Zieht die Ukraine Abrams-Panzer von der Front ab? Armee dementiert Bericht
VonKarsten-Dirk Hinzmann
schließen
Laut einem Bericht soll die Ukraine aus Angst vor russischen Drohnen versteckt gehalten werden. Nun äußert sich Kiews Militär zu der Angelegenheit.
Update vom 27. April 2024, 21.03 Uhr: Die 47. Separate Mechanisierte Brigade der Ukraine hat die Meldung der AP über den Abzug von Abrams-Panzern von der ukrainischen Front zurückgewiesen. „Die Panzer leisten auf dem Schlachtfeld hervorragende Arbeit, und wir werden auf keinen Fall vor dem Feind verbergen, was sie dazu bringt, sich zu verstecken. Darüber hinaus werden wir unsere Infanterie nicht ohne starke Feuerunterstützung zurücklassen“, sagte die Einheit, die die amerikanischen Panzer betreibt, laut Kyiv Independent auf Telegram.
Angeblicher Abzug von Abrams-Panzern an der ukrainischen Front
Awdijiwka – „Wir haben in den vergangenen Tagen gesehen, dass die ukrainische Front zunehmend nachgibt und zwar westlich im Raum von Awdijiwka“, hat Markus Reisner aktuell auf n-tv gesagt Dem Oberst des Österreichischen Bundesheeres zufolge hätten Wladimir Putins Truppen die Verteidigung der Ukraine auf eine Tiefe von bis zu zehn Kilometer aufgerollt. Andere Quellen sprechen von nur fünf Kilometern. Das Dilemma daran sei aber, dass die Russen an verschiedenen Stellen der Front einbrächen und der Ukraine den Einsatz ihrer knappen Ressourcen aufnötigten – Ressourcen, die praktisch gar nicht mehr vorhanden seien.
Im Ukraine-Krieg droht eine Sommeroffensive Russlands, und die Ukraine beginnt damit, ihre knappen Westpanzer aus der Front herauszulösen, speziell die besonders schweren amerikanischen Abrams M1A1-Panzer – darüber berichtet jetzt des Institute for the Study of War (ISW) unter Berufung auf eine Meldung der Nachrichtenagentur Associated Press vom 26. April. Von 31 von den USA gelieferten Abrams seien schon fünf außer Gefecht, berichtet AP, vermutlich deshalb würden sie aus der direkten Verteidigung herausgenommen. Das Gefechtsfeld habe sich verändert – dadurch, dass beide Seiten massenhaft Drohnen zur Aufklärung nutzten, sei der Boden glasklar geworden. Die Washington Post zitiert ukrainische Quellen, die von Schwierigkeiten berichten, Freund und Feind am Himmel zu unterscheiden, „da etwa 100 russische und ukrainische Aufklärungs- und Angriffsdrohnen gleichzeitig in einem Umkreis von zehn Kilometern operieren könnten, wie das ISW unter Berufung auf die Post schreibt.
Die Ruine der ukrainischen Hoffnung: ein zerstörter Abrams-Panzer als Relikt der schweren Kämpfe rund um Awdijiwka. Fünf US-amerikanische Kampfpanzer sollen inzwischen verloren sein.
Insofern scheint das Gefechtsfeld aktuell unübersichtlich geworden zu sein – die gegenseitige, fast lückenlose Aufklärung lähmt offenbar die Kräfte beider Seiten. Tarnen und Täuschen seien wieder zu den Generaltugenden einer modernen Armee zu zählen, erklärte beispielsweise Oberstleutnant Martin Winkler, Leiter des Sachgebietes „Auswertung“ im Kommando Heer, im Bundeswehr-Podcast Nachgefragt. Bei den Einsätzen beispielsweise in Afghanistan oder Mali waren Armeen im Gegenteil darum bemüht, wie Winkler sagte, „offen Präsenz zu zeigen und zu stabilisieren“. Das könnte in kommenden militärischen Konflikten überholt sein, das Gefechtsfeld wird gläsern werden. Umso wichtiger sei das Legen falscher Fährten beziehungsweise das Vermeiden eigener Spuren.
Der Abrams M1A1 ist allerdings zu groß, um irgendwo zu verschwinden, mittlerweile ist auch das reine Auflösen von Fahrzeug-Konturen viel zu wirkungslos, moderne Drohnen orientieren sich an Wärmeabstrahlungen oder elektronischen Signaturen, die vom Fahrzeug ausgingen. Allerdings berichtet AP auch von Kritik am Einsatz der Westpanzer in der Ukraine: Die Nachrichtenagentur zitiert einen Mitarbeiter des US-Verteidigungsministeriums, wonach die ukrainischen Verteidiger keine Taktiken angewandt hätten, „die die Panzer effektiver hätten machen können“. Kritik am ineffektiven Einsatz der Westpanzer ist immer wieder aufgeflammt.
Misslungener Einsatz des Abrams: Kritik an der Taktik der Ukraine
Die Bundeswehr-Doktrin beispielsweise spricht vom Gefecht der verbundenen Waffen, also dem koordinierten Miteinander von schweren Panzern, Schützenpanzern mitsamt Grenadieren und weitreichender Artillerie. Häufig werden die schweren Kampfpanzer des Westens aber selbst als Artillerie eingesetzt, und so bleibt ihre Mobilität ungenutzt – beispielsweise die des britischen Challenger. Die ukrainischen Soldaten im Umkreis von Robotyne haben dem Magazin Forbes gegenüber erklärt, sie setzten vor allem auf das, was der britische Bolide vermeintlich am besten kann – Angst machen. Sie feuern deshalb aus Stellungen am Waldrand auf mehrere Kilometer entfernte russische Befestigungen. Gegnerische Panzer blieben ohnehin auf Distanz – russische Raketen, Drohnen und Artillerie seien dagegen die eigentliche, ständige Bedrohung, wie die Soldaten sagten.
