„Massenproblem“: Polizeigewerkschaftschef warnt vor Drohnen über Deutschland – und fordert Abwehrsystem
VonPeter Sieben
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Seit Tagen herrscht Drohnenalarm in Skandinavien. Deutschland will seine Drohnenabwehr verbessern – doch dafür braucht es ein einheitliches System, sagen Experten.
Berlin – Die neue Bedrohung ist klein und unauffällig: Immer neue Drohnensichtungen sorgen seit Tagen für Alarmbereitschaft in Europa. Zuletzt hatten Sichtungen unbemannter Flugobjekte unter anderem über Militärstandorten in Dänemark und Norwegen zu Flughafensperrungen geführt. Beide Länder vermuten, dass Russland hinter den Drohnenüberflügen steckt. In Polen schoss die Luftwaffe vor wenigen Wochen gar russische Drohnen ab, die den Luftraum verletzt hatten.
Auch in Deutschland gibt es immer wieder Drohnenüberflüge. Die Bundesregierung will nun eine stärkere Vernetzung der Abwehranstrengungen. „Russland wird für die Nato mehr und mehr zur Gefahr“, warnte Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) am Montag auf dem Warschauer Sicherheitsforum. Und Innenminister Alexander Dobrindt kündigte an, die Drohnenabwehr in Deutschland ausbauen zu wollen. Der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Alexander Throm, sagte im Interview mit dem Münchner Merkur von Ippen.Media zu den vermehrten Drohnenüberflügen: „Das ist eine ernsthafte Bedrohung und Teil der hybriden Attacken aus Russland, zu denen auch Cyberangriffe und Desinformationskampagnen gehören.“ Es gehe jetzt darum, Zuständigkeiten bei der Drohnenabwehr klar zu definieren.
Drohnen aus Russland über Dänemark, Norwegen und Deutschland: „Geld und Technik fehlt“
Allerdings ist die Bekämpfung von Drohnen in Deutschland derzeit noch eine komplizierte Angelegenheit. Grundsätzlich ist die Bundeswehr dafür zuständig, solche Fluggeräte unschädlich zu machen – aber auch die Bundespolizei sowie die Polizei in den Bundesländern. Während die Bundespolizei über entsprechende Ausrüstung verfügt, haben die meisten Polizeibehörden in den Ländern aber kaum ausreichende Technik, um Drohnen abfangen zu können.
Jochen Kopelke, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), fordert ein bundesweites Drohnenabwehrsystem für alle Polizeibehörden. „Die Polizei kann mit der richtigen Technik und Ausrüstung auch heute schon Veranstaltungen gegen Drohnen schützen. Leider kann nicht jede Polizeibehörde in Deutschland diesen Schutz bieten, weil Geld und Technik fehlt“, sagte Kopelke im Gespräch mit dem Münchner Merkur.
„Weil Drohnensichtungen und Drohnenspionage aber massiv zugenommen haben, müssen alle Polizeibehörden diese Fähigkeit haben, weil es ein Alltagsproblem und Massenproblem geworden ist“, so der GdP-Chef. Und weiter: „Am dringendsten brauchen wir ein erprobtes funktionierendes Drohnenabwehrsystem, das alle Polizeibehörden nutzen und das sofort einsatzfähig ist.“ Bundesinnenminister Alexander Dobrindt müsse diese Technik jetzt beschaffen „und seine führende Rolle ernst nehmen“, so Kopelke. „Unternehmen können bestimmt nach Auftrag zügig liefern und die Polizei stellt ein Ausbildungskonzept. So sind wir schnell handlungsfähig und schützen auch kritische Infrastruktur und andere Orte“, sagte der Gewerkschafter.
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Es gibt aktuell unterschiedliche technische Möglichkeiten, Drohnen auszuschalten. Neben einem physischen Abschuss ist auch ein Unschädlichmachen etwa durch Störsender möglich. Auch Laserkanonen, die Laserimpulse mit hoher Energie auf die Drohnen feuern, werden für die Abwehr eingesetzt. Israels Armee etwa nutzt Systeme mit der Bezeichnung „Iron Beam“ (Eiserner Strahl). Der deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall entwickelt unterdessen das System Ultra-SHORAD (Abkürzung für Short-Range-Air-Defence), das über eine KI-gesteuerte Zielerfassung verfügt.
Verena Jackson, Senior Researcher am Center for Intelligence and Security Studies (CISS) der Universität der Bundeswehr München, sprach angesichts der Drohnensichtungen in Skandinavien zuletzt von „Mosaiksteinen in einem größeren Bild hybrider Bedrohungen“: „Jeder einzelne wirkt harmlos, doch zusammen ergeben sie ein Muster, das die Verwundbarkeit Europas deutlich sichtbar macht“, so Jackson. Drohnenüberflüge wie zuletzt über Dänemark und Norwegen hätten vor allem den Zweck, Unsicherheit zu erzeugen, Abläufe zu stören und Vertrauen in die Sicherheit zu untergraben. „Auch wenn bisher keine physischen Schäden entstanden sind, machen diese Ereignisse deutlich, wie verletzlich wir sind“, sagte Jackson.