„Grenzen überschritten“

Yacht-Unglück vor Sizilien endet tödlich: Deutscher Skipper nennt zwei mögliche Ursachen

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Warum die „Bayesian“ versank, ist noch ungeklärtt. Ein Experte hat eine Theorie – und erläutert, wo sich der Kapitän „Lehrbuchmäßig“ verhielt.

Palermo – Das Rätselraten um die Gründe für den Untergang der Yacht „Bayesian“ vor der sizilianischen Küste im Mittelmeer während eines heftigen Sturms geht weiter. Schwere Anschuldigungen werden von dem Chef des Unternehmens erhoben, die die „Bayesian“ konstruiert hat. Der britische Milliardär Mike Lynch (59), Eigentümer der Luxusyacht, wurde am Donnerstag (22. August) tot aus dem Wrack geborgen. Es wird angenommen, dass auch seine Tochter Hannah das Unglück nicht überlebt hat. Ein erfahrener Kapitän analysierte im Gespräch mit IPPEN.MEDIA die möglichen Ursachen der Tragödie.

Laut offiziellen Berichten befand sich die „Bayesian“ nur knapp eine halbe Seemeile (ungefähr 900 Meter) vom Ufer entfernt im Wasser, bevor sie innerhalb von Sekunden sank. Die genauen Umstände des Unglücks sind noch unklar.

Untergang der Yacht „Bayesian“: „Wahl des Ankerplatzes richtig, man könnte sagen Lehrbuchmäßig“

Michael Schlecht (73), ein erfahrener Kapitän, der nach eigenen Angaben seit seiner Studienzeit segelt und mit seinem Segelboot die Welt umrundet hat, hat eine Theorie. Er stützt seine Analyse auf Tracking-Daten von marinetraffic.com und Informationen von einem englischsprachigen Fachportal. Nach Durchsicht der Tracking-Daten ist er überzeugt, „dass das Schiff deutlich näher als eine halbe Seemeile vor der Küste lag“. Er erklärte gegenüber IPPEN.MEDIA: „Im Screenshot sieht man auch sehr gut, wie sich das Boot vor Anker bewegt hat.“

Tracking-Daten zeigen, wie sich die Luxusyacht „Bayesian“ vor ihrem Untergang vor der Küste bewegte.

Nach der Analyse der Trackingdaten der Luxusyacht geht Schlecht von folgendem Szenario aus: „Wie im Tracking ersichtlich ist die Yacht am Nachmittag/früher Abend (18. August) von Cefalu gewendet und hat sich vor Porticello einen Ankerplatz gesucht, an dem sie nicht in Legerwall war; das heißt, der Wind kommt nicht von Seeseite, sondern von Landseite.“ Dies sei eine vollkommen nachvollziehbare Entscheidung des Kapitäns gewesen: „Dann wird man, wenn der Anker nicht halten sollte, ins tiefe Wasser getrieben und nicht auf die Küste. Außerdem kann sich zwischen Küste und ankerndem Schiff keine relevante Welle aufbauen, da der Abstand viel zu gering ist. Insofern war die Wahl des Ankerplatzes richtig, man könnte sagen Lehrbuchmäßig.“

Warum ging die „Bayesian“ vor Sizilien unter? Deutscher Skipper nennt zwei mögliche Ursachen

Schlecht hat eine Vermutung zur Unglücksursache: „Die Superyacht hatte das Problem, dass sie einen Lifting Keel (variabler Kiel; Anm. d. Red.) hatte, der ausgefahren zehn Meter, eingezogen vier Meter tief ist. Da auf 15 bis unter 20 Metern geankert wurde, hat der Kapitän vermutlich zumindest teilweise den Kiel eingezogen.“ Dies sei zunächst kein Fehler des Kapitäns der Luxusyacht, betont Schlecht. „Kann man machen, da ja keine Segel gesetzt waren.“