Unter Berufung auf das ukrainische Magazin Armyinform berichtet das ISW davon, dass einige frontnahe Einheiten 70 bis 90 FPV-Drohnen (First-Person-View) pro Tag entdeckten, sie aber zum Teil ziehen lassen müssten, weil die Munition fehle; zudem seien manche russischen Drohnen bewaffnet mit Sprengstoff, die erst nach einem Abschuss durch die Ukraine explodierten. Zu allem Überfluss fehlen den ukrainischen Verteidigern offenbar auch die Mittel der elektronischen Kriegführung, um die russischen Drohnen in einer erheblichen Anzahl zu stören und dadurch vom Kurs abzubringen.
Mit dem Rücken an der Wand: Ukraine wird vermutlich Gebiete an Russland einbüßen
Mitte vergangenen Jahres hatte der ehemalige US-General Ben Hodges gegenüber dem Magazin Defense Express in Aussicht gestellt, dass die westlichen Kampfpanzer zusammen mit gepanzerten Fahrzeugen und der westlichen Artillerie das Potenzial hätten, die Minensperren der eingegrabenen Russen zu knacken – darauf verweist nochmal der Tagesspiegel, der ebenfalls Mitte vergangenen Jahres berichtet hatte, dass die Ukraine mit 1.500 Panzern die Zahl der russischen Panzer um mehr als 100 Stück übertrumpfen würde – Moskaus Flotte solle dem Bericht zufolge zu dem Zeitpunkt bereits halbiert gewesen sein. Zuvor hatte der Branchendienst Bloomberg davon berichtet unter Bezug auf den „Ukraine Support Tracker“ des Kieler Instituts für Weltwirtschaft.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Dessen ungeachtet steht die Ukraine aktuell mit dem Rücken an der Wand – tatsächlich ist auch in den weiteren Hilfspaketen des Westens keine Rede von weiteren Panzern. Die Ukraine erhält auch aus den USA vornehmlich Verstärkungen für ihre Artillerie beziehungsweise ihre Luftabwehr. Bereits vor einem halben Jahr hatte die Nachrichtenagentur Reuters das Einfrieren des Konflikts thematisiert. Das Washingtoner ISW greift diese Idee wieder auf und zitiert US-Beamte mit dem Gedanken des „freezing the lines“, also dem Verharren auf aktuellen Positionen. Laut ISW ist fraglich, ob die jüngsten Waffenlieferungen aus den USA ausreichten, um den ukrainischen Verteidigern eine nennenswerte Vorwärtsbewegung zu ermöglichen und ihr Territorium vollständig von den Russen wiederzugewinnen.
Russlands Gegenoffensive: unaufhaltsam, verlustreich, aber ohne nachhaltigen Erfolg
Die Gegenoffensive hat inzwischen tatsächlich Russland angetreten, wenn auch äußerst kleinschrittig, wie das ISW darstellt: „Die russischen Streitkräfte werden nordwestlich von Awdijiwka voraussichtlich weiterhin taktische Gewinne erzielen, es ist jedoch unwahrscheinlich, dass diese Gewinne zu einer operativ bedeutsamen Durchdringung führen, geschweige denn zum Zusammenbruch der ukrainischen Verteidigung westlich von Awdijiwka führen.“ Neben weiteren Frontabschnitten in der Donezk-Region scheint das Hauptangriffsziel der Russen aktuell die Stadt Tschassiw Jar zu sein – auch dort unter Einsatz von Drohnen; das ISW spricht davon, dass sich russische Drohnen immer schwerer durch die ukrainische Elektronische Kriegführung beirren ließen.
Eine anonyme Quelle hat der Ukrainska Prawda nun berichtet, dass die Russen offenbar umgestellt hätten: von Angriffen mit Artillerie auf Angriffe mit Drohnen „Sie jagen uns rund um die Uhr mit FPV-Drohnen. Es gibt so viele dieser verdammten Drohnen, dass wir sie ohne EW (Electronic Warfare) einfach nicht ausschalten können“, sagt der in Richtung Kupjansk stehende Kämpfer der Prawda. Offenbar unterlässt die Ukraine im Moment ihre Anstrengungen, die russischen Drohnen durch Anpassung ihrer Frequenzen abzuwehren, weil sie den Einsatz der erneuten US-Militärhilfe abwarten wolle.
„Das Muster, dass eine Seite einen flüchtigen technologischen Vorteil nutzt, um unmittelbare Bodenoperationen zu unterstützen, solange diese andauern, wird wahrscheinlich zu einem charakteristischen Merkmal dieser Art von Konflikten werden.“
Das ISW schreibt über dessen Beobachtung, dass die russischen Streitkräfte offenbar dabei sind, ihre Drohnentechnologie und -taktiken an Brennpunkten der Front zu einem Wettrüsten auszugestalten, um wettzumachen, was die Ukraine an technologischen Improvisationen versucht, um Russlands Überlegenheit an Material auszugleichen: „Das Muster, dass eine Seite einen flüchtigen technologischen Vorteil nutzt, um unmittelbare Bodenoperationen zu unterstützen, solange diese andauern, wird wahrscheinlich zu einem charakteristischen Merkmal dieser Art von Konflikten werden.“
Ein Kampfpanzer wie der Abrams kann in diesem technologischen Wettlauf insofern ohnehin kaum mithalten.