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Nachdem Prigoschin jahrelang Putins Drecksarbeit verrichtet hatte, steht dem Chef der Wagner-Truppe seine bisher größte Herausforderung bevor: Dem Gefängnis zu entkommen und am Leben zu bleiben.
Minsk - Jewgeni Prigoschin hat im Laufe der Jahre auf brutalste Weise die Drecksarbeit für Russland erledigt: von der Stützung autoritärer afrikanischer Herrscher bis hin zum Angriff der ukrainischen Stadt Bachmut. Nach dem gescheiterten Putschversuch, der das russische Militär herausgefordert und Präsident Wladimir Putin eine schwere politische Krise beschert hat, steht Prigoschin nun vor seiner bislang größten Aufgabe: Am Leben zu bleiben oder dem Gefängnis zu entkommen. Oder beides.
Vier Tage nachdem seine Wagner-Truppe in Richtung Moskau gestürmt war, sagte der weißrussische Machthaber Aljaksandr Lukaschenko, Prigoschin sei in Weißrussland angekommen. Eine unabhängige Bestätigung gibt es dafür nicht.
„Wenn ich Prigoschin wäre, würde ich mir ständig über die Schulter schauen“
Putin traf einst eine klare Aussage: Das Einzige, was er nicht verzeihen kann, ist Verrat. Dies hat er im Laufe der Jahre bereits mehrfach untermauert, wenn er der Meinung war, dass sich einzelne Personen gegen ihn oder die Nation gewandt hatten. Aleksandr Litvinenko, ein ehemaliger Beamter des Bundessicherheitsdienstes, starb in London, nachdem er einem hoch radioaktiven Isotop ausgesetzt worden war. Sergei Skripal - ehemaliger russischer Geheimdienstoffizier und Doppelagent - wäre in Großbritannien beinahe von einem Agenten mit einem Nervengift aus der Sowjetzeit getötet worden.
Auch Prigoschin könnte ein ähnliches Schicksal ereilen: Am Morgen des 24. Juni - nachdem die Wagner-Truppen das Hauptquartier des südlichen Militärbezirks Russlands in Rostow am Don eingenommen hatten - bezeichnete Putin seinen ehemaligen Verbündeten als „Verräter“ und warnte eindringlich vor drohenden Konsequenzen. Nach dem Wagner-Putsch plant Putin offenbar bereits die Säuberung der Militärführung.
Wagner-Gruppe marschiert in Richtung Moskau: Bilder zum Putschversuch in Russland




Auch Thomas Graham, der Mitte der 2000er Jahre als Russland-Direktor im Nationalen Sicherheitsrat des Weißen Hauses fungierte hält eine Vergeltung für realistisch: „Grundsätzlich lässt Putin Verräter nicht glimpflich davonkommen. Ich kann mir also vorstellen, dass Prigoschins Tage gezählt sind.“ Unter Putins Führung haben russische Geheimdienste bereits in der Vergangenheit Attentate gegen „Verräter“ auf ausländischem Boden, darunter auch im Westen, verübt. „Wenn ich Prigoschin wäre, würde ich mir ständig über die Schulter schauen“, sagte er gegenüber RFE/RL. „Belarus wäre nicht der sicherste Ort.“
Prigoschin ist in Weißrussland verwundbar
Dazu kommt erschwerend hinzu, dass russische Agenten sehr leicht nach Weißrussland - ein Verbündeter Russlands - eindringen könnten. Doch die Absichten des Kremls oder der russischen Geheimdienste, wo Prigoschin vermutlich Verbündete und Unterstützer hat, bleiben unklar.
Der Bundessicherheitsdienst FSB gab am 27. Juni bekannt, dass er die Strafanzeige wegen „bewaffneter Meuterei“ gegen Prigoschin- und Wagner-Mitglieder fallen lasse. Angesichts der harten Rhetorik Putins und seiner historischen Verurteilung von Verrätern hielten einige Experten dies für ein Zeichen von Schwäche.