Allerdings könnte dies in Kombination mit den Wetterbedingungen katastrophale Folgen gehabt haben. „In diesem konkreten Fall der Windhose hat dies möglicherweise zu der Tragödie geführt“, vermutet Schlecht. „Wenn der Kiel oben war, kann dies in extremer Windsituation soviel Druck auf den Mast und die Aufbauten auf dem Deck bewirken, dass das Schiff kentert.“ Zwar könne man annehmen, dass „auch mit hochgezogenem Kiel und ohne gesetzte Segel man eigentlich davon ausgehen kann, dass das Schiff genügend Stabilität hat“, so Schlecht weiter. Doch das Wetter sei „halt sehr extrem“ gewesen. „Und vermutlich kamen viele geöffnete Luken und Türen hinzu“, fügt der Kapitän als weitere mögliche Ursache hinzu.

Das letzte Foto der „Bayesian“ – Bilder des tragischen Yacht-Unglücks vor Italien

Yacht-Drama vor Sizilien. 22 Urlauber waren an Bord des Luxus-Segelboots, das am Montagmorgen (19. August) bei einem schweren Unwetter in Italien sank.
Yacht-Drama vor Sizilien. 22 Urlauber waren an Bord des Luxus-Segelboots, das am Montagmorgen (19. August) bei einem schweren Unwetter in Italien sank. © Vigili del Fuoco
„Das Boot ist einfach verschwunden“, berichten Fischer aus Palermo. Die „Bayesian“ sank gegen 4 Uhr morgens, am Tag darauf suchen Boote, Taucher und Helikopter nach Überlebenden.
„Das Boot ist einfach verschwunden“, berichten Fischer aus Palermo. Die „Bayesian“ sank gegen 4 Uhr morgens, am Tag darauf suchen Boote, Taucher und Helikopter nach Überlebenden. © Lucio Ganci/picture aliiance/dpa/AP
Tische, Schirme, Stühle und Blumentöpfe fliegen beim Unwetter in Palermo durch die Luft. Auf dem Wasser verursachte der Sturm wohl einen Tornado.
Tische, Schirme, Stühle und Blumentöpfe fliegen beim Unwetter in Palermo durch die Luft. Auf dem Wasser verursachte der Sturm wohl einen Tornado. © BAIA Santa Nicolicchia
Etliche Rettungskräfte sind am Einsatz in Italien beteiligt. Ambulanz und Polizei stehen am Ufer von Porticello bereit.
Etliche Rettungskräfte sind am Einsatz in Italien beteiligt. Ambulanz und Polizei stehen am Ufer von Porticello bereit.  © Igor Petyx/Imago
Rettungskräfte bergen die Leiche eines der Opfer des unter britischer Flagge fahrenden Schiffes „Bayesan“. Es handelt sich laut Medienberichten um den Koch des Urlauberschiffs. Sechs weitere Menschen bleiben vermisst.
Rettungskräfte bergen die Leiche eines der Opfer des unter britischer Flagge fahrenden Schiffes „Bayesan“. Es handelt sich laut Medienberichten um den Koch des Urlauberschiffs. Sechs weitere Menschen bleiben vermisst. © Lucio Ganci/picture alliance/dpa/AP
Unter den Vermissten ist laut britischen Medien der Tech-Milliardär Mike Lynch, auch bekannt als „englischer Bill Gates“. Ihm soll die gesunkene Yacht gehört haben.
Unter den Vermissten ist laut britischen Medien der Tech-Milliardär Mike Lynch, auch bekannt als „englischer Bill Gates“. Ihm soll die gesunkene Yacht gehört haben. © BEN GURR/ POOL/AFP
Tauchteams suchen nach der versunkenen Yacht. Laut Feuerwehr liegt sie in rund 50 Metern Tiefe. Es wird befürchtet, dass Passagiere während des Unwetters in den Kabinen waren und von den Wassermassen eingeschlossen wurden, als die „Bayesian“ sank.
Tauchteams suchen nach der versunkenen Yacht. Laut Feuerwehr liegt sie in rund 50 Metern Tiefe. Es wird befürchtet, dass Passagiere während des Unwetters in den Kabinen waren und von den Wassermassen eingeschlossen wurden, als die „Bayesian“ sank. © Vigili del Fuoco
Überlebende schildern dramatische Szenen vom Kentern der Luxus-Yacht. Eine Frau berichtet, ihre Tochter sei ihr in den Fluten erst entglitten, doch dann habe sie sie „fest umarmt“ und schließlich wurden beide gerettet. Insgesamt 15 Personen wurden am Morgen von der Küstenwache und freiwilligen Helfern an Land gebracht.
