Auswirkungen auf Landtagswahl?

Mettbrötchen und geringer Erkenntnisgewinn: Das TV-Duell zwischen Höcke und Voigt

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Im Privatsender Welt TV duellieren sich der AfD-Politiker Björn Höcke und Mario Voigt von der CDU. Der Erkenntnisgewinn ist gering.

Berlin – Es hat dann alles doch länger gedauert als gedacht. Eigentlich sollte das Fernseh-Duell zwischen Björn Höcke und Mario Voigt schon nach einer Dreiviertelstunde vorbei sein. Doch nach dieser Zeit war nicht viel mehr geklärt als die Tatsache, dass offenbar niemand im Fernsehstudio wusste, wie man den Nachnamen der Bundestagsvizepräsidentin Aydan Özoguz korrekt ausspricht. Und dass sich Björn Höcke offenbar an einige Zitate aus seinen Büchern nicht recht erinnert oder erinnern will. Aydan Özoguz sprach er vor einigen Jahren nämlich noch das Recht ab, in Deutschland zu leben. Am Donnerstagabend konnte er sich angeblich nicht mal daran erinnern, wer sie ist.

Zuvor gab es noch einen bizarren Schlagabtausch über den korrekten Begriff des Mettbrötchen – so schräg begann die schon im Vorfeld viel diskutierte Fernsehdiskussion zwischen dem AfD-Politiker Höcke und dem CDU-Politiker Mario Voigt. Klar, dass man da nicht nach 45 Minuten aufhören konnte. Am Ende wurden es 71 Minuten. Sehr lange 71 Minuten.

Björn Höcke (l.) AfD-Chef im Thüringer Landtag und Mario Voigt, CDU-Vorsitzender in Thüringen, im TV-Duell.

TV-Duell mit Höcke – AfD-Landtagschef schwach bei kritischen Fragen

Hinterher wurde auf dem gleichen Sendeplatz dann hin- und hergestritten, wer das Duell gewonnen hat. Wer mit Sicherheit nicht gewonnen hat: Politikinteressierte Zuschauer:innen, die tatsächlich auf eine Debatte gewartet haben. Womöglich sogar über Thüringer Landespolitik. Stattdessen ging es um Europapolitik, natürlich das Migrationsthema und über Erinnerungskultur. Das lag auch daran, dass die Fernsehsendung am 11. April stattfand, dem Jahrestag der Befreiung des KZ Buchenwald. Der Termin war daher scharf kritisiert worden, neben der Tatsache, dass die Sendung dem rechtsextremen Höcke eine bundesweite Bühne bot.

Doch der präsentierte sich streckenweise erstaunlich schwach und zwar immer genau dann, wenn die Moderatoren Tatjana Ohm und Jan Philipp Burgard ihn tatsächlich mal mit kritischen Fragen in die Zange nahmen. Die beiden Welt-Journalisten hatten dazu aber erst in der zweiten Hälfte der Sendung dein Mut gefasst, wohl auch ein Grund für die Überziehung der Sendezeit.

Voigt in der Defensive – Höcke übernimmt im TV-Duell die meiste Redezeit

Höcke und Voigt stiegen beide aggressiv in den Abend ein und verhakten sich sofort beim Thema Europa. Höckes Satz, die EU müsse sterben, damit Europa leben könne, hatte den Anstoß zur Sendung gegeben. Voigt und Höcke hatten sich darüber auf Twitter (jetzt X) gestritten. Der Privatsender Welt bot dann mit seiner Sendung eine weitere Plattform an, die in den vergangenen Tagen eifrig beworben wurde.

Im Fernsehstudio geriet Voigt dann schnell in die Defensive. Höcke übernahm, ohne dass ihm Einhalt geboten wurde, einen Großteil der Redezeit. Mit durchaus steilen Thesen, wie jener, dass Großbritannien vom Brexit wirtschaftlich profitiert habe. Das Problem bei solchen Sendungen: Hier kann jeder selbstbewusst behaupten, was er will. Den Faktencheck, den der Fernsehsender versprochen hatte, kann man erst am Morgen auf der dortigen Webseite nachlesen. Höcke verwies auf seinen eigenen „alternativen“ Faktencheck, der zeitgleich zur Sendung auf X veröffentlicht werde. So kann eben weiter jeder glauben, was er will. So fragte Voigts Höcke, ob er schon mal einen deutschen Unternehmer getroffen habe, der aus der EU aussteigen wolle. „Ja, natürlich“, behauptete Höcke.

