Laut offiziellen Berichten befand sich die „Bayesian“ nur knapp eine halbe Seemeile (ungefähr 900 Meter) vom Ufer entfernt im Wasser, bevor sie innerhalb von Sekunden sank. Die genauen Umstände des Unglücks sind noch unklar.
Untergang der Yacht „Bayesian“: „Wahl des Ankerplatzes richtig, man könnte sagen Lehrbuchmäßig“
Michael Schlecht (73), ein erfahrener Kapitän, der nach eigenen Angaben seit seiner Studienzeit segelt und mit seinem Segelboot die Welt umrundet hat, hat eine Theorie. Er stützt seine Analyse auf Tracking-Daten von marinetraffic.com und Informationen von einem englischsprachigen Fachportal. Nach Durchsicht der Tracking-Daten ist er überzeugt, „dass das Schiff deutlich näher als eine halbe Seemeile vor der Küste lag“. Er erklärte gegenüber IPPEN.MEDIA: „Im Screenshot sieht man auch sehr gut, wie sich das Boot vor Anker bewegt hat.“
Nach der Analyse der Trackingdaten der Luxusyacht geht Schlecht von folgendem Szenario aus: „Wie im Tracking ersichtlich ist die Yacht am Nachmittag/früher Abend (18. August) von Cefalu gewendet und hat sich vor Porticello einen Ankerplatz gesucht, an dem sie nicht in Legerwall war; das heißt, der Wind kommt nicht von Seeseite, sondern von Landseite.“ Dies sei eine vollkommen nachvollziehbare Entscheidung des Kapitäns gewesen: „Dann wird man, wenn der Anker nicht halten sollte, ins tiefe Wasser getrieben und nicht auf die Küste. Außerdem kann sich zwischen Küste und ankerndem Schiff keine relevante Welle aufbauen, da der Abstand viel zu gering ist. Insofern war die Wahl des Ankerplatzes richtig, man könnte sagen Lehrbuchmäßig.“
Warum ging die „Bayesian“ vor Sizilien unter? Deutscher Skipper nennt zwei mögliche Ursachen
Schlecht hat eine Vermutung zur Unglücksursache: „Die Superyacht hatte das Problem, dass sie einen Lifting Keel (variabler Kiel; Anm. d. Red.) hatte, der ausgefahren zehn Meter, eingezogen vier Meter tief ist. Da auf 15 bis unter 20 Metern geankert wurde, hat der Kapitän vermutlich zumindest teilweise den Kiel eingezogen.“ Dies sei zunächst kein Fehler des Kapitäns der Luxusyacht, betont Schlecht. „Kann man machen, da ja keine Segel gesetzt waren.“
Allerdings könnte dies in Kombination mit den Wetterbedingungen katastrophale Folgen gehabt haben. „In diesem konkreten Fall der Windhose hat dies möglicherweise zu der Tragödie geführt“, vermutet Schlecht. „Wenn der Kiel oben war, kann dies in extremer Windsituation soviel Druck auf den Mast und die Aufbauten auf dem Deck bewirken, dass das Schiff kentert.“ Zwar könne man annehmen, dass „auch mit hochgezogenem Kiel und ohne gesetzte Segel man eigentlich davon ausgehen kann, dass das Schiff genügend Stabilität hat“, so Schlecht weiter. Doch das Wetter sei „halt sehr extrem“ gewesen. „Und vermutlich kamen viele geöffnete Luken und Türen hinzu“, fügt der Kapitän als weitere mögliche Ursache hinzu.
Das letzte Foto der „Bayesian“ – Bilder des tragischen Yacht-Unglücks vor Italien
Chef des Yacht-Herstellers kritisiert „eine sehr lange Reihe von Fehlern“ – Passagiere „saßen in einer Falle“
Giovanni Costantino, der Leiter der Italian Sea Group, zu der auch die Firma Perini Navi gehört, die die „Bayesian“ gebaut hat, glaubt ebenfalls, dass das Unglück hätte vermieden werden können. „Alles, was getan wurde, offenbart eine sehr lange Reihe von Fehlern“, sagte Costantino der italienischen Zeitung Corriere della Sera. Es sollte immer eine Wache auf einem Schiff geben, wenn es irgendwo vor Anker liegt, so Costantino: „Wenn es eine Wache gegeben hätte, hätte sie den aufziehenden Sturm nicht übersehen können.“ Auch Wetter-Experte Jörg Kachelmann sprach in diesem Zusammenhang von „Fahrlässigkeit“.
Laut Costantino hätte man die Passagiere warnen und alle Türen und Luken schließen müssen. Stattdessen sei offenbar Wasser in das Schiff eingedrungen, während die Gäste noch in den Kabinen waren, so Costantino: „Sie saßen in einer Falle, diese armen Leute endeten wie Mäuse.“
Skipper sieht Superyacht-Bauweise als großes Risiko – Grenzen überschritten
Schlecht berichtete, dass „kurz nach Mitternacht der schreckliche Wind“ einsetzte. „Das Boot bewegte sich heftig am Anker“, analysierte der Kapitän die Trackingdaten: „Ich vermute, dass der Anker schließlich abrutschte (oder brach, was eher unwahrscheinlich ist), denn das Boot glitt mit 2,6 Knoten davon.“
Die Konstruktion der Superyacht „Bayesian“ spielte nach Ansicht des Kapitäns eine entscheidende Rolle bei dem Unglück. „Der extrem hohe Mast bot dem Extrem-Wind genügend Widerstand, sodass die Windhose das Boot zum Kentern brachte“, sagte Schlecht. Er kritisierte, dass bei Superyachten ständig versucht wird, noch mehr Geschwindigkeit aus den Booten herauszuholen. „Und dabei werden dann Grenzen überschritten. Dass es dann zu Todesopfern kommt, ist natürlich sehr bedauerlich“. 15 Menschen konnten gerade noch von einem deutschen Kapitän und seiner Crew gerettet werden.
Schlecht selbst segelt derzeit auf einem 14 Meter langen Segelboot. Bei diesem hat er Anpassungen vorgenommen: „Bei uns ist der Mast um zwei Meter verkürzt, aus Sicherheitsgründen.“ In Italien laufen derweil die offiziellen Ermittlungen zu dem Yacht-Unglück. Die genauen Umstände müssen noch von den Behörden geklärt werden. (kh)