Inzwischen ein alltägliches Bild an den verschiedenen Frontabschnitten: Ein zerstörter russischer Panzer, rund 30 Kilometer westlich von Kiew. (Archivbild) Russland blutet heftig aus.
Die Ukraine zerstört Panzer auf Panzer – immer neue Rekord-Zahlen, aber Russland ist zäh. Experten trauen dem Land eine Aufrüstung im Eiltempo zu.
Awdijiwka – Andrew Perpetua ist baff – auf X (vormals Twitter) schreibt er: „Das sind die Verluste des heutigen Tage: 100 Stück. Die größte Menge, die ich je an einem Tag gezählt habe.“ Der Analyst Perpetua addiert die Fahrzeugverluste beider Parteien im Ukraine-Krieg und veröffentlicht täglich Listen davon auf seinem Kanal. Die erschreckend hohe Zahl traf ihn am Sonnabend (3. Februar).
Danach verlor Russland an diesem Tag mindestens 54 Fahrzeuge. Weitere 16 wurden beschädigt. Die ukrainischen Verluste waren anscheinend gering: neun Fahrzeuge wurden zerstört, zurückgelassen oder erbeutet und weitere 21 beschädigt. Forbes verführt das zu der Aussage: „Dieser Sonnabend war für Moskau einer der schlimmsten Kriegstage.“
Forbes geht noch weiter: „Die Uhr tickt. Dem Kreml könnten in sechs Monaten die Kampffahrzeuge ausgehen.“
Ein paar Tage zuvor hatten die Truppen Wladimir Putins an einem Mittag gleich eine ganze Kolonne auf einen Schlag verloren. Aufnahmen in sozialen Netzwerken zeigen den Angriff ukrainischer Drohnen auf einen gepanzerten russischen Konvoi – dabei sollen alle Fahrzeuge zerstört worden sein; darunter drei Kampfpanzer, ein Schützenpanzer und sieben gepanzerte Fahrzeuge. Sie marschieren in der Mittagszeit ohne jegliche Deckung oder infanteristische Unterstützung beziehungsweise ohne Überwachung des Luftraumes. Ihr Ziel soll laut Angaben von Bild gewesen sein, den umkämpften Ort Nowomichajliwka südlich zu flankieren und zur strategisch wichtigen Straße nach Wuhledar vorzustoßen. Ziel waren offenbar Stellungen der 72. mechanisierten Infanteriebrigade der Ukraine.
Russland geht unbekümmert mit Verlusten um – was kaputt ist, bleibt einfach stehen
Aus dem Vollen kann Russland längst nicht mehr schöpfen – die Ukraine zerstört offenbar schneller, als Putin nachzurüsten imstande ist. Allerdings sind die Verluste in der militärischen Taktik Russlands eingepreist: Russen denken bei Mensch und Material immer im Verband und geben wenig auf den einzelnen Menschen oder das einzelne Fahrzeug; allerdings sind manche der gezählten Verluste an Fahrzeugen lediglich vorübergehend aus dem Gefecht: „Die Russen gehen davon aus, dass sie über kurz oder lang ohnehin weiter nach vorn marschieren; insofern steigen Besatzungen getroffener Panzer einfach aus und in den nächsten wieder hinein. Das Wrack lassen sie stehen in dem Bewusstsein: Irgendwer wird sich schon darum kümmern“, sagt Ralf Raths. Der Historiker ist Direktor des Deutschen Panzermuseums in Munster.
Während der ersten beiden Kriegsjahre verloren die Russen nach Angaben der Analysten von Oryx monatlich rund 80 Schützenpanzer. Würde diese Verlustrate bis in das laufende Jahr anhalten und gleichzeitig die Produktion neuer Schützenpanzer stabil bei 30 bis 40 pro Monat bleiben, wären dem Kreml in etwa zwei Jahren die Kampffahrzeuge ausgegangen, prophezeit Forbes. Also vermutlich 2026. Prekär wird die Lage, wenn Russland immer mehr Fahrzeuge an die Ukraine verliert – und das vielleicht in einem schnelleren Tempo als zuvor. Laut Perpetuas Sonntagsbilanz verloren sie an einem anderen einzigen Tag 13 Schützenpanzer auf Ketten – plus zusätzliche radgestützte Schützenpanzer.
Russland wird wahrscheinlich schneller als erwartet am Ende ihrer technischen Kräfte sein
Journalist David Ax reibt sich die Augen: „Das impliziert eine monatliche Verlustrate an Schützenpanzern von fast 400 Stück. Also fünfmal so viel wie die Rate, die wir in den vorangegangenen Jahren beobachtet haben. Ohne Änderung der Lage zu Putins Gunsten wird Russland keine Fahrzeuge für weitere zwei Jahre Krieg mehr stellen können.“
Deutsche Quellen gliedern die Liste verloren gegangenen russischen Kriegsgeräts in vier Kategorien: „zerstört“, „beschädigt“, „aufgegeben“ und „erobert“; zerstörte Fahrzeuge kommen auf 1.776 Einheiten, beschädigte auf 644, aufgegebene auf 723 und vom Feind intakt eroberte auf 2.933 Einheiten; ein Verlust an Kampfkraft von insgesamt 14.265 Einheiten – die Zahlen von Oryx stimmen damit überein, andere Quellen liegen tatsächlich auch nur sehr rudimentär vor.
