Teils erstaunliche Erkenntnisse

Alarm an Finnlands Schulen: PISA-Studie zeigt große Probleme bei Kindern mit Migrationshintergrund

  • schließen

Die PISA-Studie offenbart Probleme auch in Finnland. Stark betroffen sind Schüler der ersten Zuwanderergeneration. Doch Migration ist nicht der einzige Faktor.

Die PISA-Studie liefert nicht nur in Deutschland immer wieder Stoff für Beunruhigung. Auch der einstige Musterknabe Finnland hat Probleme mit seinem Bildungssystem – wenn auch auf vergleichsweise hohem Niveau. Schon die Ende 2023 veröffentlichte jüngste Erhebung aus dem Jahr 2022 zeigte „drastische“ Rückgänge bei den Fähigkeiten der 15-Jährigen, wie unter anderem der Rundfunksender YLE berichtete.

Nun haben tiefergehende Analysen ein weiteres konkretes Problem aufgezeigt, wie das finnische Bildungsministerium am Montag (30. September) mitteilte. 61 Prozent der Jugendlichen in der ersten (also aktuellsten) Zuwanderergeneration fehlt es gemäß OECD-Definition so weit an Lesefähigkeit, dass sie nicht in vollem Umfang an der Gesellschaft teilhaben können, etwa an höherer Bildung und dem Arbeitsleben – mehr als noch 2012. Damals waren zuletzt in Finnland die PISA-Leistungen von Schülern mit und ohne Migrationshintergrund verglichen worden. Als „erste Zuwandergeneration“ bezeichnet man Menschen, die im Ausland geboren wurden. Die „zweite Generation“ ist bereits im Land zur Welt gekommen.

Finnlands Bildungsminister Anders Adlercreutz hat eine dringende Hausaufgabe: bessere Sprachkenntnis für Schüler mit Migrationshintergrund.

Eine weitere bittere Erkenntnis: Der Abstand zwischen „Mehrheitsbevölkerung“ und Schülern mit Zuwanderungsgeschichte ist in Mathematik und Naturwissenschaften zwar gesunken – nach Angaben des Ministeriums aber wegen eines noch „steileren Rückgangs in den Ergebnissen von nicht-immigrierten Schülern“. Dabei leiden die Leistungen der nicht-zugewanderten Schüler aber offenbar nicht unter größerer Präsenz von Klassenkameraden mit Migrationshintergrund. Die Daten hätten hier keine großen Abweichungen gezeigt, hieß es.

Finnland: Schüler mit Migrationshintergrund haben Lese-Probleme

Die Zahlen aus Finnland – wo seit 2023 die radikal rechten „Wahren Finnen“ mitregieren – lesen sich in jedem Falle ernüchternd. In Mathematik lieferten 58 Prozent der Jugendlichen aus erster und 43 Prozent aus zweiter Zugewanderten-Generation nach PISA-Definition schwache Ergebnisse, in der Vergleichsgruppe waren es 22 Prozent. 2012 waren die Zahlen ähnlich ausgefallen. Beim Leseverständnis stiegen sie aber. Hier hatten nun 61 beziehungsweise 39 Prozent der Teilnehmenden größere Probleme. Laut Ministerium war das flüssige Lesen ein entscheidender Faktor.

Die Pisa-Studie

Alle drei Jahre testet „PISA“ (kurz für „Programme for International Student Assessment“) die Kompetenzen von circa 15 Jahre alten Jugendlichen im Leseverständnis, in den Naturwissenschaften und in Mathematik. Die aktuellen Daten stammen aus einer Erhebung im Jahr 2022; 690.000 Schülerinnen und Schüler aus 81 Ländern und Regionen nahmen teil.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sanken die Leistungen „in den meisten Teilnehmerstaaten“. In den OECD-Staaten (neben vielen europäischen Ländern etwa auch Kanada, USA, Mexiko, Japan, Australien oder Chile) sei ein deutlicher Rückgang des Leistungsdurchschnitts in Mathematik und beim Lesen messbar geworden. Eine Rolle könnten die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Schulen gespielt haben. Deutschland liegt teils weit hinter Staaten wie Singapur, Japan, Estland oder Südkorea – und nach wie vor auch hinter Finnland.

Wichtig allerdings: Der Auswertung der Universität Jyväskylä zufolge ist vermutlich nicht der Migrationshintergrund der entscheidende Faktor. Die Daten zeigten auch, dass 52 Prozent der Schüler aus erster Zuwanderergeneration und 43 Prozent aus zweiter im „unteren Viertel der sozioökonomischen Verteilung“ verortet sind. Mit anderen Worten: Sie gehören zu großen Teilen dem finanziell ärmsten Teil der Gesellschaft an. Hinzu kämen als wichtiger Faktor die Sprachprobleme. Finnisch ist mit seinen 15 Fällen und mangelnder Verwandtschaft zu anderen, weiter verbreiteten Sprachen eher schwierig zu erlernen.

Schulen mit mehr Schülern mit Migrationshintergrund: ein Faktor beim Lernen – aber nicht für alle

Die Erhebung offenbarte zugleich Probleme an den Schulen. Schüler mit Migrationshintergrund schnitten schlechter in Schulen ab, in denen der Anteil von Zugewanderten höher ist. Dort war auch im Schnitt ihr sozioökonomischer Status geringer. Bemerkenswerterweise griff der Umkehrschluss nicht: Die Leistungen von nicht-zugewanderten Schülern fielen an den betroffenen Schulen nicht schlechter aus.

Und es gibt Probleme im Zusammenleben: Ganze zehn Prozent der Schüler aus der ersten Zuwanderer-Generation gaben an, mehrmals im Monat die Schule geschwänzt zu haben, weil sie sich nicht sicher fühlten. Sie würden öfter gemobbt als andere Schüler, folgerten die Autoren. Finnlands Bildungsminister Anders Adlercreutz versprach am Montag eine höhere Mindestzahl an Schulstunden in Lesen, Schreiben und Mathematik – und gezielte Förderung von Schülern aus „benachteiligten Hintergründen“.

Auch das Nachbarland Schweden hatte im Dezember einen „historischen Fähigkeitseinbruch“ in der PISA-Studie gemeldet, insbesondere in Mathematik und Leseverständnis. Das Bildungsministerium wies auf wachsende Unterschiede zwischen „verschiedenen sozioökonomischen Hintergründen“ hin. Deutschland steht nicht besser da: PISA 2022 lieferte das bisher schlechteste gemessene Resultat. (fn)

Rubriklistenbild: © Montage: Wiktor Nummelin/TT/Edgars Sermulis/Imago

Kommentare