„Rechts der CSU“

Juden-Witz bei KZ-Besuch und Hitlergrüße – Aiwanger-Mitschüler äußern sich

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Ein ehemaliger Mitschüler meldet sich nun namentlich zu Wort und spricht von Hitlergrüßen im Klassenraum. Ein weiterer Ex-Mitschüler berichtet von „abstoßendem“ Witz beim KZ-Besuch.

München – Die Vorwürfe gegen Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger häufen sich: Der Freie-Wähler-Chef soll in der elften Klasse angeblich ein antisemitisches Flugblatt verfasst und verbreitet haben. Sein Bruder Helmut hatte sich nach der Veröffentlichung als Urheber bekannt. Ein Ex-Mitschüler berichtet namentlich von dem bayerischen Vize-Ministerpräsidenten zu Schulzeiten. Auch ein Weiterer schildert seine Erfahrungen.

„Da wollte er immer mit auffallen“: Aiwanger machte Hitlergrüße und Judenwitze

Drei Jahre lang ging Mario Bauer mit Hubert Aiwanger in am Burkhart-Gymnasium in Mallersdorf-Pfaffenberg in eine Klasse. Während der Zeit habe der Minister ab und zu beim Betreten des Klassenzimmers „einen Hitlergruß gezeigt“, erzählte Bauer dem BR-Format „Report München“. Zusätzlich habe Aiwanger „sehr oft“ Hitler-Reden imitiert. „Da wollte er immer mit auffallen“, sagte Bauer weiter. Witze über Juden und über das Konzentrationslager habe Aiwanger „hundert prozentig“ gemacht.

Viele Mitschüler hätten den Freie-Wähler-Chef damals als „Spinner“ abgetan. „Welche starke Gesinnung dahinter gesteckt hat“ sei Bauer unklar. „Das kann man schwer sagen.“

Weiterer Ex-Mitschüler: Juden-Witz bei KZ-Besuch und „von nationalsozialistischem Gedankengut geprägt“

Auch ein weiterer ehemaliger Mitschüler hat nun seine Erinnerungen an Aiwanger geschildert. Er möchte anonym bleiben. „An einem Abend ist mir sehr stark aufgestoßen, dass er einen Witz über Juden gemacht hat, der mir als sehr abstoßend in Erinnerung geblieben ist“, erzählte er BR24. Das sei bei einer Schulfahrt in eine KZ-Gedenkstätte in der zehnten Klasse in die damalige DDR im Mai 1987 gewesen. „Auch an einen Witz über Kinder in Afrika mit Hungerbauch kann ich mich gut erinnern. Es erschien mir, dass Hubert diese Art von Humor sehr köstlich fand.“

Laut eines Ex-Mitschülers habe Aiwanger bei einem KZ-Besuch einen „abstoßenden“ judenfeindlichen Witz gemacht.

Nach seiner Einschätzung war Hubert Aiwangers politische Orientierung „damals auf jeden Fall deutlich rechts der CSU angesiedelt und von nationalsozialistischem Gedankengut geprägt“, sagte er. Er habe mit weiteren Mitschülern in Kontakt gestanden, die diese Einschätzung teilen. Zudem habe Aiwanger mehrfach abwertende Äußerungen von sich gegeben: „Türkische Mitbürger hat er zum Beispiel als ‚Kanaken‘ bezeichnet, Dunkelhäutige als ‚Neger‘ und Homosexuelle als ‚Schwuchtel‘.“

Der BR24-Redaktion habe der Ex-Mitschüler den vermeintlichen judenfeindlichen Witz wiedergeben können. Aufgrund der Heftigkeit habe sie sich gegen eine Veröffentlichung entschieden.

In den vergangenen Tagen habe der BR sich mit „zahlreichen“ Mitschülern des Freie-Wähler-Chefs unterhalten. Dabei habe es unterschiedliche Einschätzungen gegeben. Nicht jeder habe sich an rechtes Gedankengut erinnern können.

Vorwürfe: Disziplinarausschuss-Lehrer machte Flugblätter öffentlich

Zuvor hatte die Süddeutsche Zeitung (SZ) über das antisemitische Hetzblatt berichtet, das von einem „Freiflug durch den Schornstein in Auschwitz“ als „Preis“ für „Vaterlandsverräter“ sprach. Aiwanger sei damals vom Disziplinarausschuss der Schule zur Verantwortung gezogen worden. Ein ehemaliger Lehrer, der damals dem Ausschuss angehörte, habe sich nach einer Rede des Politikers dazu entschlossen, mit dem Flugblatt zur Zeitung zu gehen. Er wollte anonym bleiben. Bauer ist der Erste, der sich namentlich zu Wort meldete.

Laut eines ehemaligen Mitschülers habe Aiwanger zu Schulzeiten „sehr oft“ Hitler-Reden imitiert.

Hubert Aiwanger bestreitet das Verfassen des Flugblattes. Bei ihm wurden damals ein oder mehrere Flugblätter gefunden. Ob er sie weitergegeben habe, sei ihm „heute nicht mehr erinnerlich“, teilte er in einer Stellungnahme mit. Nach den ersten Vorwürfen bekannte sich sein Bruder Helmut als Verfasser. Geschrieben habe er das Flugblatt aus Wut, eine Jahrgangsstufe wiederholen zu müssen, sagte er der Mediengruppe Bayern.

„Diffamierungsversuche“: Freie Wähler stehen hinter Aiwanger

Im Bericht des BR äußerten sich die Freien Wähler zu den Aiwanger-Vorwürfen: „Der Landesverband der Freien Wähler Bayern, der Vorstand der Freien Wähler Landtagsfraktion sowie alle Kabinettsmitglieder der Freien Wähler stehen geschlossen hinter Hubert Aiwanger. Sie wehren sich gegen alle Diffamierungsversuche und Spekulationen zur Person Hubert Aiwanger.“

Offene Fragen: Söder fordert Aufklärung von Freie-Wähler-Chef

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) fordert in der Zwischenzeit Aufklärung. In einer Pressekonferenz am Dienstag (29. August) hatte er mitgeteilt, 25 offene Fragen schriftlich an Aiwanger gestellt zu haben. „Da darf jetzt nichts mehr dazukommen“, sagte Söder. Aiwanger bleibe aber im Amt als Vize-Ministerpräsident Bayerns. (hk)

Rubriklistenbild: © IMAGO / Smith

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