Die Zahlen werden ermittelt aufgrund ausgewerteter Satellitenbilder – und sind offenbar Zeugen der richtigen Taktik der Ukraine, wenn auch der erhoffte Erfolg der Gegenoffensive bisher ausgeblieben ist. Am Beispiel Awdijiwka erklärt der deutsche Politikwissenschaftler Carlo Masala im Hamburger Abendblatt, dass die Ukraine sich dafür entschieden hatte, Awdijiwka so lange wie möglich zu halten, damit Putins Truppen weitestgehend ausbluten. Masala rechnet stündlich mit einem „taktischen Rückzug“, wie er sagt, aus der Stadt. Allerdings kämpfen auch die Russen weiter verbissen um die Stadt, ohne dass ihr große taktische Bedeutung beigemessen wird – sie steht als Symbol für das gegenseitige Kräftemessen.
Silberstreif am Horizont für die Ukraine: Verluste an Gelände halten sich in Grenzen
Die noch bessere Nachricht für Freunde der freien Ukraine sei, laut Medienberichten, wie viel Boden die Ukrainer verlieren, wenn sie russische Angriffsverbände zerstören: sehr wenig. An einem ihrer verlustreichsten Kriegstage rückten die Russen im heftigsten Abschnitt der Front – rund um Awdijiwka – hundert Meter im Süden und rund 1.000 Meter im Norden vor. Allerdings tauchen Meldungen über ein Schrumpfen der russischen Möglichkeiten immer wieder mal auf. Beispielsweise hatte der Tagesspiegel bereits Mitte August vergangenen Jahres gemutmaßt, Russland kämpfe demnächst mit der letzten Patrone – was dann aber doch nicht gestimmt hat.
Laut der damals vorliegenden Bilder sollte Russland aus einem Militärdepot in Sibirien Hunderte alter Sowjetpanzer abgeholt haben. Fünf Monate vor Beginn des russischen Angriffskrieges seien auf dem Depot nahe der Stadt Ulan-Ude – das sich wohl auf mehr als zehn Quadratkilometer erstreckt – noch etwa 3.840 Panzer und Fahrzeuge aus der Sowjetunion gelagert worden, wie die Moscow Times behauptet hatte. Im November 2022 sollen sich auf dem Geländelediglich noch etwa 2.600 Militärfahrzeuge befunden haben. Satellitenbilder, die von der Kartenplattform Google Maps genutzt werden, zeigen größere Lücken zwischen der übrigen Ausrüstung. Ob die Fahrzeuge an die Front geschickt wurden oder als Ersatzteilspender genutzt wurden, ist unklar.
Nach dem ersten Kriegsjahr sollten Wladimir Putins Truppen geschätzt noch mehr als 12.000 Kampfpanzer besessen haben, eine Zahl, die die Nato deutlich toppt, mit den modernen Fahrzeugen. Anhand der aktuellen Entwicklung darf deshalb auch leise bezweifelt werden, inwieweit Russland militärisch in der kommenden Zeit wieder Fuß fassen kann; völlig unabhängig vom Ausgang des Ukraine-Krieges.
Nato-Oberbefehlshaber Christopher Cavoli schwört allerdings Stein und Bein, dass Russland nach dem Kriegsende und einer Pause des Nachrüstens gestärkt wieder in Europa auftauchen wird, wie ihn das Hamburger Abendblatt zitiert: Binnen fünf Jahren nach Kriegsende könne ein aggressives Russland seine Armee nicht nur auf den alten Stand bringen, sondern sogar zu einer größeren und leistungsfähigeren Streitmacht ausbauen. Dazu gehöre ein Modernisierungsprogramm mit neuen Technologien, das dem Westen Sorgen machen müsse – „von der Hyperschallgleitwaffe Avangard, die Atombomben mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit und unberechenbarem Kurs ins Ziel trägt, bis zur atomgetriebenen Unterwasserdrohne Poseidon, die radioaktive Tsunamis auslösen könnte. Das Thema Panzer lässt Cavoli allerdings aus. Die möglichen riesigen Panzerverbände des Kalten Krieges sind wohl von der aktuellen Kriegsdynamik überholt worden.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Forbes bewertet allerdings lediglich die aktuelle Gefechtslage und sieht sich ermutigt, einen Silberstreif am Horizont auszumachen, wie David Ax schreibt: Er geht davon aus, dass auch aufseiten des russischen Generalstabs noch ein Fünkchen Vernunft waltet: „Kein rationaler und moralischer Befehlshaber würde viele gepanzerte Fahrzeuge und Hunderte von Soldaten für ein paar hundert Meter Geländegewinn eintauschen.“
Allerdings kann Blogger Peretua wohl in seinen Tabellen kaum Anlass für diese Hoffnung entdecken – abgesehen von diesem für die Ukraine besonders günstigen Tag. Russland kann immer noch nachlegen. Die Fakten sprechen für sich. (Karsten Hinzmann)