Zukunft mit Stummeln: Die Canards am Eurofighter Typhoon. Der US-Kampfjet der neuen Generation kehrt jetzt wohl wieder zu diesem Konstruktionsmerkmal zurück (Archivfoto).
Das vielleicht beste Flugzeug der Welt steht auf dem Runway. Mit der Boing F-47 planen die USA, die Luftüberlegenheit zu erringen. Kritiker sind skeptisch.
Washington D. C. – „In chaotischen, umkämpften Umgebungen“ würden Konflikte künftig stattfinden, sagt Ellen Pawlikowski; den Podcast-Beitrag der ehemaligen Generalin der Luftwaffe der USA zitiert aktuell das Magazin Bulgarian Military (BM) . Laut Pawlikowski könnten in diesen Auseinandersetzungen pure Geschwindigkeit und enge Kurven ebenso wichtig werden wie Unsichtbarkeit. Gemeint ist die Nachfolgerin der F-35-Generation, die anders aussehen wird als der derzeit umstrittene Jet und eher dem Eurofighter ähneln soll: Die F-47, die US-Präsident Donald Trump jetzt geordert hat, wäre ein Kampfjet der sechsten Generation und soll auf jeden Fall andere Tragflächen bekommen – wie BM-Autor Boyko Nikolov schreibt „mysteriöse Flügel“.
„Mysteriös“ könnte auch der Ausgang des Next-Generation Air Dominance-Programms (NGAD) der US-Luftwaffe werden. Wie das Magazin The Aviationist Ende vergangenen Jahres berichtet hat, steht das Programm unter keinem guten Stern. Das NGAD werde „derzeit einer umfassenden Überprüfung unterzogen, um die Anforderungen an bemannte Kampfflugzeuge der sechsten Generation angesichts steigender Kosten und einer schnellen technologischen Entwicklung neu zu bewerten“, schreibt Aviationist-Autor Stefano D‘Urso. Mit diesem Programm soll die F-22 Raptor ersetzt werden.
USA starten teuerstes Flugzeug: Allerdings weiß niemand, wie der Luftkrieg der Zukunft aussehen könnte
Allerdings scheint noch niemand zu wissen, wie der Luftkrieg der Zukunft aussehen könnte – jedenfalls glaubt zumindest einer eine Ahnung zu haben: Präsidentenberater Elon Musk. Laut dem Nachrichtenmagazin Spiegel hält der die F-35 als das am weitesten entwickelte Flugzeug der Welt für überflüssig; zu teuer und zu altbacken. Der Tech-Milliardär sieht im Kampfflugzeug der Zukunft ein unbemanntes Drohnen-Mutterschiff. Allerdings scheint sich jetzt der Luftfahrtkonzern Boeing mit einem Entwurf durchgesetzt zu haben – mit Stummelflügeln, den „Canards“.
Vom Flieger an sich sind kaum Bilder veröffentlicht und schon gar keine Daten – Trump will sich nicht in die Karten schauen lassen, so denn wirklich schon Fakten spruchreif sein sollten. „Vor der Ankündigung wurden die Kosten für die NGAD-Kampfflugzeuge auf mehrere Hundert Millionen Dollar pro Stück geschätzt, wobei die glaubwürdigste Schätzung bei 300 Millionen Dollar pro Flugzeug lag“, so das Magazin. Die F-35 gilt mit fast 80 Millionen Dollar Stückpreis als das bisher teuerste Flugzeug der Welt – was Elon Musk schon zu viel ist.
