„Hundsmiserabel“

Experte bangt um Gletscher-Lage in Österreich – „Hier geht nichts mehr“

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Massiver Schwund am größten Gletscher in Österreich: 203,5 Meter Verlust bei der Pasterze am Fuß des Großglockners.
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Sind die Gletscher in Österreich bald Geschichte? Ihr Verschwinden ist laut Experten der Universität Graz und des Österreichischen Alpenvereins unaufhaltbar.

Salzburg – Das „Ewige Eis“ in den Alpen schmilzt. „Hundsmiserabel“ geht es den Gletschern in Österreich, laut Gerhard Karl Lieb, Leiter des Gletschermessdiensts des Österreichischen Alpenvereins (ÖAV). Die Prognosen sind düster. Dramatisch beschleunigte sich der Verlust der Eismassen. Das zeigt der aktuelle Gletscherbericht des Alpenvereins.

Experte bangt um Gletscher-Lage in Österreich: „Hier geht nichts mehr“

„Österreich wird in 40 bis 45 Jahren so gut wie eisfrei sein“, sagte Andreas Kellerer-Pirklbauer vom Institut für Geografie und Raumforschung an der Universität Graz bei der Vorstellung des aktuellen Gletscherberichts. In schattigen Gebieten an Nordost-Seiten oder vielleicht im Ötztal könnte es dann noch Eisreste geben. Kein abwegiges Szenario. Im heißen Sommer 2022 ist in Deutschland schon ein Gletscher verschwunden.

„Die Zeit ist vorbei. Hier geht nichts mehr“

Gletscher-Experte Gerhard Karl Lieb, Leiter des Gletschermessdiensts des Österreichischen Alpenvereins (ÖAV)

Das Verschwinden der Gletscher in Österreich lässt sich nach Einschätzung der Expertinnen und Experten nicht mehr aufhalten. Eine Trendwende sei angesichts des Klimawandels unmöglich. Klimaschutzmaßnahmen kämen hier zu spät. „Die Zeit ist vorbei. Hier geht nichts mehr“, sagte ÖAV-Experte Lieb bei der Vorstellung des aktuellen Gletscherberichts in Salzburg.

