Im Anschluss an das Massaker in Southport fördern Falschinformationen über die Identität des Angreifers weitere anti-islamische Ausschreitungen.
London – In Großbritannien überschlagen sich seit dem Amoklauf von Southport die Ereignisse: Läden und Autos brennen aus, Vermummte attackieren eine Unterkunft für Asylbewerber und ein Ende der rechten Gewalttaten ist nicht in Sicht. Der neue Premierminister Keir Starmer (Sozialdemokrat) kündigte nun ein hartes Durchgreifen an.
Auslöser Tagelange Gewalt: Rechtsradikale nutzen Messerattacke von Southport für ihre Zwecke
Zum Hintergrund: Die andauernde Gewalt ist ausgebrochen, nachdem am Montag (29. Juli) im nordwestenglischen Southport bei einem Amoklauf drei Mädchen erstochen und acht weitere Kinder sowie zwei Erwachsene teils schwer verletzt wurden.
Rechtsradikale behaupten, die Behörden verheimlichten die wahre Identität des Angreifers. In sozialen Medien waren Gerüchte gestreut worden, der Täter sei ein muslimischer Asylbewerber. Die Polizei betont, der tatverdächtige 17-Jährige sei in Großbritannien geboren worden. Seine Eltern stammen aus Ruanda.
Kein Ende in Sicht: Randalierer greifen weitere britische Migrantenunterkunft an
Seit dem Vorfall kommt England nicht zur Ruhe. Am Sonntagabend (4. August) wurde eine weitere Unterkunft für Asylbewerber attackiert. Ein Mob bewarf das Hotel in Tamworth nordöstlich von Birmingham mit Gegenständen, berichtete der Sender Sky News. Bereits in der Nacht zu Donnerstag randalierten rechte Mobs in London und in Hartlepool. Allein in der britischen Hauptstadt wurden mehr als 100 Personen festgenommen. Dabei wurden vier Beamte verletzt.
Bei weiteren antimuslimischen Ausschreitungen am Wochenende (3./4. August) wurde laut Sky News eine Unterkunft für Asylbewerber attackiert. Demnach bewarf ein Mob das Hotel in Tamworth nordöstlich von Birmingham mit Gegenständen.
Clips in sozialen Medien zeigten, wie Feuer an einem Teil des Gebäudes gelegt wurde. Dafür gab es keine offizielle Bestätigung. Die Polizei sprach von „gewalttätigen Handlungen des Banditentums“, ein Beamter sei verletzt worden.
Erste Prüfung für neuen Premier: Regierung droht mit hartem Durchgreifen
Die Behörden befürchten auch für den Wochenstart weitere Ausschreitungen und rüsten auf. In zahlreichen Städten riefen Ultranationalisten zu Protesten auf, häufig in der Nähe von Moscheen. Die Regierung des neuen Premierministers Keir Starmer hat ein hartes Durchgreifen gegen Randalierer angekündigt. An die Randalierer gewandt, sagte er: „Ihr werdet es bereuen.“ Es handele sich nicht um Proteste, sondern um rechtsextremes Banditentum ohne jede Rechtfertigung.
Starmers Sprecher teilte mit, die Einsatzkräfte hätten volle Unterstützung, um gegen Extremisten vorzugehen, die Polizisten attackierten und versuchten, Hass zu schüren. Die Ausschreitungen gelten als erste Prüfung für den sozialdemokratischen Regierungschef, der seit einem Monat im Amt ist.
Innenministerin Yvette Cooper verurteilte auf der Plattform X den „kriminellen, gewalttätigen Angriff“: „Vorsätzliches Anzünden eines Gebäudes, in dem sich bekanntermaßen Menschen aufhielten.“
In der nordostenglischen Stadt Middlesbrough marschierte ein Mob durch Wohnviertel und warf Fenster von Autos und Häusern ein, ein Auto wurde angezündet. Mehrere Menschen wurden festgenommen.
Gezielte Angriffe auf Geschäfte von Muslimen: Angst in Großbritannien steigt
Polizei-Staatssekretärin Diana Johnson sagte dem Sender BBC Radio 4, einige Menschen hätten Angst, wegen ihrer Hautfarbe auf die Straße zu gehen. In der nordirischen Hauptstadt Belfast brannten etwa ein Café und ein Supermarkt aus, die von Muslimen betrieben werden. Mehrere Autos wurden angezündet.
Der Lord Mayor von Liverpool, Richard Kemp, machte im Sender Sky News drei Motive aus: „Manche Leute sind verärgert – nicht aus den richtigen Gründen, aber sie sind es –, manche wollen sich einfach nur prügeln und einige wollen lediglich Zigaretten und Geld aus der Kasse klauen.“
Die Polizeivereinigung warnte vor Personalengpässen bei Alltagskriminalität. Beamte müssten abgezogen werden, um die Randalierer im Griff zu haben, sagte die Chefin der Police Federation of England and Wales, Tiffany Lynch, der BBC. Staatssekretärin Johnson betonte hingegen, die Polizei verfüge über ausreichend Ressourcen.
Zu den Protesten – oft nahe einer Moschee oder einem muslimischen Gemeindezentrum – aufgerufen hatte unter anderem der bekannte Rechtsradikale und Gründer der English Defence League, Stephen Yaxley-Lennon, der unter dem Namen Tommy Robinson bekannt ist. Er floh vor einer Woche aus dem Land, nachdem er in einem Fall wegen Verleumdung nicht zu einem Gerichtstermin erschienen war. Aus dem Ausland verbreitet Robinson nun Verschwörungstheorien.
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Verbreitung von Fake News auf Social Media: Polizei weist Falschnachrichten zurück
Die Polizei warnte indes vor Falschnachrichten, mit denen in Chatgruppen für die Teilnahme an den Protesten geworben werde. Die Behörde wies Berichte in sozialen Medien zurück, dass zwei Teilnehmer eines antimuslimischen Marsches im mittelenglischen Stoke-on-Trent niedergestochen worden seien. Zwei Männer seien leicht verletzt worden, als sie von stumpfen Gegenständen getroffen worden seien.
Innenministerin Cooper sagte, Gesetzesbrecher würden einen hohen Preis zahlen. „Gewalttätigkeit hat keinen Platz auf unseren Straßen“, betonte Cooper. Ihr Vorgänger James Cleverly, der Nachfolger von Rishi Sunak als Chef der Konservativen Partei werden will, rief die neue Regierung zu härterem Durchgreifen auf. (bg/dpa)