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Immer mehr junge Menschen fühlen sich einsam. Entwicklungspsychologin Susanne Bücker erklärt die Folgen
Frau Bücker, sind Kinder heute einsamer ?
Die Frage lässt sich ganz schwer beantworten. Die meisten Studien aus Deutschland, die sich mit Einsamkeit von Kindern und Jugendlichen beschäftigen, haben um die Corona-Pandemie begonnen. Im Vergleich zu vor der Pandemie sehen wir höhere psychische Belastungen bei Kindern und Jugendlichen, die sich auch in Einsamkeitsgefühlen äußern. Aber wir können keine Vergleiche anstellen von vor zehn, 20 Jahren zu heute. Das ist eine der großen Herausforderungen, vor denen die entwicklungspsychologische Einsamkeitsforschung steht, dass man Einsamkeit lange als ein Thema für das hohe Lebensalter betrachtet hat.
Für welche Altersgruppe stehen überhaupt Daten zur Verfügung?
Üblicherweise liegen Daten so ab etwa neun Jahren vor, für die späte Kindheit. Bei den noch jüngeren Kindern haben wir höchstens Berichte über die Kinder, die die Eltern abgeben. Man kann den Kindern ja noch keinen Fragebogen aushändigen, den sie selber ausfüllen. Wir entwickeln gerade an der Universität Witten/Herdecke ein Interviewverfahren, das schon bei den Vier- bis Siebenjährigen eingesetzt werden kann. Bislang weiß man noch gar nicht so viel darüber, ab wann Kinder dieses Einsamkeitsgefühl entwickeln. Denn das ist eine komplexere Emotion als zum Beispiel Wut, Trauer oder Ängstlichkeit. Es geht darum, die eigenen sozialen Beziehungen wahrzunehmen und zu bewerten. Die Frage ist, können das Vierjährige überhaupt schon oder braucht es etwas ausgereiftere kognitive und psychosoziale Fähigkeiten, die sich erst im Laufe der Vorschul- oder Grundschulzeit entwickeln?
Kinder in dem Alter äußern wahrscheinlich, dass niemand mit ihnen spielen will.
Bei Kindern und Jugendlichen teilt man Einsamkeit in zwei Subfacetten auf. Das eine ist die Einsamkeit, die im Kontext mit den engen Bezugspersonen empfunden wird, also meist die Beziehung zu den Eltern. Schon Kinder können äußern: „Ich fühle mich von meinen Eltern nicht verstanden.“ Das ist etwas anderes als die Einsamkeit, die im Kontext mit Gleichaltrigen empfunden wird. Hier geht es oft darum, dass man einen Spielpartner oder eine Spielpartnerin vermisst oder dass man nicht zu Kindergeburtstagen eingeladen wird, aber alle anderen schon. Kinder berichten, dass sie den Eindruck haben, sie sind irgendwie unsichtbar für die anderen, niemand würde wahrnehmen, wenn sie heute nicht in den Kindergarten oder in die Schule kommen.
Wie fühlt sich Einsamkeit für Kinder an?
Ich würde sagen, das sind zwei unterschiedliche Aspekte. Auf der einen Seite: Wie fühlt sich das an? Die Neun- bis Elfjährigen sagen oft, dass sie sich wie ein Alien fühlen. Sie haben den Eindruck einzigartig zu sein, ganz anders als die anderen. Niemand kann die eigene Gedankenwelt richtig nachvollziehen. Wie äußert sich das? Auf der Verhaltensebene sehen wir häufig, dass sich die Kinder zurückziehen. Das wirkt paradox, denn eigentlich sollte man meinen, wenn sich jemand einsam fühlt, sollte das ihn oder sie motivieren, Kontakt aufzunehmen. Es ist aber so, dass das Einsamkeitsgefühl oft mit der Sorge einhergeht, erneut zurückgewiesen zu werden. Und diesen unangenehmen Erfahrungen möchten Kinder aus dem Weg gehen und darum vermeiden sie soziale Interaktion und ziehen sich stärker zurück. Das ist ein Stück weit Selbstschutz. Sie sagen, ich will mich gar nicht mit anderen verabreden und bauen eine emotionale Mauer um sich herum auf, damit es sie nicht so hart trifft, wenn sie dann tatsächlich nie gefragt werden. Es kann sich psychosomatisch äußern, als Bauchschmerzen, Rückenschmerzen oder Äußerungen, nicht in die Schule oder den Kindergarten gehen zu wollen. Oder durch eine stärkere Trennungsangst, weil die Kinder sich an die klammern, die ihnen ein sicheres Gefühl geben. Einsamkeit ist oft ein sehr stilles Gefühl, dass sich durch nach innen gerichtete negative Emotionen äußert.
Wie kann man das unterscheiden? Möglicherweise verbringt das Kind gerne Zeit alleine.