Bittere Erkenntnis - ein innenpolitischer Rückblick auf das Jahr 2023

Seit Januar: Christine Lambrecht gibt das Verteidigungsministerium auf, ihr folgt Boris Pistorius nach, der die Balance zwischen seinem zögerlichen Kanzler und den von Moskau diktierten Notwendigkeiten des Krieges in der Ukraine besser hält. Im Mai holt sich Pistorius mit Carsten Breuer einen neuen Generalinspekteur. Breuer hatte sich als Manager bei der Ahrflut in der Öffentlichkeit bewährt. Bild: T. SCHWARZ/AFP
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April: Die Maskenpflicht wegen Coronaviren-Gefahr wird auch in Arztpraxen beendet. Damit gilt Deutschland de jure als von der Pandemie befreit. Die Viren schwirren natürlich weiter umher, aber nun gelten sie als ähnlich gesundheitsgefährdend wie Grippeviren. Die Corona-Impfung wird zur weiteren Vorsorgeimpfung. Kennt man ja. Und was geschieht nun im Winter? Corona und Grippe melden sich zurück. rut/Bild: imago images
April: Die Maskenpflicht wegen Coronaviren-Gefahr wird auch in Arztpraxen beendet. Damit gilt Deutschland de jure als von der Pandemie befreit. Die Viren schwirren natürlich weiter umher, aber nun gelten sie als ähnlich gesundheitsgefährdend wie Grippeviren. Die Corona-Impfung wird zur weiteren Vorsorgeimpfung. Kennt man ja. Und was geschieht nun im Winter? Corona und Grippe melden sich zurück. rut/Bild: imago images © IMAGO/Revierfoto
Mai: Auch wenn Jahrhundertkabarettist Matthias Beltz weiterhin Recht behält mit Bremen („Da gewinnt die SPD immer, egal welcher Pfft kandidiert“), ist es für die Partei im Jahr 2023 doch ein Grund zur Freude, dass sie die Bürgerschaftswahl wieder gewinnt. Finden auch der rockige Co-Parteichef und Klampfer Lars Klingbeil und der singende Bürgermeister Andreas Bovenschulte mit Shaker. Rock on! bild: Carmen Jaspersen/AFP
Mai: Auch wenn Jahrhundertkabarettist Matthias Beltz weiterhin Recht behält mit Bremen („Da gewinnt die SPD immer, egal welcher Pfft kandidiert“), ist es für die Partei im Jahr 2023 doch ein Grund zur Freude, dass sie die Bürgerschaftswahl wieder gewinnt. Finden auch der rockige Co-Parteichef und Klampfer Lars Klingbeil und der singende Bürgermeister Andreas Bovenschulte mit Shaker. Rock on! bild: Carmen Jaspersen/AFP © AFP
August: Mit dem Bericht über ein antisemitisches Flugblatt sichert die „Süddeutsche Zeitung“ unbeabsichtigt Hubert Aiwangers Freien Wählern in Bayern den Landtagswahlsieg. Bedröppelt steht nun Markus Söders CSU da, die immer glaubte, sie habe die bayrische Volksseele fest im Griff. Söder bleibt zwar Ministerpräsident, aber Juniorpartner Aiwanger rückt immer näher an die Seniorität. Bild: Tobias SCHWARZ/AFP
August: Mit dem Bericht über ein antisemitisches Flugblatt sichert die „Süddeutsche Zeitung“ unbeabsichtigt Hubert Aiwangers Freien Wählern in Bayern den Landtagswahlsieg. Bedröppelt steht nun Markus Söders CSU da, die immer glaubte, sie habe die bayrische Volksseele fest im Griff. Söder bleibt zwar Ministerpräsident, aber Juniorpartner Aiwanger rückt immer näher an die Seniorität. Bild: Tobias SCHWARZ/AFP © AFP
August: Björn Höcke, der faschistische AfD-Chef in Thüringen – und eigentliche Tonangeber bei den Rechtsaußen – hat es in Aussicht gestellt: Nach 2023 befindet sich Deutschland im „Vorbürgerkrieg“. Das lässt sich als nichts anderes denn als Kampfansage an alles Menschliche und Anständige verstehen. Höcke und seine AfD sind nicht die ersten Rechten der Nachkriegszeit, die mit allen Mitteln die Macht ergreifen wollen. Doch die Chancen von Höckes Gefolgschaft sind erschreckend hoch. Im August veröffentlichte Infratest dimap eine Umfrage, wonach 70 Prozent der Befragten in Deutschland gegen Kooperationen mit der AfD auf lokaler und regionaler Ebene nichts einzuwenden hätten. Und Insa legte nach: 33 Prozent der Bundesbürgerinnen und Bundesbürgern wären bereit, die AfD zur stärksten Macht im Deutschen Bundestag zu erheben. Bild: Sascha Fromm/Imago Images
August: Björn Höcke, der faschistische AfD-Chef in Thüringen – und eigentliche Tonangeber bei den Rechtsaußen – hat es in Aussicht gestellt: Nach 2023 befindet sich Deutschland im „Vorbürgerkrieg“. Das lässt sich als nichts anderes denn als Kampfansage an alles Menschliche und Anständige verstehen. Höcke und seine AfD sind nicht die ersten Rechten der Nachkriegszeit, die mit allen Mitteln die Macht ergreifen wollen. Doch die Chancen von Höckes Gefolgschaft sind erschreckend hoch. Im August veröffentlichte Infratest dimap eine Umfrage, wonach 70 Prozent der Befragten in Deutschland gegen Kooperationen mit der AfD auf lokaler und regionaler Ebene nichts einzuwenden hätten. Und Insa legte nach: 33 Prozent der Bundesbürgerinnen und Bundesbürgern wären bereit, die AfD zur stärksten Macht im Deutschen Bundestag zu erheben. Bild: Sascha Fromm/Imago Images © IMAGO/Funke Foto Services
Oktober: Sahra Wagenknecht beweist mit der langwierigen Trennung von ihrer alten Partei, dass nicht nur Männer die Stimmung im Land herunterziehen können. Ob die BSW-Neugründung einer linken oder linkspopulistischen oder radikal linken Partei eine Zukunft hat, muss sich noch weisen. Immerhin hat sie der Linkspartei nun ein historisch vernehmbares Aufatmen ermöglicht. Bild: imago images
Oktober: Sahra Wagenknecht beweist mit der langwierigen Trennung von ihrer alten Partei, dass nicht nur Männer die Stimmung im Land herunterziehen können. Ob die BSW-Neugründung einer linken oder linkspopulistischen oder radikal linken Partei eine Zukunft hat, muss sich noch weisen. Immerhin hat sie der Linkspartei nun ein historisch vernehmbares Aufatmen ermöglicht. Bild: imago images © IMAGO/Emmanuele Contini
Seit Oktober: Die Massaker der Hamas im Süden Israels rufen in Deutschland Schock, Trauer und eine Welle der Solidarität hervor. Sie treiben aber auch Antisemitinnen und Antisemiten aus allen politischen Lagern aus ihren Löchern. Der harte Gegenschlag der Israelis im Gazastreifen befeuert die deutsche Debatte und lässt die Fronten nur noch mehr verhärten. Bild: Carsten Koall/dpa
Seit Oktober: Die Massaker der Hamas im Süden Israels rufen in Deutschland Schock, Trauer und eine Welle der Solidarität hervor. Sie treiben aber auch Antisemitinnen und Antisemiten aus allen politischen Lagern aus ihren Löchern. Der harte Gegenschlag der Israelis im Gazastreifen befeuert die deutsche Debatte und lässt die Fronten nur noch mehr verhärten. Bild: Carsten Koall/dpa © dpa
Christian Lindner, Robert Habeck und Olaf Scholz im Bundestag.
Seit November: Das Bundesverfassungsgericht kippt alle Reformpläne der Ampel-Koalition , weil deren Finanzierung nicht verfassungskonform ist. Nun ist auf der Regierungsbank guter Rat plötzlich sehr teuer – © AFP

