„Könnten Luft zum Atmen finden“

Vermisste nach Yacht-Unglück in Italien am Leben? Experte erklärt Szenario

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Ein Unwetter lässt die „Bayesian“ vor Sizilien untergehen. Könnte eine Lufttasche den Vermissten das Überleben gesichert haben? Ein Kenner erklärt die Vermutung.

Palermo – Innerhalb weniger Augenblicke verschwand die Luxusyacht „Bayesian“ im tosenden Wasser vor der italienischen Küste. Seit dem tragischen Bootsunglück in Sizilien fehlt von sechs Menschen jede Spur. Sie wurden vermutlich im Schlaf von einem Unwetter überrascht und in die Tiefen des Meeres gezogen, wahrscheinlich in ihren Kajüten eingeschlossen.

„Bayesian“ versank vor Italien in Rekordtempo: Unterwasser-Experte erklärt Untergangs-Szenario

Ein Video, das den Untergang der prächtigen Yacht dokumentiert, ist mittlerweile aufgetaucht. Bereits zuvor waren Bilder des heftigen Unwetters in der Nacht des Unglücks öffentlich geworden. Es dauerte keine zwei Minuten, bis das Schiff vom Meer verschlungen war.

„Durchaus möglich, dass ein Boot in so schneller Zeit sinkt. Etwa wenn eine große Welle über das Schiff schlägt oder Türen geöffnet sind“, erklärt Philippe Epelbaum bei IPPEN.MEDIA. Der Schweizer betreibt mit seiner Firma „Subspirit“ ein U-Boot und ist mit Gefahren sowie möglichen Folgen etwaiger Wassereintritte vertraut.

Epelbaum betont: „Wenn das Verhältnis von Wasser im Boot zur verdrängten Masse kippt, geht es schnell. Dann gibt es kein Zurück mehr“. Sobald ein Schiff zu stark mit Wasser gefüllt ist, sinkt es unaufhaltsam. Dass die Besatzung vom Unwetter überrascht wurde, glaubt Wetterexperte Jörg Kachelmann übrigens nicht, er spricht hingegen von „Fahrlässigkeit“.

Vermisste nach Yacht-Unglück noch am Leben? Luftblasen-Theorie schürt kleine Hoffnung

Doch wie könnten die Passagiere der „Bayesian“ ein solches Unglück überlebt haben? Tatsächlich besteht immer noch ein kleiner Hoffnungsschimmer für die Vermissten um den Tech-Milliardär Mike Lynch. Beim Untergang der Yacht vor Sizilien könnte sich im Inneren des Segelboots eine Luftblase gebildet haben.

Wenn ein Schiff seitlich kippt, bildet sich normalerweise eine solche Luftblase auf der nach oben gerichteten Seite. Man kann sich das vorstellen, als würde man ein leeres Glas unter Wasser drücken.

Epelbaum erklärt: „Und wenn die Personen Glück hatten, in so einem Raum waren, könnten sie da Luft zum Atmen finden – auch am Grund“.

Das letzte Foto der „Bayesian“ – Bilder des tragischen Yacht-Unglücks vor Italien

