VonAlexander Eser-Rupertischließen
Der Brexit verschärft offenbar den Notstand im ohnehin schwer angeschlagenen britischen Gesundheitssystem: Es fehlen womöglich tausende Ärzte.
London – Das britische Gesundheitssystem NHS ist in einem katastrophalen Zustand, auf Behandlungen warten Patienten oft Wochen, nicht selten viele Monate und bisweilen ein Jahr. Die Krise wird offenbar durch den Brexit verschärft: Aktuelle Studien zeigen laut britischem Guardian, dass mehr als 4000 europäische Mediziner sich seit dem Austritt Großbritanniens aus der EU entschieden haben, nicht im NHS zu arbeiten. Für Rishi Sunak und sein Kabinett ist das eine Hiobsbotschaft – besonders jedoch für die britische Bevölkerung, die meist auf dringend benötigte medizinische Behandlungen warten muss.
Folgen des Brexits: Austritt aus der EU sorgt für drastischen Ärztemangel in Großbritannien
Aktuelle Berichte des Guardian werfen ein Schlaglicht auf die Situation im britischen Gesundheitswesen. Das staatliche Gesundheitssystem NHS (National Health Service) ist in einem desaströsen Zustand, Rishi Sunak hat sich die Verbesserung der Situation auf die Fahnen geschrieben – eine der vielen Herkulesaufgaben, die auf ihn warten. Allerdings: Gegen die Unterfinanzierung wird auch der neue Premier wohl kaum etwas tun. Wie schlecht die Lage wirklich ist, zeigen aktuelle Berichte: Offenbar fehlen tausende Ärzte verschiedenster Fachbereiche, während sich seit Großbritanniens EU-Austritt zahlreiche Mediziner gegen den Schritt auf die Insel entscheiden. Das medizinische Personal in Großbritannien dezimiert sich, auch das ist eine der Brexit-Folgen.
Die Denkfabrik Nuffield Trust legt dabei offen, dass der Notstand beim NHS in Großbritannien auch besonders sensible Fachbereiche umfasst: Personalnotstand gibt es dem Think-Tank zufolge vor allem bei Herz- und Lungenexperten, Psychiatern, Kinderärzten und Anästhesisten. Der Austritt Großbritanniens aus der EU hat die bürokratischen Hürden für eine Tätigkeit auf der Insel deutlich erhöht, das schreckt viele Medizinerinnen und Mediziner aus dem Ausland ab. Derweil gibt es Gerüchte über angebliche Diskussionen der Tories bezüglich ihres Verhältnisses zur EU – Sunak dementiert dies indes.
Was bedeutet Brexit? Laut Studie eine Differenz von fast 4300 Ärzten in Großbritannien
Der Austritt aus der EU war für viele Britinnen und Briten eine vage Vorstellung, doch was bedeutet Brexit tatsächlich? Offenbar im medizinischen Sektor tausende Ärzte weniger, geht man nach der Denkfabrik Nuffield Trust. Sie erklärt, im Jahr 2021 hätten noch etwa 37.000 Ärztinnen und Ärzte aus europäischen Ländern in Großbritannien gearbeitet. Der Brexit wiederum soll dazu geführt haben, dass sich der „Anstieg des Personals aus der EU“ und anderer Länder der Europäischen Freihandelsassoziation (Efta) „verlangsamt“ habe. Laut Nuffield Trust wären ohne den Brexit heute rund 41.300 europäische Ärzte in Großbritannien tätig, was wiederum 4300 mehr wären, als jetzt. Allein in England fehlen über 10.500 Ärzte.
Einer der Hintergründe: Durch den Austritt aus der EU benötigt medizinisches Fachpersonal aus dem Ausland inzwischen ein Arbeitsvisa für die Tätigkeit im Vereinigten Königreich. Das wiederum ist nicht nur mit hohem bürokratischen Aufwand verbunden, sondern auch mit hohen Kosten. Zahlreiche Ärztinnen und Ärzte entscheiden sich daher gegen eine Betätigung auf der Insel. Die Lücke schnell zu schließen, ist ohne Kräfte aus dem Ausland nicht möglich. Besonders drastisch erkennbar sind die Brexit-Auswirkungen in der Pflege: Kamen 2015/16 noch 9389 Krankenschwestern und Hebammen aus der EU nach Großbritannien, waren es 2021/22 nur noch 663. Die Zahl von Fachkräften aus Indien oder von den Philippinen stieg indes.
Der National Health Service (NHS) steck in der Krise – Streiks erwartet
Der National Health Service (NHS) steckt in einer tiefen Krise, die (verbliebenen) Beschäftigten müssen sich in einem chronisch unterfinanzierten und unterbesetzten Gesundheitswesen behaupten. Die Entlohnung dafür ist dürftig, deshalb sind in Großbritannien für Dezember Streiks für höhere Löhne angekündigt. Im Vereinigten Königreich, wo viele aus finanziellen Gründen auch im Winter nicht heizen wollen, wird die Krise besonders deutlich – Millionen Menschen droht die Armut.
Rishi Sunak will derweil das Netz chirurgischer Fachzentren und kommunaler Diagnostikzentren ausbauen, um Wartezeiten zu verkürzen. Ohne deutlich bessere Bezahlung der Angestellten und eine Ausweitung der finanziellen Mittel wird sich die Krise des Gesundheitswesens allerdings kaum in den Griff kriegen lassen, nur: Es bleibt zu bezweifeln, dass ausgerechnet Rishi Sunak die Ausgaben in diesem Feld erhöhen wird.
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