Es hängt auf jeden Fall auch mit der Persönlichkeit zusammen. Dazu haben wir eine eigene Studie durchgeführt, in der wir zeigen konnten, dass schüchterne, eher introvertierte Kinder zu mehr Einsamkeit tendieren. Sie mögen nicht so gerne im Mittelpunkt stehen, aber gleichzeitig fällt es Ihnen auch sehr schwer, auf andere Kinder zuzugehen. Das bedeutet, dass sie von den anderen gar nicht wahrgenommen werden, weil sie immer so leise und sehr zurückhaltend sind. Natürlich unterscheiden Kinder sich darin, wie viele soziale Stimulationen sie möchten und brauchen. Eltern können häufig gut einschätzen, ob die Kinder unter der Isolation oder dem Alleinsein leiden oder ob es etwas ist, was ihnen Kraft gibt. Dinge alleine machen und genießen zu können, kann ein wichtiges Entwicklungsziel sein. Aber immer vor dem Hintergrund, dass soziale Beziehungen auch wichtig sind und man lernen muss, sich durch soziale Kontexte zu navigieren. Wenn man darin nie Übung bekommt, weil man es immer vermeidet, wird es zunehmend schwieriger.
Haben Einzelkinder ein höheres Risiko als die mit Geschwistern?
Typischerweise findet man wenige Unterschiede, zumindest im Kindesalter. Eine ungeklärte Frage ist, was passiert, wenn diese Kinder als Erwachsene kritische Lebensereignisse erleben, etwa den Tod der eigenen Eltern. Dann können Geschwister die Situation nachempfinden. Wenn man als Einzelkind alleine mit solchen Herausforderungen umgehen muss, ist das möglicherweise schwieriger. Aber während des Kindesalters scheint es keine so großen Unterschiede zu geben, was darauf zurückgeführt wird, dass wir uns Durchschnittswerte anschauen. Es gehen ja nicht alle Geschwister empathisch und nett miteinander um. Das heißt, unterschiedliche Effekte gleichen sich aus, zum Beispiel, dass die Einzelkinder mehr Aufmerksamkeit von ihren Eltern bekommen oder eine besondere Förderung, sich mit Freunden oder Freundinnen zu treffen. Kinder brauchen andere Kinder, mit denen sie etwas zusammen machen und positive Erfahrungen sammeln können – aber das müssen nicht zwangsläufig Geschwister sein.
Die Reihe
Einsamkeit ist für immer mehr Menschen in allen Altersgruppen und Schichten ein Thema, Tendenz steigend. Die Pandemie hat diese Entwicklung verstärkt.
Wie eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) ergeben hat, fühlt sich gut jede dritte Person zwischen 18 und 53 Jahren zumindest teilweise einsam.
Das ist auch für die Gesellschaft ein riesiges Problem: Wer sich häufig einsam, unverbunden und unverstanden fühlt, neigt mit höherer Wahrscheinlichkeit zu Verschwörungserzählungen und billigt politische Gewalt und autoritäre Haltungen.
Was hilft gegen Einsamkeit, wer ist besonders betroffen und was kann die Politik tun? Die FR geht in einer losen Reihe diesen und weiteren Fragen nach.
Alle Folgen finden Sie hier: FR.de/einsamkeit
Welche Rolle spielen sozioökonomische Faktoren?
Wir wissen bei Erwachsenen, dass Armut, niedriges Einkommen und Arbeitslosigkeit typische Risikofaktoren für Einsamkeit darstellen. Daraus lässt sich ableiten, dass die Armutssituation der Eltern ein Einsamkeitsrisiko für die Kinder darstellt. Zum einen, weil Armut immer auch stark schambehaftet ist, was bedeutet, dass die Kinder nicht so tolle Klamotten tragen können wie die anderen oder dass sie vielleicht nicht auf Klassenfahrten mitfahren können. Außerdem lässt sich Armut sehr schwer verbergen. Andere Kinder nehmen das schnell wahr, und das bietet Angriffsfläche für Ausgrenzung und Mobbing. Gerade bei Kindergartenkindern verabreden sich die Kinder ganz oft noch nicht alleine, sondern die Verabredungen werden durch die Eltern initiiert. Wenn schon die Eltern die Außenseiter in der Kindergarten-Elterngruppe sind oder wenn aufgrund von Sprachbarrieren die Schwierigkeit besteht, Anschluss zu finden, wirkt sich das zwangsläufig auf die sozialen Kontakte der eigenen Kinder aus.
Werden aus einsamen Kindern auch einsame Erwachsene?
Teils, teils. In qualitativen Studien, in denen Erwachsene befragt wurden, wie ihre Einsamkeit entstanden ist, berichten die Befragten häufig, dass sie sich schon seit dem Jugendalter einsam gefühlt haben. Das trifft aber nicht auf alle zu. Es gibt auch Menschen, die aufgrund von Schicksalsschlägen oder wegen eines Umzugs einsam sind und das früher nie waren. Einsamkeit hat eine gewisse stabile Komponente, die sich fast wie eine Charaktereigenschaft beschreiben lässt. Wie das Schüchternsein kann auch das Einsamsein zu einem Teil der Persönlichkeit werden, und deshalb ist es wichtig, Kindern und Jugendlichen frühzeitig Auswege aus der Einsamkeit anzubieten.