Überlebende schildern dramatische Szenen vom Kentern der Luxus-Yacht. Eine Frau berichtet, ihre Tochter sei ihr in den Fluten erst entglitten, doch dann habe sie sie „fest umarmt“ und schließlich wurden beide gerettet. Insgesamt 15 Personen wurden am Morgen von der Küstenwache und freiwilligen Helfern an Land gebracht.  © Vigili del Fuoco
Die Staatsanwaltschaft von Termini Imerese leitete noch am Montag Untersuchungen zum Bootsunglück vor Palermo ein. Unter anderem wurden die Überlebenden, darunter der Kapitän, vernommen.
Die Staatsanwaltschaft von Termini Imerese leitete noch am Montag Untersuchungen zum Bootsunglück vor Palermo ein. Unter anderem wurden die Überlebenden, darunter der Kapitän, vernommen.  © Vigili del Fuoco
Derweil geht die Suche nach den Vermissten weiter. Mit jeder Stunde schrumpft allerdings die Hoffnung der Feuerwehr, Menschen lebend zu finden. Es bleibt, auf kleine Wunder zu hoffen.
Derweil geht die Suche nach den Vermissten weiter. Mit jeder Stunde schrumpft allerdings die Hoffnung der Feuerwehr, Menschen lebend zu finden. Es bleibt, auf kleine Wunder zu hoffen. © Vigili del Fuoco
Das ist das letzte Foto der „Bayesian“, bevor sie am Montagmorgen bei einem Unwetter vor Sizilien versank. Am Abend zuvor hatte die Urlaubsgruppe an Bord noch eine Party gefeiert. Ein Barkeeper aus Bagheria fotografierte das hell erleuchtete Schiff am Sonntagabend gegen 22 Uhr.
Das ist das letzte Foto der „Bayesian“, bevor sie am Montagmorgen bei einem Unwetter vor Sizilien versank. Am Abend zuvor hatte die Urlaubsgruppe an Bord noch eine Party gefeiert. Ein Barkeeper aus Bagheria fotografierte das hell erleuchtete Schiff am Sonntagabend gegen 22 Uhr. © Fabio la Bianca
Die Suche nach dem britischen Technologiemagnaten Mike Lynch geht weiter, nachdem die „Bayesian“ vor Sizilien gesunken ist. Italienische Rettungskräfte, die Feuerwehr und die Küstenwache sind im Einsatz. Hubschrauber unterstützen die Suche auf Hochtouren.
Die Suche nach dem britischen Technologiemagnaten Mike Lynch geht weiter, nachdem die „Bayesian“ vor Sizilien gesunken ist. Italienische Rettungskräfte, die Feuerwehr und die Küstenwache sind im Einsatz. Auch Hubschrauber unterstützen die Suche. © Fotogramma/IPA/ABACAPRESS/IMAGO
Die Leichen von fünf der bislang sechs Vermissten nach dem Yacht-Unglück wurden im Wrack entdeckt. Vier Körper konnten am Mittwoch (21. August) geborgen werden. Dabei handelt es sich um zwei Ehepaare.
Die Leichen von fünf der bislang sechs Vermissten nach dem Yacht-Unglück wurden im Wrack entdeckt. Vier Körper konnten am Mittwoch (21. August) geborgen werden. Dabei handelt es sich um zwei Ehepaare. © Jonathan Brady/dpa
Der fünfte Leichensack wird im Hafen von Porticello von Rettungskräften an Land gebracht, die nach den sechs Touristen suchen, die vermisst werden, nachdem die Luxusyacht Bayesian am Montag in einem Sturm gesunken war, während sie etwa eine halbe Meile vor der sizilianischen Küste festgemacht hatte.
479004340.jpg © Jonathan Brady/picture alliance/dpa
Das Aufgebot der Einsatzkräfte vor der Küste von Palermo war enorm. Die Bergungsarbeiten gestalteten sich unter anderem so schwierig, weil den Tauchern am Grund nach dem Abtauchen in 50 Meter Tiefe nur zehn Minuten zum Arbeiten blieben. Ein Tauchroboter unterstützte.
479037496.jpg © Salvatore Cavalli/picture alliance/dpa/AP
Ein Boot mit einem Tauchteam macht sich am vierten Tag der Such- und Bergungsaktion auf den Weg zur Bayesian. Eine weitere Leiche wurde geborgen. Vermutlich handelt es sich um den britischen Milliardär Mike Lynch oder dessen 18-jährige Tochter.
Ein Boot mit einem Tauchteam machte sich am vierten Tag der Such- und Bergungsaktion auf den Weg zur Bayesian. Eine weitere Leiche wurde geborgen. Vermutlich handelt es sich um den britischen Milliardär Mike Lynch oder dessen 18-jährige Tochter. © Jonathan Brady/dpa

