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Kanadas massive Waldbrände dauern an. Die Rauchschwaden erreichen inzwischen auch Europa. Es gibt Evakuierungen, Todesopfer und düstere Prognosen.
Winnipeg – Die kanadischen Provinzen Manitoba, Saskatchewan und Alberta stehen aktuell im Zentrum einer sich zuspitzenden Naturkatastrophe. Dutzende außer Kontrolle geratene Waldbrände haben dort bereits Millionen Hektar Land zerstört, Tausende Menschen zur Flucht gezwungen und nun sogar den Atlantik überquert: Erste Rauchschwaden wurden über dem Vereinigten Königreich registriert. Die Lage ist angespannt – und könnte sich nald noch weiter verschärfen.
Seit März, dem Beginn der offiziellen Waldbrandsaison in Kanada, kämpfen erneut Feuerwehrkräfte unermüdlich gegen die Flammen. Die Bilder erinnern an das schwere Feuer-Inferno, das Anfang des Jahres für drei Wochen in Los Angeles tobte.
Laut dem Canadian Interagency Forest Fire Centre sind allein in Manitoba und Saskatchewan bereits rund 2,3 Millionen Acres – also über 930.000 Hektar – verbrannt. In der Provinz Alberta kamen laut New York Times weitere 1,2 Millionen Acres (über 485.000 Hektar) hinzu. Betroffen sind vor allem die dünn besiedelten nördlichen Regionen, viele davon Heimat von First Nations Gemeinden.
Millionen Hektar Wald in Kanada in Flammen: Rauch legt sich über Nordamerika – und Europa
Die Evakuierungsmaßnahmen sind massiv: In Manitoba mussten laut BBC rund 17.000 Menschen ihre Häuser verlassen, in Saskatchewan weitere 15.000. Auch in Alberta wurden 4.000 Menschen evakuiert. Um die entlegenen Gebiete zu erreichen, wurden militärische Hubschrauber eingesetzt. Kanadas Premierminister Mark Carney betonte: „Der Umfang und die Komplexität dieser Luft-Evakuierungen dürfen nicht unterschätzt werden – ebenso wenig wie die unermüdliche Hingabe der Einsatzteams“.
Was zunächst ein nationales Problem war, ist längst zu einem internationalen geworden. Dichte Rauchschwaden breiteten sich über ein Drittel der Vereinigten Staaten aus. Besonders betroffen waren der Mittlere Westen sowie Teile des Nordostens, einschließlich New York City, wo eine Luftqualitätswarnung ausgegeben wurde. Schätzungsweise 22 Millionen US-Bürger und -Bürgerinnen befanden sich laut New York Times und BBC am vergangenen Wochenende unter Luftqualitätswarnungen.
Doch der Rauch blieb nicht auf dem amerikanischen Kontinent. Eine dünne, hochgelegene Rauchschicht wurde bereits über dem Vereinigten Königreich registriert. Das britische Wetteramt Met Office gab an, dass keine gesundheitlichen Auswirkungen zu erwarten seien, da sich der Rauch in großer Höhe befinde. Meteorologin Georgie Myers erklärte gegenüber Bloomberg: Es sind „keine Auswirkungen zu erwarten, da es sich in der Höhe hält – aber es könnte zu eindrucksvollen Sonnenuntergängen und -aufgängen führen“.
Waldbrände in Kanada: Bilder zeigen Nation im Ausnahmezustand




Waldbrände in Kanada belasten die Luft – Zwei Menschen starben bereits in den Flammen
Bereits im Mai wurden in Manitoba zwei Menschen getötet, als eine Kleinstadt von den Flammen eingeschlossen wurde, wie die New York Times berichtet. Die Gefahr für die Bevölkerung ist weiterhin hoch. In der Stadt Flin Flon, die rund 5.000 Einwohnerinnen und Einwohner zählt, verblieben laut BBC nur noch Einsatzkräfte und Helfer vor Ort. Besonders gefährdet sind ältere Menschen, Kinder, Schwangere sowie Personen mit Atemwegs- oder Herzproblemen. Die kanadischen und US-amerikanischen Gesundheitsbehörden rufen zur Vorsicht auf und empfehlen in betroffenen Regionen, Aufenthalte im Freien zu vermeiden.
Laut offiziellen Regierungsdaten wurden 100 von 111 aktiven Bränden in Manitoba durch Menschen verursacht. Sechs wurden durch Blitzschläge entfacht, fünf weitere befinden sich in Untersuchung. Schon in der Vergangenheit war Blitzeinschlag die Hauptursache für großflächige Brände – 2023 verursachten Blitze 93 Prozent der verbrannten Fläche, der Rest wurde durch menschliche Einwirkung ausgelöst. Die genaue Rolle menschlichen Fehlverhaltens in der aktuellen Lage ist noch unklar, doch Umweltorganisationen warnen seit Jahren vor den Auswirkungen des Klimawandels. Die Kombination aus anhaltender Trockenheit, Hitze und starken Winden bietet den idealen Nährboden für verheerende Feuer.
Keine Entspannung in Sicht: Erinnerung an das Katastrophenjahr 2023
Premierminister Mark Carney hat ein nationales Krisenteam einberufen, um die Maßnahmen zu koordinieren. Die kanadische Regierung unterstützt die Provinzen mit militärischer Hilfe, finanziellen Mitteln und technischer Ausrüstung. Zudem wurde angekündigt, Spenden an das Kanadische Rote Kreuz zu verdoppeln, um die Versorgung der Evakuierten sicherzustellen. Schon im Vorjahr hatte die Regierung umfassende Maßnahmen vorbereitet: unter anderem die Ausbildung von indigenen Feuerwehrleuten und die Bereitstellung von Ausrüstung zur Brandbekämpfung.
Die Wetterprognose gibt wenig Grund zur Hoffnung. Laut der Meteorologin Danielle Desjardins von Environment and Climate Change Canada bringt der erwartete Kälteeinbruch in Saskatchewan keine Linderung – im Gegenteil: „Das Problem mit dieser Kaltfront ist, dass sie Wind bringt“, sagte sie gegenüber der BBC. Wind, Hitze und Trockenheit sind eine gefährliche Mischung.
Der Juni sei entscheidend für den weiteren Verlauf der Saison, da in diesem Monat üblicherweise der meiste Sommerregen fällt. Sollte dieser ausbleiben, drohen weitere Eskalationen. Bereits 2023 hatte Kanada die schlimmste Waldbrandsaison seiner Geschichte erlebt. Mehr als 42 Millionen Acres brannten – eine Fläche größer als England. Acht Feuerwehrkräfte kamen bei den Löscharbeiten ums Leben – keine Zivilisten. Die damaligen Brände setzten laut Forschung mehr Treibhausgase frei als fast jedes andere Land weltweit.
Rubriklistenbild: © Manitoba RCMP/The Canadian Press via AP/dpa

