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Nach dem Pisa-Desaster kommt das nächste Problem an deutschen Schulen: Die digitale Bildung hinkt hinterher, wie die Ergebnisse der ICILS-Studie zeigen.
Münster – Die jüngste ICILS-Studie (International Computer and Information Literacy Study) 2023 deckt erneut besorgniserregende Mängel im deutschen Schulsystem auf. Bereits die Pisa-Studie hatte auf sinkende Kompetenzen hingewiesen, vor allem im Bereich Mathematik und Lesen. Nun zeigt ICILS, dass es auch um die digitalen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler an Gymnasien schlecht bestellt ist: 40 Prozent der Jugendlichen verfügen nur über rudimentäre oder basale digitale Fähigkeiten und sind damit im internationalen Vergleich deutlich abgehängt (50,2 Prozent).
Medienkompetenz bei Jugendlichen in Deutschland sinkt: Deutlicher Rückgang trotz Digitalpakt und Corona-Schub
Die Ergebnisse der ICILS-Studie 2023 legen nahe, dass Deutschland im Bereich digitaler Bildung Rückschritte macht. Bildungsforscherin Prof. Dr. Birgit Eickelmann von der Universität Paderborn, die die Studie in Deutschland leitet, betont, dass die Achtklässler und Achtklässlerinnen im Schnitt nur 502 Punkte erzielen. Zum Vergleich: Im Jahr 2018 erzielten die Schüler und Schülerinnen noch 518 Punkte. Der Trend ist umso erstaunlicher, da Deutschland in den letzten Jahren verstärkt auf Digitalisierung setzte, nicht zuletzt durch den Digitalpakt und den pandemiebedingten Digitalisierungsdruck. Doch diese Maßnahmen haben anscheinend nicht den gewünschten Effekt auf die Kompetenzen der Schüler und Schülerinnen gehabt. „Diese Entwicklung führt offensichtlich nicht automatisch zu besseren Kompetenzen“, erklärte Eickelmann dem Deutschen Schulportal.
Dabei liegen die deutschen Achtklässlerinnen und Achtklässler aber immerhin noch deutlich über dem internationalen Mittelwert von 476 Punkten und dem Mittelwert der 22 teilnehmenden EU-Staaten von 493 Punkten. Der Trend zeigt allerdings nach unten.
Ein Grund für den Rückgang könnte im strukturellen Lehrkräftemangel liegen, der vor allem die nicht-gymnasialen Schulformen betrifft. Während die Gymnasien laut ICILS 2023 stabile Ergebnisse zeigen, fällt der Kompetenzrückgang besonders an Real- und Hauptschulen auf. Diese Schulen seien mit digitalen Herausforderungen oft überfordert, da für sie oft die Schließung von pandemiebedingten Lücken im Vordergrund stand. Dazu gehört auch die unzureichende Ausstattung: An vielen Schulen fehlt nach wie vor die notwendige Infrastruktur. In etwa einem Drittel der Schulen gibt es kein zuverlässiges WLAN, adaptive Lernsysteme sind kaum verbreitet, und die Lehrkräfte sehen noch immer erheblichen Fortbildungsbedarf für den digitalen Unterricht.
Unterschied zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund: Deutschland zeigt größte Abstände in Europa
Die Studie zeigt zudem, dass Schülerinnen und Schüler aus benachteiligten Haushalten oder mit Migrationshintergrund deutlich schlechtere Ergebnisse erzielen. Deutschland weist hier mit einem Unterschied von 81 Punkten zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund die größten Abstände in Europa auf. Viele dieser Jugendlichen verfügen nur über die beiden unteren Kompetenzstufen und können digitale Medien kaum gewinnbringend nutzen.
Kritisch ausgedrückt: Diese Schülerinnen und Schüler sind kaum in der Lage, Inhalte prüfend zu bewerten oder Informationen sinnvoll zu verarbeiten. Das sei ein Problem, das nicht nur für die spätere Arbeitswelt, sondern auch für die politische Grundordnung große Risiken berge, so Eickelmann weiter: „Damit ist die Stabilität unserer demokratischen Gesellschaft gefährdet.“ Eine solche Gruppe sei anfälliger für Falschinformationen und extremistische Inhalte, da ihr das kritische Verständnis für den digitalen Raum fehle.
Ein weiteres Problem ist die fehlende Kontinuität in der digitalen Bildung in Deutschland. Zwar wurden viele Programme und Empfehlungen entwickelt, etwa das KMK-Ergänzungspapier von 2021 zum digitalen Lernen und die Handlungsempfehlungen zu KI, doch es mangelt an verlässlicher Umsetzung und langfristigen Rahmenbedingungen. Häufig wird erst gehandelt, wenn neue Defizite sichtbar werden, was laut Eickelmann „nicht nachhaltig genug“ ist. Deutschland müsse nun gezielt in die Basiskompetenzen investieren, um eine nachhaltig erfolgreiche Digitalstrategie zu etablieren, wie es in anderen Ländern bereits üblich sei.
Deutschland im internationalen Vergleich: Lösungsansätze für Digitalförderung an Schulen
Im Vergleich zu anderen EU-Ländern steht Deutschland zwar besser da als der Durchschnitt, aber auch hier besteht massiver Nachholbedarf. So erreichen in einigen EU-Staaten über 50 Prozent der Schülerinnen und Schüler nur die untersten Kompetenzstufen. Länder wie Korea und Taiwan – aber auch Tschechien und Dänemark aus Europa – gehören dagegen zur internationalen Spitze. Diese Länder investieren erheblich in digitale Bildung und schaffen es, Schüler und Schülerinnen über gezielte Programme zu motivieren und zu unterstützen.
Vor allem Tschechien sei laut Eickelmann ein positives Beispiel dafür, wie systematische Investitionen in Bildung langfristige Erfolge sichern können. Dänemark hingegen, das bereits einen hoch entwickelten Digitalpakt hat, zeigt, dass die reine Häufigkeit der Nutzung digitaler Medien nicht entscheidend ist. Vielmehr ist es die Frage, wie qualitativ hochwertig und lernförderlich digitale Mittel eingesetzt werden. (ls)
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