Chef des Yacht-Herstellers kritisiert „eine sehr lange Reihe von Fehlern“ – Passagiere „saßen in einer Falle“

Giovanni Costantino, der Leiter der Italian Sea Group, zu der auch die Firma Perini Navi gehört, die die „Bayesian“ gebaut hat, glaubt ebenfalls, dass das Unglück hätte vermieden werden können. „Alles, was getan wurde, offenbart eine sehr lange Reihe von Fehlern“, sagte Costantino der italienischen Zeitung Corriere della Sera. Es sollte immer eine Wache auf einem Schiff geben, wenn es irgendwo vor Anker liegt, so Costantino: „Wenn es eine Wache gegeben hätte, hätte sie den aufziehenden Sturm nicht übersehen können.“ Auch Wetter-Experte Jörg Kachelmann sprach in diesem Zusammenhang von „Fahrlässigkeit“.

Laut Costantino hätte man die Passagiere warnen und alle Türen und Luken schließen müssen. Stattdessen sei offenbar Wasser in das Schiff eingedrungen, während die Gäste noch in den Kabinen waren, so Costantino: „Sie saßen in einer Falle, diese armen Leute endeten wie Mäuse.“

Skipper sieht Superyacht-Bauweise als großes Risiko – Grenzen überschritten

Schlecht berichtete, dass „kurz nach Mitternacht der schreckliche Wind“ einsetzte. „Das Boot bewegte sich heftig am Anker“, analysierte der Kapitän die Trackingdaten: „Ich vermute, dass der Anker schließlich abrutschte (oder brach, was eher unwahrscheinlich ist), denn das Boot glitt mit 2,6 Knoten davon.“

Die Konstruktion der Superyacht „Bayesian“ spielte nach Ansicht des Kapitäns eine entscheidende Rolle bei dem Unglück. „Der extrem hohe Mast bot dem Extrem-Wind genügend Widerstand, sodass die Windhose das Boot zum Kentern brachte“, sagte Schlecht. Er kritisierte, dass bei Superyachten ständig versucht wird, noch mehr Geschwindigkeit aus den Booten herauszuholen. „Und dabei werden dann Grenzen überschritten. Dass es dann zu Todesopfern kommt, ist natürlich sehr bedauerlich“. 15 Menschen konnten gerade noch von einem deutschen Kapitän und seiner Crew gerettet werden.

Schlecht selbst segelt derzeit auf einem 14 Meter langen Segelboot. Bei diesem hat er Anpassungen vorgenommen: „Bei uns ist der Mast um zwei Meter verkürzt, aus Sicherheitsgründen.“ In Italien laufen derweil die offiziellen Ermittlungen zu dem Yacht-Unglück. Die genauen Umstände müssen noch von den Behörden geklärt werden. (kh)

Rubriklistenbild: © marinetraffic.com

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