VonMarcus Giebelschließen
Shani Louk ist die bekannteste deutsche Geisel der Hamas. Ihre Cousine schildert, wie in sozialen Medien mit den Gefühlen der Familie gespielt wird.
Tel Aviv – Wo ist Shani Louk? Und wie geht es ihr? Diese Fragen treiben ihre Familie um, seit die 22-Jährige vor knapp zwei Wochen beim Überfall der Hamas auf Israel von deren Kämpfern in den Gazastreifen verschleppt wurde. Es war der Beginn des Israel-Kriegs.
Die junge Frau feierte auf dem durch den Terrorangriff weltweit bekannt gewordenen Supernova-Festival in der Negev-Wüste. Auf dem Gelände brachte die radikalislamische Hamas sie in ihre Gewalt. Ebenso wie rund 200 weitere Personen im ganzen Land, darunter einige Deutsche.
Shani Louk entführt: Cousine wollte mit ihr zusammenziehen
Die Ungewissheit über ihr Schicksal ist für die Angehörigen unerträglich. Louks in Ravensburg lebender Onkel Markus Waidmann wandte sich bereits aus Deutschland an die Öffentlichkeit, ihre Mutter Ricarda Louk aus Israel.
Im Stern kommt nun ihre Cousine Tom Weintraub Louk zu Wort, die als Filmemacherin und Fotografin in Tel Aviv lebt (Artikel hinter einer Bezahlschranke). Sie tritt ebenfalls öffentlich auf Pressekonferenzen auf und drängt auf schnelle Hilfe. Die 30-Jährige steht dem Entführungsopfer besonders nahe: „Eigentlich wollten wir bald zusammenziehen. Sie kam mit vielem zu mir, sie wusste, ich urteile über nichts und hat mir deswegen alles erzählt.“
Israel-Krieg: Cousine von Hamas-Geisel schreibt auf Instagram über ihre Gefühle
Auch auf Instagram lässt sie ihren Gefühlen freien Lauf. „Ein Teil meines Herzens wurde nach Gaza entführt. Ich habe keine Worte, um den Schmerz zu beschreiben“, steht dort. Gemeinsam mit dem Aufruf, ein kleines weißes Herz auszuschneiden, sich anzuheften und davon ein Foto zu machen: „Damit wir, die Familien der Entführten, uns nicht allein fühlen.“
In einem anderen Post fordert Weintraub Louk die israelische Armee auf, mit den Familien der Entführten zu sprechen und Verhandlungen über deren Freilassung aufzunehmen. Unter ihren Nachrichten sammeln sich Beileidsbekundungen und Aufmunterungen. Viele Menschen nehmen Anteil, wünschen Stärke und Durchhaltevermögen.
Fake News über Hamas-Geisel Shani Louk: Auf falschem Twitter-Account wird über ihren Tod geschrieben
Doch es finden sich anscheinend auch in den schwärzesten Stunden noch Personen, die nichts Besseres zu tun haben, als mit den Gefühlen anderer zu spielen. So werde sie von Leuten via Social Media kontaktiert, die Fake News verbreiten würden, verrät Weintraub Louk im Stern: „Als wollten sie uns in den Wahnsinn treiben.“
Falsche Accounts ihrer Cousine würden erstellt, etwa auf Twitter. „Einer hat fälschlicherweise im Namen der Familie geschrieben: ‚Mit tiefem Bedauern informieren wir Sie über die Bestätigung von Shani Louks Ableben. Wir danken all jenen, die die Fotos und Videos geteilt haben, die ihr strahlendes Lächeln festhalten. – die Louk-Familie.‘“
Zudem erhalte sie Nachrichten über den vermeintlichen Aufenthaltsort ihrer Cousine. Einmal habe jemand Geld für entsprechende Informationen verlangt: „Als ich ihm aber kein Geld überwiesen habe und misstrauisch wurde, schrieb er nur: ‚Shani ist sowieso tot. Schon von Anfang an.‘“ Zuvor hatte die englische Boulevardzeitung Sun berichtet, vom Handy von Louks ebenfalls verschlepptem Freund, einem Mexikaner, seien hasserfüllte Botschaften in arabischer Sprache per SMS verschickt worden – mutmaßlich von seinen Entführern.
Familie von Hamas-Geisel Shani Louk: „Große Hoffnung und tiefste Verzweiflung“
Trotz allem würden die positiven Reaktionen laut Weintraub Louk überwiegen. Unabhängig von all diesen Erfahrungen in den sozialen Medien sagt sie über sich: „Meine Stimmung schwankt ständig von großer Hoffnung, zu tiefster Verzweiflung und Depression.“
Dazu würden sie „immer weiter schreckliche Nachrichten“ erreichen: „Wir haben ein Video gesehen, dass Shani mit einer schweren Kopfverletzung zeigt und wir wissen, dass sie keine medizinische Hilfe bekommt. Das Rote Kreuz hat meines Wissens keinen Zugang zu irgendeiner entführten Person bekommen.“
Schon zuvor war Weintraub Louk überzeugt, dass ihre als Tattoo-Künstlerin arbeitende Cousine in den Gazastreifen verschleppt worden ist. Auf einem kurz nach dem Überfall kursierenden Video habe sie sie zweifellos erkannt, „mit ihren langen Dreadlocks und den Tattoos. In dem Moment habe ich eine Panikattacke bekommen.“ Sie habe es nicht über sich gebracht, den Clip ganz anzuschauen.
Bilder zeigen, wie der Krieg in Israel das Land verändert




Cousine von Hamas-Geisel Shani Louk: Deutschland muss für Verhandlungen eintreten
Hoffnung setzt sie vor allem in Deutschland, wo eben ein Teil der Familie lebt. „Ich habe jedem einzelnen deutschen Minister geschrieben, um Hilfe zu holen“, betont Weintraub Louk: „Deutschlands Stärke ist es, zu verhandeln.“ Dies müsse „noch heute“ geschehen: „Deutschland muss auch Druck auf die USA ausüben, damit sie ihre Verbindungen nutzen.“
Und auch an die Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in Jerusalem wendet sie sich. Auch, weil die auf Gewalt mit Gewalt antwortet. „Jetzt bombardiert Israel Gaza. Das könnte auch die Entführten treffen“, warnt die Künstlerin: „Wir Familien wollen eine Antwort auf die eine Frage: Habt ihr die Geiseln aufgegeben? Versucht ihr noch, sie zu retten? Oder müssen wir uns darüber gar keine Illusionen mehr machen? Wenn ihr die Geiseln aufgegeben habt, steht dazu und sagt es uns wenigstens.“
Dann hätte die Familie Gewissheit. Nach zwei Wochen voller Bangen und Hoffen. Schreckliche Gewissheit. (mg)
Rubriklistenbild: © Screenshots Instagram/@bring.shani.back und @tomweintraublouk