Putins Unterstützung schwindet: Prigoschin in Weißrussland angekommen
Putins Verbündete sagten jedoch, dass dessen öffentliche Unterstützung angesichts der stockenden Invasion in der Ukraine allmählich zu schwinden scheine. Prigoschin selbst wurde seit dem Abend des 24. Juni nicht mehr gesehen, als er die Stadt Rostow am Don verließ. Er veröffentlichte am 26. Juni eine Audiobotschaft auf seinem Telegram-Kanal, in der er sagte, Lukaschenko habe versucht, „Lösungen zu finden, die es der Wagner-Gruppe ermöglichen, ihre Arbeit auf legale Weise fortzusetzen“. Seinen Aufenthaltsort gab er nicht bekannt.
Lukaschenko bestätigte jedoch einen Tag später in einem Gespräch mit belarussischen Militäroffizieren in Minsk, Prigoschin sei im Land angekommen. Am selben Tag landete ein privater Geschäftsjet, den Prigoschin zuvor genutzt hatte, auf einem Militärflugplatz außerhalb der weißrussischen Hauptstadt Minsk. Dabei konnte nicht bestätigen werden, ob der Söldnerführer an Bord der Maschine war.
Setzt Prigoschin sich nach Afrika ab?
„Das Letzte, was [Prigoschin] tun möchte, ist, nach Weißrussland zu gehen und die Kontrolle über Wagner aufzugeben“, sagte Dmitri Alperovitch, ein Russlandexperte und Vorsitzender von Silverado Policy Accelerator, einer in Washington ansässigen Denkfabrik, in einem Podcast vom 26. Juni. „Ich bin mir nicht sicher, ob es tatsächlich so ausgehen wird.“
Somit bleibt die Frage, ob Prigoschin in Weißrussland bleiben oder in ein anderes Land weiterziehen wird. Genannt werden mehrere afrikanische Länder, in denen seine Unternehmen und Soldaten seit Jahren geschäftlich tätig sind. Dort wird bereits ein Massaker durch die Wagner-Truppen befürchtet.
Olga Romanova, eine russische politische Kommentatorin und ehemalige Journalistin, bezweifelte aus Sicherheitsgründen, dass Prigoschin in Weißrussland bleiben würde. „Ich denke, er wird [Belarus] ganz leise verlassen und plötzlich irgendwo in Afrika auftauchen, wenn er überhaupt auftaucht“, sagte sie gegenüber Current Time, einem russischsprachigen Netzwerk. „Ich glaube nicht, dass Prigoschin ein langes Leben führen wird. Er wird ganz bestimmt nicht bis Ende des Jahres überleben.“
„Lukaschenko kann Prigoschin nicht beschützen“
Wie er nach Afrika gelangen würde, ist eine andere Frage. Die Vereinigten Staaten haben die Söldnertruppe sowie eine Vielzahl angeschlossener Unternehmen und Einzelpersonen wegen „Einmischung in und Destabilisierung von Ländern in Afrika, weit verbreiteten Menschenrechtsverletzungen und Aneignung natürlicher Ressourcen“ mit Sanktionen belegt.
Prigoschin selbst wurde 2018 von den USA wegen angeblicher Einmischung in die US-Präsidentschaftswahlen zwei Jahre zuvor angeklagt. Das würde es selbst für ihn mit seinem Privatjet zu einer Herausforderung machen, nach Afrika zu fliegen. „Ich kann mir kaum vorstellen, dass Putin Prigoschin erlauben wird, sich mit seinen Kämpfern in Weißrussland niederzulassen“, sagte Graham. „Warum kann Prigoschin von Weißrussland aus nicht das tun, was er von der Ostukraine aus getan hat? Lukaschenko kann ihn nicht beschützen“, sagte er. Dieser will mit der Aufnahme der Wagner-Söldner offenbar seine eigene Armee stärken.
