„Es ist sehr traurig“

Tragödie in Südamerika: Erstes Land verliert seinen letzten Gletscher

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Der venezolanische Humboldt-Gletscher ist unwiederbringlich verloren, zeigt eine Studie. Damit ist Venezuela das erste Land Südamerikas, das all seine Gletscher verliert.

Caracas – Im Rahmen des Klimawandels erwärmt sich die Erdatmosphäre fortwährend – und das gegenwärtig so schnell wie noch nie. Infolgedessen verändern sich Wettermuster, Klima und Lebensräume weltweit schneller, als dass sich Tier und Mensch daran anpassen könnten. Die Folgen des Klimawandels werden dabei verschiedenartig sichtbar: Während etwa im Mittelmeerraum im Sommer 2023 vielerorts verheerende Waldbrände wüteten, wird andernorts mit Wasserknappheit oder einer veränderten Flora und Fauna gerungen.

Besorgniserregende Prognosen: Globales Gletscherschmelzen infolge des Klimawandels

Aber auch das fortschreitende Schmelzen der Gletscher gehört zu einer der gravierendsten Herausforderungen, die von der Erderwärmung ausgehen. So zeigte eine zu Beginn 2023 im Fachjournal Science veröffentlichte Studie, dass selbst ein großer Teil der Gletscher verschwinden dürfte, wenn der globale Temperaturanstieg auf 1,5 Grad begrenzt wird. Demnach dürften fast 50 Prozent der rund 215.000 berücksichtigen Gletscher bis zum Jahr 2100 schmelzen. 

Wie akut Gletscher vom Klimawandel bedroht sind, wird dabei schon jetzt immer wieder anhand neuer Fallbeispiele deutlich. So derzeit auch in Venezuela. Dort haben Klimaforscherinnen und -forscher nun erklärt, dass der letzte Gletscher der Sierra Nevada, der Humboldt-Gletscher, für immer verloren sein dürfte. Wie der spanischsprachige US-Fernsehsender Noticias Telemundo berichtet, ist Venezuela damit das erste Anden-Land und das erste der modernen südamerikanischen Geschichte, das alle seine Gletscher verliert.

Venezuela ist das erste Anden-Land und das erste der modernen südamerikanischen Geschichte, das alle seine Gletscher verliert. (Archivfoto)

Infolge des Klimawandels: Gletscher verschwinden in Venezuela bereits seit den Siebzigerjahren

Für die Bewohner des Bundesstaates Mérida im Westen Venezuelas sind die vergletscherten Gipfel der Gebirgskette Sierra Nevada seit jeher eine Quelle des Stolzes und der Verbundenheit zu ihrer Heimat: Die Berge sind fester Bestandteil regionaler Identität und bilden den Ursprung zahlreicher lokaler Legenden, die sie mit mythischen weißen Adlern in Verbindung bringen.

Die Internationale Klima- und Kryosphäreninitiative (ICCI) erklärte kürzlich, dass der Humboldt-Gletscher – auch bekannt als „La Corona“ (Spanisch: „Die Krone“) – bereits „zu klein ist, um als Gletscher klassifiziert zu werden“. Im März hatten venezolanische Wissenschaftler gewarnt, dass der Gletscher dramatisch geschrumpft sei.

„Unsere tropischen Gletscher beginnen seit den Siebzigerjahren Jahren zu verschwinden und ihr Fehlen ist spürbar. Es ist sehr traurig, und das einzige, was wir tun können, ist, ihr Vermächtnis zu nutzen, um den Kindern zu zeigen, wie schön unsere Sierra Nevada war“, sagte Alejandra Melfo, Astrophysikerin an der Universidad de los Andes in Mérida, in einem Interview mit Noticias Telemundo.

Der Humboldt-Gletscher gilt als „Ikone“, da er lange erhalten blieb

Notwendige Bedingung für die Entwicklung und den Erhalt von Gletschern ist dem United States Geological Survey (USGS) zufolge, dass Jahresdurchschnittstemperaturen in betreffenden Regionen nah am Gefrierpunkt liegen und winterliche Niederschläge zu erheblichen Schneemengen führen. Darüber hinaus dürfen die Temperaturen in den übrigen Monaten des Jahres nicht dazu führen, dass die Schneeansammlungen des vorangegangenen Winters vollständig verschwinden. Genau dies aber ist im Fall des Humboldt-Gletschers geschehen.