Wie kann ich meinem Kind helfen, wenn es unfreiwillig allein ist?
Ein wichtiger erster Schritt ist, mit dem Kind ins Gespräch darüber zu kommen, wie es ihm oder ihr in sozialen Gruppen, zum Beispiel in der Schule, geht. Wie es sich eingebunden fühlt, mit wem in der Klasse es am meisten Kontakt hat, wen es sympathisch findet, also den Blick auf Gemeinsamkeiten mit anderen Menschen legen. Ein zweiter Schritt könnte sein, mit den Kindern gemeinsam herauszufinden, was macht sie stark, welche Aktivitäten finden sie interessant, und sie dabei unterstützen, diesen nachzugehen. Idealerweise etwas, was man mit anderen zusammen machen kann: Sport, Jugendgruppen, Pfadfinder, Chor. Wichtig ist, Kindern und Jugendlichen zu vermitteln, dass sie mit ihren ganzen Emotionen und Bedürfnissen, die sie haben, wertvoll sind. Eltern können ihren Kindern zeigen, dass sie ihren Wert nicht davon abhängig machen, wie sie aussehen, was sie für Klamotten tragen, wie sportlich sie sind oder welche Noten sie bekommen, sondern dass sie so, wie sie sind, ein wertvoller Mensch sind, ohne dass sie Leistung dafür bringen müssen. Das ist ganz wichtig, denn je selbstbewusster und zufriedener Kinder und Jugendliche mit sich selbst sind, desto resilienter können sie sich sozialen Situationen stellen.
Meistens gibt es in jeder Klasse, in jeder Kindergartengruppe einen Außenseiter, eine Außenseiterin. Woran liegt das?
Manchmal ist es vielleicht das falsche Umfeld. Es ist auch schwierig, die Verantwortung diesen „Außenseiterkindern“ zuzuschreiben, denn die haben häufig ganz wenig Kontrolle über die Situation und kommen da aus eigenem Antrieb meist nicht raus. Ich fände den Perspektivwechsel ganz interessant, mal auf die anderen Kinder in der Gruppe zu schauen. Warum versucht niemand, dieses Kind zu integrieren, warum geht niemand auf das Kind zu oder bindet es aktiv ins Spiel ein? Die Gruppendynamik ist oft, dass der Außenseiter, die Außenseiterin links liegen gelassen wird. Erzieherinnen und Erzieher könnten also die sozial besonders kompetenten Kinder in der Gruppe motivieren, auf dieses Kind zuzugehen. Das gelingt nur den allerwenigsten Kindern von sich aus, weil sie Sorge haben, auch ausgegrenzt zu werden.
Welche Folgen hat die Isolation dieser Kinder für ihre Entwicklung – physisch und psychisch?
Auf der psychischen Ebene geht Einsamkeit, wenn sie chronisch auftritt, mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung einer manifesten Depression oder einer sozialen Angststörung einher. Man vermeidet soziale Situationen, hat Angst, vor anderen sprechen zu müssen, ein Referat zu halten wird als maximal stresshaft erlebt. Im Jugendalter kommt dann auch noch Alkoholmissbrauch oder Drogenkonsum dazu. Das wird wie eine Selbstmedikation betrieben, um die negativen Gefühle abzumildern. Auf der körperlichen Ebene kann man sich Einsamkeit wie einen chronischen Stressor vorstellen, und der kann alle möglichen Erkrankungen in Gang bringen. Im Erwachsenenalter gibt es Evidenz dafür, dass die Lebenserwartung reduziert ist. Diese gravierenden Folgen zeigen sich bei Kindern und Jugendlichen noch nicht, aber wenn man sich vor Augen führt, dass möglicherweise der Grundstein dafür gelegt wird, dass eine Einsamkeitsbiografie entsteht, sind die gesundheitlichen langfristigen Folgen mitzudenken.
Machen soziale Medien Kinder einsam?
Jein. Soziale Medien pauschal zu verteufeln, halte ich für nicht gerechtfertigt. Wenn Kinder soziale Medien dazu verwenden, um in Kontakt zu bleiben mit Freundinnen und Freunden, kann die Mediennutzung ein Schutzfaktor vor Einsamkeit sein. Andersrum, wenn man seine ganzen sozialen Kontakte in Onlinewelten verlagert, ist das ein großes Einsamkeitsrisiko. Auch wenn man Erfolgserlebnisse nur noch in Onlinewelten sammelt, Stichwort Gaming, ist das sehr kritisch zu sehen. Grundsätzlich unterscheiden sich Jugendliche deutlich darin, wie stark ihr eigener Selbstwert davon abhängt, wie sie im Vergleich zu anderen dastehen. Und in den sozialen Medien präsentieren sich Menschen oft in einem sehr positiven Licht und alles sieht toll und farbenfroh aus. Wenn man dann den Eindruck bekommt, mein eigenes Leben ist im Vergleich dazu sehr trist, kann das das Selbstwertgefühl deutlich mindern.