Yacht-Drama vor Sizilien. 22 Urlauber waren an Bord des Luxus-Segelboots, das am Montagmorgen (19. August) bei einem schweren Unwetter in Italien sank.
Yacht-Drama vor Sizilien. 22 Urlauber waren an Bord des Luxus-Segelboots, das am Montagmorgen (19. August) bei einem schweren Unwetter in Italien sank. © Vigili del Fuoco
„Das Boot ist einfach verschwunden“, berichten Fischer aus Palermo. Die „Bayesian“ sank gegen 4 Uhr morgens, am Tag darauf suchen Boote, Taucher und Helikopter nach Überlebenden.
„Das Boot ist einfach verschwunden“, berichten Fischer aus Palermo. Die „Bayesian“ sank gegen 4 Uhr morgens, am Tag darauf suchen Boote, Taucher und Helikopter nach Überlebenden. © Lucio Ganci/picture aliiance/dpa/AP
Tische, Schirme, Stühle und Blumentöpfe fliegen beim Unwetter in Palermo durch die Luft. Auf dem Wasser verursachte der Sturm wohl einen Tornado.
Tische, Schirme, Stühle und Blumentöpfe fliegen beim Unwetter in Palermo durch die Luft. Auf dem Wasser verursachte der Sturm wohl einen Tornado. © BAIA Santa Nicolicchia
Etliche Rettungskräfte sind am Einsatz in Italien beteiligt. Ambulanz und Polizei stehen am Ufer von Porticello bereit.
Etliche Rettungskräfte sind am Einsatz in Italien beteiligt. Ambulanz und Polizei stehen am Ufer von Porticello bereit.  © Igor Petyx/Imago
Rettungskräfte bergen die Leiche eines der Opfer des unter britischer Flagge fahrenden Schiffes „Bayesan“. Es handelt sich laut Medienberichten um den Koch des Urlauberschiffs. Sechs weitere Menschen bleiben vermisst.
Rettungskräfte bergen die Leiche eines der Opfer des unter britischer Flagge fahrenden Schiffes „Bayesan“. Es handelt sich laut Medienberichten um den Koch des Urlauberschiffs. Sechs weitere Menschen bleiben vermisst. © Lucio Ganci/picture alliance/dpa/AP
Unter den Vermissten ist laut britischen Medien der Tech-Milliardär Mike Lynch, auch bekannt als „englischer Bill Gates“. Ihm soll die gesunkene Yacht gehört haben.
Unter den Vermissten ist laut britischen Medien der Tech-Milliardär Mike Lynch, auch bekannt als „englischer Bill Gates“. Ihm soll die gesunkene Yacht gehört haben. © BEN GURR/ POOL/AFP
Tauchteams suchen nach der versunkenen Yacht. Laut Feuerwehr liegt sie in rund 50 Metern Tiefe. Es wird befürchtet, dass Passagiere während des Unwetters in den Kabinen waren und von den Wassermassen eingeschlossen wurden, als die „Bayesian“ sank.
Tauchteams suchen nach der versunkenen Yacht. Laut Feuerwehr liegt sie in rund 50 Metern Tiefe. Es wird befürchtet, dass Passagiere während des Unwetters in den Kabinen waren und von den Wassermassen eingeschlossen wurden, als die „Bayesian“ sank. © Vigili del Fuoco
Überlebende schildern dramatische Szenen vom Kentern der Luxus-Yacht. Eine Frau berichtet, ihre Tochter sei ihr in den Fluten erst entglitten, doch dann habe sie sie „fest umarmt“ und schließlich wurden beide gerettet. Insgesamt 15 Personen wurden am Morgen von der Küstenwache und freiwilligen Helfern an Land gebracht.
Überlebende schildern dramatische Szenen vom Kentern der Luxus-Yacht. Eine Frau berichtet, ihre Tochter sei ihr in den Fluten erst entglitten, doch dann habe sie sie „fest umarmt“ und schließlich wurden beide gerettet. Insgesamt 15 Personen wurden am Morgen von der Küstenwache und freiwilligen Helfern an Land gebracht.  © Vigili del Fuoco
Die Staatsanwaltschaft von Termini Imerese leitete noch am Montag Untersuchungen zum Bootsunglück vor Palermo ein. Unter anderem wurden die Überlebenden, darunter der Kapitän, vernommen.
Die Staatsanwaltschaft von Termini Imerese leitete noch am Montag Untersuchungen zum Bootsunglück vor Palermo ein. Unter anderem wurden die Überlebenden, darunter der Kapitän, vernommen.  © Vigili del Fuoco
Derweil geht die Suche nach den Vermissten weiter. Mit jeder Stunde schrumpft allerdings die Hoffnung der Feuerwehr, Menschen lebend zu finden. Es bleibt, auf kleine Wunder zu hoffen.
Derweil geht die Suche nach den Vermissten weiter. Mit jeder Stunde schrumpft allerdings die Hoffnung der Feuerwehr, Menschen lebend zu finden. Es bleibt, auf kleine Wunder zu hoffen. © Vigili del Fuoco
Das ist das letzte Foto der „Bayesian“, bevor sie am Montagmorgen bei einem Unwetter vor Sizilien versank. Am Abend zuvor hatte die Urlaubsgruppe an Bord noch eine Party gefeiert. Ein Barkeeper aus Bagheria fotografierte das hell erleuchtete Schiff am Sonntagabend gegen 22 Uhr.
Das ist das letzte Foto der „Bayesian“, bevor sie am Montagmorgen bei einem Unwetter vor Sizilien versank. Am Abend zuvor hatte die Urlaubsgruppe an Bord noch eine Party gefeiert. Ein Barkeeper aus Bagheria fotografierte das hell erleuchtete Schiff am Sonntagabend gegen 22 Uhr. © Fabio la Bianca
Die Suche nach dem britischen Technologiemagnaten Mike Lynch geht weiter, nachdem die „Bayesian“ vor Sizilien gesunken ist. Italienische Rettungskräfte, die Feuerwehr und die Küstenwache sind im Einsatz. Hubschrauber unterstützen die Suche auf Hochtouren.
Die Suche nach dem britischen Technologiemagnaten Mike Lynch geht weiter, nachdem die „Bayesian“ vor Sizilien gesunken ist. Italienische Rettungskräfte, die Feuerwehr und die Küstenwache sind im Einsatz. Auch Hubschrauber unterstützen die Suche. © Fotogramma/IPA/ABACAPRESS/IMAGO
Die Leichen von fünf der bislang sechs Vermissten nach dem Yacht-Unglück wurden im Wrack entdeckt. Vier Körper konnten am Mittwoch (21. August) geborgen werden. Dabei handelt es sich um zwei Ehepaare.
Die Leichen von fünf der bislang sechs Vermissten nach dem Yacht-Unglück wurden im Wrack entdeckt. Vier Körper konnten am Mittwoch (21. August) geborgen werden. Dabei handelt es sich um zwei Ehepaare. © Jonathan Brady/dpa
Der fünfte Leichensack wird im Hafen von Porticello von Rettungskräften an Land gebracht, die nach den sechs Touristen suchen, die vermisst werden, nachdem die Luxusyacht Bayesian am Montag in einem Sturm gesunken war, während sie etwa eine halbe Meile vor der sizilianischen Küste festgemacht hatte.
479004340.jpg © Jonathan Brady/picture alliance/dpa
Das Aufgebot der Einsatzkräfte vor der Küste von Palermo war enorm. Die Bergungsarbeiten gestalteten sich unter anderem so schwierig, weil den Tauchern am Grund nach dem Abtauchen in 50 Meter Tiefe nur zehn Minuten zum Arbeiten blieben. Ein Tauchroboter unterstützte.
479037496.jpg © Salvatore Cavalli/picture alliance/dpa/AP
Ein Boot mit einem Tauchteam macht sich am vierten Tag der Such- und Bergungsaktion auf den Weg zur Bayesian. Eine weitere Leiche wurde geborgen. Vermutlich handelt es sich um den britischen Milliardär Mike Lynch oder dessen 18-jährige Tochter.
Ein Boot mit einem Tauchteam machte sich am vierten Tag der Such- und Bergungsaktion auf den Weg zur Bayesian. Eine weitere Leiche wurde geborgen. Vermutlich handelt es sich um den britischen Milliardär Mike Lynch oder dessen 18-jährige Tochter. © Jonathan Brady/dpa

