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In Japan erreichte die Anzahl der Erkrankungen am toxischen Schocksyndrom einen neuen Rekordwert. Gesundheitsexperten sind deswegen besorgt.
Tokio – Bereits im März 2024 zeigten sich Gesundheitsexpertinnen und -experten alarmiert: Japan zählte 474 Fälle des toxischen Schocksyndroms (TSS) und damit in kurzer Zeit mehr als die Hälfte der Fälle des gesamten Vorjahres. Die von Streptokokken-Bakterien verursachte Infektion verläuft oft tödlich: Einer von drei erkrankten Menschen stirbt. Die Regierung in Tokio bemühte sich, Befürchtungen über die deutliche Zunahme der Fälle zu zerstreuen. Doch mittlerweile liegt die Zahl der Erkrankungen auf einem Rekordwert.
Toxisches Schocksyndrom in Japan auf dem Vormarsch: Gründe noch weitgehend unklar
Japan sei nicht das einzige Land, das vom toxischen Schocksyndrom betroffen sei, versuchte Regierungssprecher Yoshimasa Hayashi im März zu beruhigen. Seit dem Ende der Corona-Pandemie habe die Zahl der Erkrankungen „in diversen Ländern zugenommen“, hieß es aus Japan. Anfang Juni teilte das japanische Gesundheitsministerium mit, dass die Zahl der Erkrankungen Ende Mai bei 977 lag und damit höher als im gesamten Vorjahr – in dem Japan mit 941 den bis dahin höchsten Wert erreicht hatte.
977 Fälle bei 125 Millionen Einwohnern klingt nicht nach viel. Gesundheitsexperten sehen die Zahlen dennoch mit Sorge, da die Krankheit bei Erwachsenen in rund 30 Prozent der Fälle tödlich verläuft. Die Gründe der steigenden Infektionen in Japan seien noch weitgehend unklar, als mögliche Ursache gelte das Lockern der Corona-Maßnahmen, hieß es vom japanischen Gesundheitsminister Takemi Keizo. Ken Kikuchi, Professor für Infektionskrankheiten an der Women's Medical University in Tokio, zeigte sich angesichts der steigenden Fälle „sehr besorgt“.
Der Professor sieht Corona noch in anderer Weise verantwortlich. „Meiner Meinung nach sind über 50 Prozent der Japaner mit Sars-CoV-2 [dem Virus, das Covid-19 verursacht] infiziert“, sagte Kikuchi der britischen Zeitung Guardian. Das Immunsystem der Menschen könnte sich nach einer Corona-Infektion so verändern, dass es anfälliger für Mikroorganismen werde, so die Vermutung. „Wir müssen den Infektionszyklus schwerer invasiver Streptokokken-Erkrankungen aufklären und sie sofort unter Kontrolle bringen“, mahnte der Professor.
Diese Symptome können beim toxischen Schocksyndrom auftreten
Streptokokken des Typs A sind für Erkrankungen wie etwa Mandelentzündungen oder Scharlach verantwortlich. In manchen Fällen können diese Bakterien aber auch in die Blutbahn gelangen – etwa durch kleine Wunden. Und so das toxische Schocksyndrom auslösen. Dann kann eine Nekrose entstehen. Das heißt: Die Bakterien töten Gewebe ab und können etwa Organversagen und einen Kreislaufschock auslösen, was zum Tod führen kann. Von japanischen Medien wird die Erkrankung daher auch „Fleischfresser-Krankheit“ genannt. Das toxische Schocksyndrom kann laut dem Fachblatt MSD Manual auch durch Staphylokokken-Bakterien ausgelöst werden.
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Beim toxischen Schocksyndrom wird mitunter auch von der „Tamponkrankheit“ gesprochen, da ein Großteil der Fälle in Zusammenhang mit der Benutzung von Tampons während der Menstruation auftritt. Laut MSD Manual kann das TSS innerhalb von 48 Stunden zu plötzlichem Bewusstseinsverlust, Gewebsnekrose, Schock, Blutgerinnseln, Multisystemorganversagen und Tod führen. Zuvor haben Betroffene oftmals Symptome, die der Grippe ähneln.
Zu den Symptomen des toxischen Schocksyndroms können zählen:
- Hohes Fieber
- Schüttelfrost
- Blutdruckabfall
- Sonnenbrandähnliche Hautausschläge
- Durchfall
- Übelkeit
- Schwindel
- Kopfschmerzen
- Muskelschmerzen
- Erbrechen
- Lethargie
- Atemnot
Der japanische Gesundheitsminister empfiehlt, dieselben Hygienevorkehrungen gegen Streptokokken zu treffen wie gegen das Coronavirus. „Wir möchten, dass die Menschen vorbeugende Maßnahmen ergreifen, etwa ihre Finger und Hände sauber halten und die richtige Hustenetikette beachten“, so Keizo zur Japan Times. Übertragen werden Streptokokken über Tröpfchen oder beim direkten Kontakt mit einer infizierten Person oder einer kontaminierten Oberfläche. Derweil bereitete kürzlich der Ausbruch eines Vogelgrippe-Erregers der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Sorgen.