Zuvor befanden sich insgesamt sechs Gletscher in der Sierra Nevada auf venezolanischem Staatsgebiet. Bereits 2011 waren fünf von ihnen unwiederbringlich verschwunden. Einzig der Humboldt-Gletscher in der Nähe des zweithöchsten Berges des Landes, dem Humboldt Peak, widerstand bis hierhin den Folgen des Klimawandels. Obwohl trotz seiner Bedrohung erwartet wurde, dass er noch mindestens ein weiteres Jahrzehnt überstehen würde, konnten die Forschenden das Gebiet, in dem sich der Humboldt-Gletscher befindet, wegen der politischen Unruhen im Land nicht wie erforderlich überwachen.

Dennoch galt der Humboldt-Gletscher gegenüber den Bedrohungen des Klimawandels als erstaunlich resilient: „Der Humboldt-Gletscher ist eine Ikone, denn er liegt auf 4.800 Metern und blieb dennoch ziemlich lange erhalten, und das ist eine klimatische Anomalie“, wird Maximiliano Bezada, der als geologischer Forscher an der Universität von Minnesota tätig ist, von Noticias Telemundo zitiert.

Das Abschmelzen von Gletschern infolge der Erderwärmung ist ein weltweites Phänomen

Doch das Abschmelzen des Humboldt-Gletschers ist kein Einzelfall. Weltweit geht die Fläche von Gletschern zurück, und einige von ihnen verschwinden entgegen wissenschaftlicher Prognosen schneller als gedacht. Sichtbar wird das Phänomen so nicht nur in den Anden, sondern auch im fernöstlichen Himalaya oder in den Gebirgen Neuseelands. Aber auch in den Alpen gehen Gletscher fortwährend zurück.

Im Juni 2020 war eine Studie von Geografen der Universität Erlangen-Nürnberg, die erstmals versuchte, das gesamte alpine Gletschervorkommen zu berücksichtigen, vom Fachmagazin Nature Communications veröffentlicht worden. Ihr zufolge haben die alpinen Gletscher in Frankreich, der Schweiz, Österreich und Italien, zwischen 2000 und 2014 etwa ein Sechstel (ca. 17 Prozent) ihres Eisvolumens verloren. 

Im April 2021 veröffentlichten Forscherinnen und Forscher der ETH Zürich eine weitere Studie im Fachmagazin Nature, bei der erstmals alle Gletscher weltweit – ausgenommen der Eisschilde an Nord- und Südpol – mit derselben Methode analysiert wurden. Das Ergebnis: Überall schmelzen die Eismassen – und das auch noch in zunehmendem Tempo: „In den letzten 20 Jahren haben wir jedes Jahr etwa 200 bis 300 Gigatonnen Eis verloren. Wenn man das auf die Alpen übertragen würde, dann wären das etwa dreimal die ganzen Alpengletscher jedes Jahr,“ sagt Professor Matthias Huss, Glaziologe an der ETH Zürich.

„Die Leugnung des Klimawandels ist für alle sehr gefährlich geworden“

Verschiedenen Studien zufolge ist die durchschnittliche Jahrestemperatur in den Ländern der nördlichen Anden (darunter Venezuela, Kolumbien, Ecuador und Peru) binnen der letzten 70 Jahre um rund 0,8 °C angestiegen, wie das in Norwegen ansässige Gemeinnützige Zentrum für Umweltkommunikation (Grida) berichtete.

Für mehrere Wissenschaftler ist dies einer der Hauptgründe, warum Venezuela inzwischen alle seine Gletscher eingebüßt hat. Auch vermuten die Forschenden, das Klimaphänomen El Niño habe zum Schmelzen des Humboldt-Gletschers beigetragen, weil es zu höheren Temperaturen führt.

„Der Gletscherschwund hat schon vor langer Zeit begonnen, aber die Geschwindigkeit hat sich aufgrund der hohen Temperaturen verändert. Jenseits der Gletscher beobachten wir rasche Veränderungen in der Zusammensetzung der Arten, der Pflanzen und der Tiere, und das wird dokumentiert. Die Leugnung des Klimawandels ist für alle sehr gefährlich geworden“, fügt Melfo gegenüber Noticias Telemundo mahnend hinzu. (fh)

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