Die Gletscher schmelzen – So verändert der Klimawandel die Erde

Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben.
Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben. © dpa/NASA/AP
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer.
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer. © Felipe Dana/dpa
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen.
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen. © Urs Flueeler/dpa
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen.
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen. © Oscar Vilca/INAIGEM/afp
Auch der Rhonegletscher, der älteste Gletscher der Alpen, wird durch spezielle Decken vor dem Schmelzen geschützt. So soll verhindert werden, dass die Gletscher in den Alpen verschwinden.
Auch der Rhonegletscher, der älteste Gletscher der Alpen, wird durch spezielle Decken vor dem Schmelzen geschützt. So soll verhindert werden, dass die Gletscher in den Alpen verschwinden. © Urs Flueeler/dpa
Ein Eisberg schwimmt im Juni 2019 durch die Bonavista Bay in Neufundland. Wasser von Eisbergen gilt als „rein“ und wird für bestimmte Produkte vermarktet – unter anderem für Wodka, Likör, Bier und Kosmetik. Gleichzeitig schmilzt das Eis dieser Erde immer schneller – eine schlechte Kombination.
Ein Eisberg schwimmt im Juni 2019 durch die Bonavista Bay in Neufundland. Wasser von Eisbergen gilt als „rein“ und wird für bestimmte Produkte vermarktet – unter anderem für Wodka, Likör, Bier und Kosmetik. Gleichzeitig schmilzt das Eis dieser Erde immer schneller – eine schlechte Kombination. © Johannes Eisele/afp
Ein Eisberg an der südöstlichen Küste Grönlands kalbt: Eine große Eismasse bricht vom Apusiajik-Gletscher ab und stürzt ins Wasser.
Ein Eisberg an der südöstlichen Küste Grönlands kalbt: Eine große Eismasse bricht vom Apusiajik-Gletscher ab und stürzt ins Wasser. © Jonathan Nackstrand/afp
Der Aletsch-Gletscher ist der größte Gletscher in den Alpen. Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel aufzuhalten, könnte er bis zum Ende des Jahrhunderts komplett verschwinden, hat eine Studie im Jahr 2019 gezeigt.
Der Aletsch-Gletscher ist der größte Gletscher in den Alpen. Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel aufzuhalten, könnte er bis zum Ende des Jahrhunderts komplett verschwinden, hat eine Studie im Jahr 2019 gezeigt. © Fabrice Coffrini/afp
Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, doch an der Situation hat sich seitdem nicht viel geändert: Die massiven Gletscher Tibets leiden unter dem Klimawandel und schmelzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Eis in dieser Region zehnmal schneller geschmolzen als in den Jahrhunderten davor, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2019. Seit der letzten kleinen Eiszeit seien zwischen 400 und 600 Kubikkilometer Eis verschwunden – das entspricht dem gesamten Eisvolumen der europäischen Alpen, des Kaukasus und von Skandinavien.
Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, doch an der Situation hat sich seitdem nicht viel geändert: Die massiven Gletscher Tibets leiden unter dem Klimawandel und schmelzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Eis in dieser Region zehnmal schneller geschmolzen als in den Jahrhunderten davor, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2019. Seit der letzten kleinen Eiszeit seien zwischen 400 und 600 Kubikkilometer Eis verschwunden – das entspricht dem gesamten Eisvolumen der europäischen Alpen, des Kaukasus und von Skandinavien. © Peter Parks/afp
Der Gletscher Nr. 12 im Laohugou-Tal im westlichen Teil des Qilian-Gebirges in der nordwestchinesischen Provinz Gansu ist der längste Gletscher im Qilian-Gebirge. Da er aufgrund des Klimawandels schrumpft, sind Ausflüge zu dem Gletscher verboten.
Der Gletscher Nr. 12 im Laohugou-Tal im westlichen Teil des Qilian-Gebirges in der nordwestchinesischen Provinz Gansu ist der längste Gletscher im Qilian-Gebirge. Da er aufgrund des Klimawandels schrumpft, sind Ausflüge zu dem Gletscher verboten. © imago/Xinhua
Im Sommer 2010 ist vom Petermann-Gletscher vor der Nordwestküste Grönlands ein gewaltiger Eisbrocken abgebrochen. Das Bruchstück hat etwa zweieinhalb Mal die Fläche der Insel Sylt, mit dem Wasser, aus dem der Eisbrocken besteht, könnte der gesamte Wasserverbrauch der USA für vier Monate gestillt werden.
Im Sommer 2010 ist vom Petermann-Gletscher vor der Nordwestküste Grönlands ein gewaltiger Eisbrocken abgebrochen. Das Bruchstück hat etwa zweieinhalb Mal die Fläche der Insel Sylt, mit dem Wasser, aus dem der Eisbrocken besteht, könnte der gesamte Wasserverbrauch der USA für vier Monate gestillt werden.  © NASA Earth Observatory/Jesse Allen und Robert Simmon/United States Geological Survey/dpa
Während seiner Zeit als Bundesaußenminister besucht Heiko Maas (l., SPD) Gletscher bei Pond Inlet in der kanadischen Arktis. Die Erderwärmung ist in dieser Region zwei bis drei Mal so stark wie in anderen Weltregionen.
Während seiner Zeit als Bundesaußenminister besucht Heiko Maas (l., SPD) Gletscher bei Pond Inlet in der kanadischen Arktis. Die Erderwärmung ist in dieser Region zwei bis drei Mal so stark wie in anderen Weltregionen. © Kay Nietfeld/dpa

Dramatische Situation am größten Gletscher Österreichs

Am größten Gletscher Österreichs – bei der Pasterze am Fuße des Großglockners – wurde ein Schwund von 203,5 Metern gemessen. Das entspricht einem Verlust von 14 Millionen Kubikmeter Eis. So viel wie noch nie in der 133-jährigen Messgeschichte des Alpenvereins.

Nicht nur das „Wahrzeichen Österreichs“ schmilzt rasant, wie die Ergebnisse aus der Messzeitraum vom August 2022 bis Oktober 2023 des aktuellen ÖAV-Gletscherberichts zeigen. Von den 93 beobachteten Gletschern in Österreich verloren demnach 92 Eis. Davon zwei mehr als 100 Meter.

Fünf Gletscher mit den größten Rückzugswerten in Österreich

Nach dem Negativrekord der Pasterze in Kärnten, verschwand der Rettenbachferner in den Ötztaler Alpen in Tirol um 127 Meter. Die fünf größten Gletscher-Rückgänge laut der Statistik:

Österreich-Gletscher Eisverlust an Länge
Pasterze (Glocknergruppe)minus 203,5 Meter
Rettenbachferner (Ötztaler Alpen)minus 127 Meter
Sexegertenferner (Ötztaler Alpen)minus 93,7 Meter
Schlatenkees (Venedigergruppe)minus 92,8 Meter
Fernauferner (Stubaier Alpen)minus 68 Meter

Es gibt im Gletscher-Bericht eine Ausnahme: der Bärenkopfkees (Glocknergruppe) blieb laut den Messungen stationär. „Das zeigt keine Trendwende, sondern das ist ein Zufall“, betonte Gletscher-Experte Lieb. Höchstwahrscheinlich sei hier Lawinenschnee im Sommer etwas länger auf der Gletscherstirn gelegen. Der „dramatische Auftauprozess“ an Österreichs-Gletschern ist für Experten an ganz anderer Stelle eine „unberechenbare Gefahr“. (ml/dpa)

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