VonChristoph Gschoßmannschließen
Nach der Ukraine eskaliert auch in Israel die Gewalt. In die Region geflüchtete Ukrainerinnen und Ukrainer stehen nun vor der Wahl, ob sie erneut ausreisen.
Tel Aviv – Krieg in der Ukraine, Krieg in Israel: Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, der seit Februar 2022 anhält, eskalierte jetzt im Nahen Osten die Gewalt. Einige Menschen, denen letzter Zeit besonders hart vom Schicksal mitgespielt wurde, erleben beide Auseinandersetzungen hautnah mit: Ukrainerinnen und Ukrainer, die nach Israel geflüchtet waren, und sich dort nun erneut in einem Krisengebiet aufhalten. Am Samstag (7. Oktober) starteten Hamas-Kämpfer vom Gazastreifen aus Überraschungsangriffe auf Israel. Das Land hat mit Luftangriffen geantwortet, mehrere Raketen auf Gaza abgefeuert, eine „vollständige Belagerung“ des Gebiets erklärt und den Kriegszustand ausgerufen.
Doch eine neue Flucht vor dem Krieg kommt für einige nicht infrage. Eine Ukrainerin, die nach Israel geflohen war, sagte gegenüber Radio Free Europe, dass sie dieses Mal das Land nicht verlassen werde. Sie sei „es leid, vor dem Krieg davonzulaufen“. Dem Bericht zufolge musste Viktoria Druschenko letztes Jahr ihre Heimatstadt Bucha verlassen, als russische Truppen dort einmarschierten. Das Ereignis, bei dem mehr als 450 Menschen starben, wurde später vom Internationalen Strafgerichtshof als Kriegsverbrechen bezeichnet.
Geflüchtete erleben Krieg in Israel: „Es ist das gleiche Szenario wie in der Ukraine“
Druzhenko äußerte, dass sie ein „Déjà-vu“ erlebt habe. Aufnahmen vom Angriff militanten Gruppe Hamas auf Israel am Wochenende hatten sie an die Gewalt in ihrem Heimatland erinnert. „Es ist das gleiche Szenario, das sich in der Ukraine nahe der belarussischen Grenze und in der Region Kiew abgespielt hat, in Bucha, Irpin, Hostomel, Iwankiw, Borodjanka“, erklärte sie. „Meine Familie und ich werden nicht evakuieren“, stellte sie klar. „Ich möchte hier lieber als ukrainischer Flüchtling in Israel nützlich sein.“ Es ist unklar, wo in Israel sich Druschenko aktuell aufhält.
Druschenko ist nicht allein in ihrer Angst. Andere ukrainische Geflüchtete befinden sich ebenfalls mitten im Krieggeschehen in Israel. Auch die orthodoxe Jüding Ahuva Rosilio, die in den frühen Tagen der russischen Invasion mit ihrer Familie von Odessa nach Jerusalem zog, sagte gegenüber der New York Post, dass der Schock und das Entsetzen vor dem jüngsten Terroranschlag „nur allzu bekannt“ seien. „Es ist Runde zwei – so fühlt es sich an, das haben wir erst letztes Jahr gemacht“, sagte die 28 Jahre alte Rosilio. Und weiter: „Das kommt mir nur allzu bekannt vor, wie sich der Krieg zu Beginn der Ukraine anfühlte.“
Die Mutter von vier Kindern unter zehn Jahren sagte, sie musste in den sicheren Raum des Gebäudes rennen, da Raketen über sie hinwegflogen. Die schreckliche Erfahrung löste eine Flut alter Gefühle aus. „Es sind die gleichen Gedanken, die mir durch den Kopf gehen: ‚Ist das erst der Anfang oder ist das das Schlimmste?‘ Soll ich aussteigen, solange ich noch kann? Wohin gehe ich dieses Mal? Das ist mein Zuhause – ich gehe nicht weg!‘“ „Aber meine Kinder, ich muss sie beschützen – das wird nicht lange dauern, aber das habe ich gedacht, als ich die Ukraine verließ.“
Bilder zeigen, wie der Krieg in Israel das Land verändert




Selenskyj erklärt: 100 Ukrainerinnen und Ukrainer bitten Botschaft um Ausreise aus Israel
Mehr als 100 Ukrainerinnen und Ukrainer hätten ihre Botschaft in Israel kontaktiert und um Ausreise aus dem Land gebeten, sagte Präsident Wolodymyr Selenskyj in einer Abendansprache am Sonntag. Nach Angaben von Israels Ministeriums für Alija und Integration flohen zwischen Februar 2022 und Februar 2023 schätzungsweise 13.000 Ukrainerinnen und Ukrainer mit jüdischem Hintergrund aus Angst vor Russland und den Armeen von Wladimir Putin nach Israel. Ein israelisches Gesetz, das fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verabschiedet wurde, gewährt jüdisch geborenen Menschen, Konvertiten und Familienangehörigen jüdischer Menschen das Recht, in das Land zu ziehen und die israelische Staatsbürgerschaft zu erwerben.
Eine israelische Familie war nur durch eine Wand von wild schießenden Terroristen getrennt. Sie verbrachten zehn Stunden in ihrem eigenen Bunker, bis eine vertraute Stimme sie rettete. (cgsc)
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