„Aus Sicht der Anforderungen würde ich sagen, wir müssen von vorne beginnen und uns fragen: ‚Was wollen wir erreichen?‘ ,Wie erreichen wir Luftüberlegenheit in einem umkämpften Umfeld?‘ könnte man die Frage stellen. Eine andere Möglichkeit wäre: ‚Wie bauen wir eine bemannte Kampfflugzeugplattform der sechsten Generation?‘ Das ist nicht unbedingt dasselbe.“
Wie die Aviationist-Autoren Stefano D‘Urso und David Cenciotti berichten, habe Boeing den Auftrag für die Entwicklung des bemannten Kampfflugzeugs Next-Generation Air Dominance der US-Luftwaffe erhalten: US-Präsident Donald Trump habe dies gemeinsam mit Verteidigungsminister Pete Hegseth und Generalstabschef David Allvin verkündet und die neue F-47 als das weltweit erste Kampfflugzeug der sechsten Generation bezeichnet. Die F-47 solle die Luftkriegsführung neu definieren, wie Bulgarian Military ergänzt. Laut dem Aviationist stehe die „47“ für die Amtszeit Trumps: Er ist der 47. Präsident der USA.
Den ersten Bildern zufolge scheinen Tarnkappenfähigkeiten eher in den Hintergrund zu treten gegenüber der besseren Manövrierfähigkeit der Maschine. „Canards“ leiten sich ab vom französischen Begriff für „Ente“ und bezeichnen stummelige Flügel nahe der Flugzeugnase. Diese ungewöhnliche Konstruktion unterscheide sich von klassischen Konstruktionen dadurch, dass die stabilisierende horizontale Fläche vor dem Hauptflügel platziert ist, was sowohl Steuerung als auch Auftrieb verbessere, wie das Magazin Simple Flying erläutert.
Eurofighter als F-47-Vorbild: Vorteil der Stummel ist vor allem die verbesserte Manövrierfähigkeit
„Canards verhalten sich je nach Flugsituation unterschiedlich. Bei niedrigen Geschwindigkeiten verbessern sie die Manövrierfähigkeit, indem sie zusätzlichen Auftrieb erzeugen. Bei hohen Geschwindigkeiten tragen sie zur Stabilität und Kontrolle bei, die bei Hochleistungsflugzeugen entscheidend sind“, so Simple Flying-Autorin Elle Scungio. Der Eurofighter Typhoon nutzt seine Canards zur „Nicksteuerung“, wie Scungio schreibt. Das heißt, die vorderen „Stummelflügel“ sorgen dafür, dass der Eurofighter seine Nase nach unten oder oben bekommt, Experten sprechen von der Steuerung über die y-Achse, wobei die Haupttragflächen das Gewicht der Maschine übernehmen.
Laut Simple Flying seien die Vorteile der Stummel vor allem die verbesserte Manövrierfähigkeit, wodurch die Flugzeuge engere Kurven fliegen und schnellere Neigungsreaktionen erreichen könnten; sie hätten ebenso einen verbesserten Auftrieb, einen geringeren Luftwiderstand und dadurch insgesamt ein reduziertes Gesamtgewicht, weil sie mit weniger Kraftstoff eine höhere Reichweite realisieren könnten.
Demgegenüber stünden die Nachteile, dass die Maschine empfindlicher reagiere auf das Eingreifen des Piloten; auch bezüglich des Strömungsabrisses beziehungsweise des Auftriebs sei die Konstruktion sensibler. Ebenso auf die Zuladung wirken sich Canards erschwerend aus sowie auf die Kraftstoffeffizienz, wenn der Auftrieb des Canards nicht vollständig optimiert sei und die Konstruktionen zu einem „höheren induzierten Widerstand beitragen“, wie Simple Flying erläutert. Dennoch will Donald Trump wohl mit Stummelflügeln in die Zukunft der US Luftwaffe starten.
Trump wieder im „America First“-Modus: „So etwas hat noch niemand zuvor gesehen“
„So etwas hat noch niemand zuvor gesehen“, sagte Trump, wie ihn The Aviationist zitiert. „In Bezug auf alle Eigenschaften eines Kampfjets gab es noch nie etwas, das ihm auch nur annähernd nahe kam – von der Geschwindigkeit über die Manövrierfähigkeit bis hin zur Nutzlast. Die F-47 wird das fortschrittlichste, leistungsfähigste und tödlichste Flugzeug sein, das je gebaut wurde.“ Möglicherweise weiß er tatsächlich, wovon er spricht, was das Fachmagazin Flugrevue nahelegt: Trump zufolge existiere bereits ein Demonstrator, und das schon seit längerem: „Eine experimentelle Version des Flugzeugs fliegt seit fast fünf Jahren im Geheimen“, so Trump laut der Flugrevue.
