Antisemitismus

Die Deutschen und Nahost: Kritisieren Sie Israel?

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Kritik an Israel bei der Berlinale-Preisverleihung: Ben Russell, Jay Jordan, Guillaume Cailleau und Servan Decle.
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Eine persönliche Betrachtung über den Krieg in Nahost und unsere Reaktionen darauf.

Einer der Detektoren für angeblichen Antisemitismus lautet: Kritisieren Sie Israel überproportional während Sie andere Staaten ungeschoren davonkommen lassen? Nun, ich glaube, im Moment wird vor allem über zwei Konflikte auf der Welt gesprochen, weil sie uns ganz direkt betreffen: Den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und den Krieg Israels gegen die Hamas nach deren brutalen Angriff vom 7. Oktober. Beide Konflikte betreffen uns in Deutschland ursächlich, weil sich an ihnen globale Kriege entzünden könnten.

Aber schon vorher wurde die israelische Regierung überproportional kritisiert, und auch das ist wenigstens teilweise einfach zu erklären. Das Land regiert eine Rechtsaußen-Ultrarechts-Koalition, rechter als alles, was wir in Europa haben, die kurz davorstand, Israel mit der Justizreform in eine Diktatur zu verwandeln. Die Bundesregierung blieb stumm angesichts der Proteste, aber unsere Medien konnten den Bildern mit Hundertausenden von Demonstranten nicht widerstehen.

Israel: Kritisieren, was uns am nächsten steht

Aber ich habe Israel auch schon vorher kritisiert für seine Palästinenserpolitik, und auch da kann man mich fragen, ob ich das vielleicht häufiger getan habe, als den Iran zu kritisieren, der jedes Jahr Hunderte seiner Bürger aufhängt, wofür es schon reicht, homosexuell zu sein oder eine erlittene Vergewaltigung angezeigt zu haben. Allerdings muss ich mir zu Gute halten, dass ich bei jeder Berlinale-Teilnahme eines regimetreuen Regisseurs wie Asghar Farhadi aus dem Iran oder Zhang Yimou aus China darauf hingewiesen habe, wie es Diktaturen so geschickt anstellen, durch scheinbar liberale Kunstwerke in besserem Licht dazustehen.

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Ist es nicht so, dass wir am meisten kritisieren, wer uns am nächsten steht? Die Menschen, die ich am meisten kritisiere, gehören zu meiner Familie, keine Stadt kriegt es mehr von mir ab als mein geliebtes Köln, wo ich lebe und es nichtmal ein kommunales Kino gibt. Und keinem Land mache ich mehr Ärger als Deutschland, das von völligen Idioten regiert wird, dicht gefolgt von dem Land, das mich am meisten beeinflusst hat, den USA. Da Deutschland so eng mit Israel verbunden ist, ist ein Großteil meiner Israelkritik eigentlich Deutschlandkritik. Denn schließlich könnte man seinen Einfluss, anders als im Iran oder in China, dort ja vielleicht sogar nutzen.

Was das Judentum angeht, ist der Einfluss jüdischer Künstler auf meinen kulturellen Kanon vermutlich sogar größer als der christlicher, zumindest haben mich offen christliche Künstler immer kalt gelassen, jüdische hingegen oft sehr fasziniert. Von niemandem habe ich mehr Musik gehört als von Paul Simon, Bob Dylan und Leonard Cohen. Das bisschen Humor, was ich beherrsche, verdanke ich in dieser Reihenfolge: Ernst Lubitsch, Billy Wilder und Woody Allen, und die Liebe zum Absurden habe ich seit Kindertagen von Dr. Seuss. Mit Woody Allen habe ich einmal versucht, ein Gespräch über jüdischen Humor zu führen, aber ich musste dreimal von neuem ansetzen, immer wehrte er ab.

Israel-Reise: Entgegen aller Warnungen sagte ich, ich sei Journalist

So was gebe es ja gar nicht, und der lustigste Filmemacher sei sowieso W. C. Fields, und der sei ja gar kein Jude. Na ja, es gab die Marx Brothers, das musste er dann auch zugeben. Wahrscheinlich hatte er einfach keine Lust mit einem Deutschen über das Jüdische zu sprechen, weil er schon wusste, wie viele „Philosemiten“ es hier gibt, die dann wieder alles in eine Schublade stecken wollen.

2009 bin ich nach Israel gereist, um zwei Regisseure zu treffen, Scandar Copti and Yaron Shani. Sie hatten gemeinsam den Thriller „Ajami“ gedreht, der bei den Oscars nominiert war. Bei der Einreise fragte man mich nach meinem Beruf, und entgegen aller Warnungen von Kollegen sagte ich, ich sei Journalist. Das führte dazu, dass ich vor meiner Ausreise anderthalb Stunden verhört wurde. Alle meine Habeseligkeiten und besonders die elektronischen Geräte wurden untersucht, wobei das Drehbuch zu „Hannah Arendt“ für besondere Aufmerksamkeit sorgte.

Da mein Aufnahmegerät mitsamt meinem Gepäck von Swiss Air auf dem Hinflug nicht mittransportiert worden war, hatte ich meine Interviews auf dem Gerät eines Kollegen mitgeschnitten und konnte nichts vorspielen. Das machte mich besonders verdächtig. Ausreisen durfte ich erst, nachdem ich beide Oscar-Nominierte persönlich ans Handy bekommen hatte. Ich nehme das dem Land nicht übel. Das gleiche ist mir schon beim Familienurlaub 1982 in der DDR passiert. Da hatte ich ein merkwürdiges Disney-Buch ins Land geschmuggelt, in dem Donald Duck in einer Nazi-Fabrik zu sehen war. Und vor ein paar Jahren in den USA, wo man mir vor der Untersuchung mein Handy wegnahm, damit ich nichts filmen konnte. Sowohl in Tel Aviv als auch in den USA war das Merkwürdigste für mich, dass ich eigentlich nur sagen wollte, wie viel mir diese Länder und ihre Kulturen bedeuteten, aber natürlich war ich völlig eingeschüchtert und stumm. Vielleicht sahen sie in mir nur den Kritiker (hoffentlich habe ich jetzt niemanden überproportional kritisiert).

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