Nicht viel Neues: Hat das TV-Duell Auswirkungen auf die Landtagswahlen in Thüringen?

Inhaltlich gab es ansonsten im Grunde nicht viel Neues. Die AfD will Steuern senken und die Einsparungen dafür bei der Abschaffung der Entwicklungshilfe erzielen. Aber nicht ganz, versicherte Höcke. Voigt wiederum präsentierte sich als Thüringer Patriot, der jeden und jede willkommen im Land heißen will, der fleißig arbeitet. Das Bundesland, das seit der Wende 500.000 Menschen verloren hat, brauche die Fachkräfte aus dem Ausland. 

Dann ging es um die Remigration, die Höcke als ganz normalen wissenschaftlichen Begriff bezeichnete. Er erklärte allen Ernstes, dass es in diesem Zusammenhang auch darum gehe, Millionen von Deutschen, die angeblich ins Ausland geflohen seien, ins eigene Land zurückzuholen. 

Um Thüringen, wo am 1. September ein neuer Landtag gewählt wird, ging es nur am Rande. Voigt ist Spitzenkandidat für die CDU, Höcke für die AfD, die in Thüringen vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft und beobachtet wird. In Umfragen liegt die AfD in Thüringen klar vorn, die CDU auf Platz zwei. Ob sich durch die Sendung am Donnerstag etwas geändert hat, ist fraglich.

Rubriklistenbild: © Martin Lengemann/WELT/dts Nachrichtenagentur/IMAGO

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