Offenbar plant der US-Präsident den Flieger zum nächsten Exportschlager aufsteigen zu lassen. Die Flugrevue schreibt, die F-47 soll in einer „um zehn Prozent abgeschwächten Version“ an „verbündete Nationen“ verkauft werden können. „Auch der Einsatz an der Seite ,so vieler unbemannter Fluggeräte wie wir wollen‘ sei möglich“, so Flugrevue-Autor Patrick Hoeveler über die Aussage des Präsidenten. Allerdings fangen vor allem die Europäer an, sich von den USA zu autonomisieren, wie das Magazin European Security & Defense (ESD) schreibt; dort wird aktuell der Kauf der F-35 kontrovers diskutiert – eben wegen jener womöglich fehlenden „zehn Prozent“ – allerdings laufen auch dort die Entwicklungen hin zu einem Flieger der sechsten Generation.
Also, the number pays tribute to the founding year of our incredible @usairforce, while also recognizing the 47th @POTUS’s pivotal support for the development of the world’s FIRST sixth-generation fighter (2/2). https://t.co/wjBynCSejr
ESD-Autor Sidney Dean erläutert, dass Waffensysteme überlappend entwickelt würden; das hieße, während die F-35 gekauft würde, wären die Kampfjets der sechsten Generation bereits in Planung. Tatsächlich schreiten sowohl das deutsch-französische Future Combat Aircraft System (FCAS) als auch das dreigliedrige (Italien, Großbritannien, Japan) Global Combat Air Programme (GCAP) weiter voran, wie Dean schreibt; er glaubt, dass die europäischen beziehungsweise euro-asiatischen Konstruktionen die F-35 technologisch übertreffen und frühestens 2040 in Betrieb genommen würden.
Ukraine-Krieg: Die Laborsituation des Kriegs des 21. Jahrhunderts
Insofern wird der Markt für die F-47 geschrumpft sein, bevor die Maschine serienreif sein wird. Und zu diesem Zeitpunkt wird auch die F-47 weiter kontrovers diskutiert werden, weil sie nach Meinung des Präsidentenberaters Elon Musk in die falsche Richtung entwickelt würde. „Bemannte Kampfflugzeuge sind im Zeitalter der Drohnen ohnehin überflüssig. Dadurch werden nur Piloten getötet“, schrieb der Tech-Milliardär in seinem Online-Dienst X (vormals Twitter), worauf der Spiegel hinweist.
Donald Trumps Orbit: Einflüsterer, Berater und Vertraute des Präsidenten
Selbst wenn die F-47 bereits seit fünf Jahren getestet wird, haben noch im vergangenen Jahr US-Militärs ihre Zweifel geäußert, welche Lösung die zukunftsfähige ist. Im Ukraine-Krieg als der Laborsituation des Kriegs des 21. Jahrhunderts richten sowohl Drohnen als auch Kampfflugzeuge als Waffenträger einen gleichermaßen katastrophalen Schaden an. Drohnen sind günstig herzustellen und nahezu autonom auf die Reise zu schicken. Kampfflugzeuge transportieren Bomben, die mittlerweile den größten Teil ihres Weges selbstständig zurücklegen und von Kampfflugzeugen lediglich in die günstige Abschussposition gebracht werden müssen.
Eine Duell-Situation der Piloten ist schon längst Geschichte. The Aviationist zitiert dazu James C. Slife, den stellvertretenden Stabschef der US Air Force: „Aus Sicht der Anforderungen würde ich sagen, wir müssen von vorne beginnen und uns fragen: ‚Was wollen wir erreichen?‘. ‚Wie erreichen wir Luftüberlegenheit in einem umkämpften Umfeld?‘ könnte man die Frage stellen. Eine andere Möglichkeit wäre: ‚Wie bauen wir eine bemannte Kampfflugzeugplattform der sechsten Generation?‘ Das ist nicht unbedingt dasselbe.“