Denkbares „Bayesian“-Szenario erinnert an „Wunder von Jascon 4“: Schiffskoch überlebte drei Tage am Meeresgrund

Die Theorie über das Bootsunglück in Italien stammt nicht vom Tiefsee-Experten selbst. Er erinnert an das als „Wunder von Jascon 4“ bekannt gewordene Überleben eines Schiffkochs bei einem Schlepper-Unglück im Jahr 2013. Der Frachter war vor der Küste von Nigeria auf 30 Meter Tiefe gesunken. Schiffkoch Harrison Odjegba Okene überlebte drei Tage lang im Wrack auf dem Meeresgrund, bevor er plötzlich wieder auftauchte.

Im Fall der „Bayesian“ betont Epelbaum jedoch: „Ob es so eine Blase gegeben hat, ist nur eine theoretische Möglichkeit. Wenn das wirklich passiert sein sollte, haben die Passagiere eine kleine Chance.“ Diese Chance dürfte jedoch deutlich kleiner sein als die in der „Jascon 4“. Vor allem, weil das Schiff kleiner ist. Im Schlepper herrschten ganz andere Größenverhältnisse, die mehr Raum für größere Lufteinschlüsse ließen.

Luftblasen-Szenario um Yacht-Unglück vor Sizilien auch beklemmend – Luft nach gewisser Zeit verbraucht

Denn unter Wasser wird zwangsläufig irgendwann die Atemluft knapp. „Mit jedem Atemzug wird der Sauerstoff geringer“, erläutert Epelbaum die Bedingungen in der Yacht nach dem Bootsunglück in Italien. Man kann sich das vorstellen, als würde man sich eine Plastiktüte über den Kopf ziehen. Nach kurzer Zeit ist die Luft verbraucht. In der 50 Meter langen Yacht könnte sie jedoch für 24 bis 36 Stunden ausreichen.

Zwei Tage nach dem Yacht-Unglück laufen die Bergungsarbeiten an der „Bayesian“ unermüdlich weiter. Bis Mittwoch konnte sich die Taucheinheiten jedoch noch keinen Zugang zu den Kajüten des gesunkenen Segelschiffs verschaffen.

Leider sind die Rettungsarbeiten vor Sizilien derzeit schwierig. Möbel und Schrott blockieren den Tauchern den Weg in die „Bayesian“. Am Dienstag haben Rettungskräfte erstmals ein Loch in den Rumpf geschnitten, in der Hoffnung, Zugang zu den Kajüten zu bekommen. Bisher war dies jedoch erfolglos.

Milliardär Lynch nach Bootsunglück in Italien vermisst – Politiker gibt Hoffnung nicht auf

Der britische Politiker John Gummer hat die Hoffnung dennoch nicht aufgegeben. Über Milliardär Mike Lynch sagt Gummer im Guardian: „Er (Mike Lync, d.R.) hat einen großen Beitrag für Großbritannien geleistet. Seine Unternehmen haben die britische IT in den Vordergrund gerückt – und er wollte es wieder tun. Wir beten, dass er es wieder tun kann.“ Neben Lynch gelten seine 18-jährige Tochter, sein Anwalt und dessen Ehefrau sowie der Topbanker Jonathan Bloom und dessen Ehefrau.

Die italienische Küstenwache zeigt sich derweil weniger optimistisch. Auf die Frage, ob die Vermissten noch lebend gefunden würden, sagte ein Sprecher der Nachrichtenagentur PA, „die Antwort lautet wohl nein.“ Dem Manager-Magazin erklärte er hingegen, das Motto der Küstenwache sei: „Sag niemals nie.“ (moe)

Rubriklistenbild: © Vigili del Fuoco/fkn

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