstellerin Deborah Feldman übte auf Nachfrage der Frankfurter Rundschau scharfe Kritik an den Äußerungen des israelischen Botschafters: „Überall in der Welt müssen Juden wieder Angst haben, müssen sich Fragen über ihre Zukunft stellen, weil der Begriff Antisemitismus so perfide verdreht wird, dass sie ihr Jüdischsein im Namen der rechtsnationalen israelischen Regierung für eine politische Ersatzidentität aufgeopfert sehen, die sowohl in Israel als im Ausland aber insbesondere in Deutschland einen Konformismus aufdrückt, die den jüdischen Pluralismus bewusst ersticken soll, und dabei Juden in zwei Kategorien aufteilen sollte: loyal/nicht loyal“, erklärte sie.
Es sei letzteren auch klar, was für ein Schicksal die israelische Regierung ihnen wünsche, sagte Feldman weiter: „Die Bilder von den befreiten Geiseln im Strahl der Wasserwerfer am Samstag in Tel Aviv sagen uns alles über den Wahnsinn unserer jüdischen Gegenwart aus. Wer sich mit dem Nahostkonflikt vor und nach dem 7. Oktober beschäftigt hat, wird wissen, was für ein Grauen unschuldige Frauen, Kinder, und Zivilisten täglich trifft, und wie laut zahlreiche Juden in Israel und im Ausland ihre Stimme für Frieden und Gerechtigkeit, und seit Monaten für einen Waffenstillstand erhoben haben“, betonte sie. „Viele von uns Juden wissen auf schmerzhafte Weise, wie wenig dieser Krieg unserer Sicherheit, und wie viel mehr er der Interessen Netanyahus und seinen rechtsextremen Stützen nutzt.“
Feldman kritisierte die deutsche Politik für ihre Haltung im Nahost-Konflikt und der Loyalität gegenüber der Politik einer rechtsnationalen israelischen Regierung. „Das manche deutsche Politiker sich berufen fühlen, sich mit diesen schädlichen Interessen gemein zu machen, um persönlichen Profit daraus zu schlagen, schmeckt nach dem bittersten Antisemitismus seit vielen Jahrzehnten“, erklärte sie. „Das politische Deutschland scheint sich reflexhaft vor allem der israelischen Regierung anschließen zu wollen. Die Sicherheit regierungskritischer Juden opfert es genauso bereitwillig mit auf, und zeigt uns wie selektiv und unaufrichtig das Land zu ihrer geschichtlichen Verantwortung steht.“