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Was ist die große Stärke von Markus Söder? Selbstinszenierung auf jeder Bühne. Unser Kolumnist Moritz Post klärt auf.
Frankfurt - „Ein Leben ohne Bratwürste ist theoretisch möglich, aber doch nicht sinnvoll!“ Das sagt Markus Söder nicht im Sommerinterview im „Bericht aus Berlin“ in der ARD. Doch scheint er im Landtagswahlkampf für seine CSU diese wahrlich tiefgründigen Erkenntnis zum Credo erhoben zu haben. Das sagt viel über die Menschen im größten Bundesland der Republik aus. Doch der CSU-Vorsitzende weiß, dass er mit diesem Bratwurst-Populismus bei den Menschen in der Republik ankommt. Im Gegensatz zu seinem CDU-Pendant Friedrich Merz, der vor zwei Wochen im Sommerinterview zum gemeinsamen Stechschritt mit der AfD angesetzt hat.
Das ist die große Stärke von Markus Söder: Selbstinszenierung auf jeder Bühne. Wenngleich er noch im bayerischen Festzelt souveräner wirkt, als auf der ARD-Terrasse mit dem Bundestag im Hintergrund. Vielleicht mag es daran liegen, dass er (wie jüngst bekannt wurde) im Jahr 180.000 Euro für Fotografen ausgibt? Beinahe ketzerisch die Frage von Moderator Matthias Deiß, ob Söder es hier nicht übertreibe. Wenngleich Deiß seiner journalistischen Pflicht nachgeht – in den Augen von uns Politainment-Freunden hat Söder hier keinen Cent Steuergeld zu viel geopfert. Und wer kann etwas dagegen sagen, wenn Söder bezüglich seines eigenen Fotos feststellt: „Ich find, das sieht ganz gut aus.“ Genau, niemand!
Söder nutzt die ARD-Bühne im Sommerinterview aus
Eiskalt nutzt Markus Söder die große Bühne in der ARD aus, die ihm Friedrich Merz zwei Wochen zuvor unfreiwillig bereitet hat: Wo Merz die Zusammenarbeit mit der rechtsextremen Alternative für Deutschland in den Bereich des Möglichen gerückt hat, positioniert sich der bayerische Landesvater von Beginn des Interviews an klar gegen die AfD: „Eine Kooperation mit der AfD kommt – egal wo – nicht in Frage.“
Stattdessen gibt Söder den versöhnlichen Landesvater, der die Unzufriedenheit mit der Politik anerkennt, zugleich aber die Gefahr sieht, dass das ganze demokratische System gefährdet sein könnte. Deshalb müsse man nicht nur die Ampel kritisieren, sondern den Bürger:innen tatsächliche Lösungen anbieten und diese auch kommunizieren. Und Kommunizieren, das kann Markus Söder: So würde die Bundesregierung die Investitionen in Zukunftstechnologien und die Digitalisierung streichen und das mache man in Bayern nicht mit. Ganz im Gegenteil!
Versagen beim Ausbau der erneuerbaren Energien? Das ist eben menschlich bei Söder
Markus Söder lässt die Bundesrepublik am Sonntagabend wissen: „Wir in Bayern werden den ersten Kernfusionsreaktor in Deutschland auf den Weg bringen.“ Ein Satz wie ein Share-Pic auf Instagram. Denn dass es völlig unklar ist, ob mit Kernfusionstechnologie jemals wirklich Energie produziert werden kann, lässt er ganz nebenbei unerwähnt. Aber es reicht aus, um sofort wieder Bilder in den Köpfen der Menschen entstehen zu lassen. Wie zum Beispiel auch schon zur letzten Landtagswahl 2018, als Markus Söder sein Weltraumprogramm „Bavaria One“ präsentierte.
Es ist in der Tat erstaunlich, wie gut Markus Söder offensichtlich beraten wird beziehungsweise sich auch beraten lässt. Keine unüberlegten Statements zu rechten Parteien, die der bayerische Ministerpräsident am nächsten Tag wieder einfangen muss. Stattdessen trägt er die inszenierte Volksnähe, die mitunter darin besteht, dass er seit Jahren sein Mittagessen fotografiert und auf Instagram hochlädt, in die deutsche Politik-Talklandschaft hinein. Und dann scheint es auf einmal auch nicht so sehr ins Gewicht zu fallen, wenn Söder sein eigenes Versagen beim Ausbau der erneuerbaren Energien zugeben muss. Das ist eben menschlich! Da lässt’s sich doch besser gleich über Bratwürste sprechen – denn zur Kanzlerfrage stellt er mal eben klar: „Mein Platz ist in Bayern.“ Das kennen wir doch bereits. (Moritz Post)
