VonMaximilian Gangschließen
Die Discounter-Kette Penny gibt mit der „Wahre Kosten“-Aktion die Umweltfolgekosten an die Verbraucher weiter. Hubert Aiwanger wittert Diskriminierung.
München – Wiener Würstchen kosten bei der Supermarktkette Penny plötzlich 6,01 Euro statt 3,19 Euro. Käse schlägt mit 4,84 Euro statt mit 2,49 Euro zu Buche. Und auch der Preis für Mozzarella hat sich von einem Tag auf den nächsten beinahe verdoppelt. Die zeitlich begrenzte Aktion „Wahre Kosten“ soll Verbraucher auf die Umweltfolgekosten ihres Konsums aufmerksam machen – und wichtige wissenschaftliche Daten liefern. Beim bayerischen Vize-Ministerpräsident Hubert Aiwanger (Freie Wähler) kommt das gar nicht gut an.
| Bezeichnung | Normaler Verkaufspreis | Wahre Kosten Aufschlag | Wahre Kosten Aufschlag (%) | Wahre Kosten Verkaufspreis |
| Bio-Fruchtjoghurt | 1,19 Euro | 0,37 Euro | 31 Prozent | 1,56 Euro |
| Käsescheiben | 2,19 Euro | 1,51 Euro | 69 Prozent | 3,70 Euro |
| Bio-Mozzarella | 1,29 Euro | 0,63 Euro | 49 Prozent | 1,92 Euro |
| Bio-Würstchen | 3,29 Euro | 2,07 Euro | 63 Prozent | 5,36 Euro |
| Fruchtjoghurt | 1,19 Euro/0,99 Euro (je nach Region) | 0,45 Euro | 38 Prozent/45 Prozent | 1,64 Euro/1,44 Euro |
| Maasdamer Scheiben | 2,49 Euro | 2,35 Euro | 94 Prozent | 4,84 Euro |
| Mozzarella | 0,89 Euro | 0,66 Euro | 74 Prozent | 1,55 Euro |
| Wiener Würstchen | 3,19 Euro | 2,82 Euro | 88 Prozent | 6,01 Euro |
| Veganes Schnitzel | 2,69 Euro | 0,14 Euro | 5 Prozent | 2,83 Euro |
Aiwanger wettert gegen „Wahre Preise“-Aktion von Penny: „Diskriminiert gezielt tierische Lebensmittel“
„[Die] Penny Aktion ‚Wahre Preise‘ diskriminiert gezielt tierische Lebensmittel“, schreibt der Landeswirtschaftsminister auf Twitter. Tatsächlich umfasst die Aktion, die vom 31. Juli bis zum 5. August in allen 2.150 Märkten der Rewe-Tochter in Deutschland durchgeführt wird, fast ausschließlich Tierprodukte. Unter den insgesamt neun Artikeln befindet sich mit einem veganen Schnitzel nur ein Produkt, das nicht in diese Kategorie fällt. Und der Preis des Fleischersatzproduktes steigt nur minimal um 14 Cent.
Penny-Aktion „Wahre Kosten“
► Vom 31. Juli bis zum 5. August fordern alle 2.1500 Penny-Märkte für neun ausgewählte Produkte die berechneten „Wahren Kosten“ als Kaufpreis. Dabei werden auch die für die Lieferketten anfallenden Auswirkungen der Faktoren Boden, Klima, Wasser und Gesundheit auf den Verkaufspreis angerechnet. Berechnet wurden die „wahren Kosten“ von den Wissenschaftlern der Technischen Hochschule Nürnberg und der Universität Greifswald.
► Die zusätzlichen Einnahmen spendet Penny – zusammen mit zusätzlichen 50.000 Euro – an das Gemeinschaftsprojekt „Zukunftsbauer“ von Penny, der Molkerei Berchtesgadener Land, Landwirten und Kunden. Diese soll einen Beitrag zum Klimaschutz und „zum Erhalt der familiengeführten Bauernhöfe im Alpenraum“ leisten.
► Die Supermarktkette Penny möchte mit ihrer „Wahre Kosten“-Aktion nach eigenen Angaben gemeinsam mit der Technischen Hochschule Nürnberg und der Universität Greifswald „die Grundlage schaffen, um die Diskussion über Lebensmittelpreise breiter zu fassen“, teilt das Unternehmen mit.
► Die im Zuge der Aktion gesammelten Daten sollen den Wissenschaftlern dabei helfen, Lösungen aufzuzeigen. „Wir können damit sicher wertvolle Erkenntnisse über Kaufverhalten und Akzeptanz für das Thema gewinnen“, sagte Tobias Gaugler von der Technischen Hochschule Nürnberg.
► „Einen vergleichbar breiten Ansatz hat es in ganz Europa bisher nicht gegeben. Die Wissenschaftsteams und PENNY leisten damit echte Grundlagenarbeit“, sagte Stefan Görgens, der COO von Penny.
Auch, dass kein per Flugzeug importiertes Obst, wie beispielsweise „Weintrauben [...] aus Südafrika“, in der „Wahre Preise“-Aktion mit inbegriffen sind, stößt Aiwanger sauer auf. Doch: Laut einer Stufe des Instituts für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (ifeu) aus dem Jahr 2020 ist der durchschnittliche CO₂-Fußabdruck von Käse rund 14-mal so hoch wie der von Trauben. Auch die Produktion von Fleisch und Joghurt sorgt demnach für eine um ein Vielfaches höhere CO₂-Belastung. Das liegt unter anderem an der Bereitstellung von Futter für die Nutztiere, wie eine Studie im Auftrag des Umweltbundesamts ergab.
Penny Aktion „wahre Preise“ diskriminiert gezielt tierische Lebensmittel Wurst,Joghurt,Käse, die kürzere Wege haben als Weintrauben per Flugzeug aus Südafrika.Zahlt endlich den Bauern hierzulande „wahre Preise“ statt Pennys! Lebensmittel wieder von Metzger/Bäcker/Bauern kaufen!
— Hubert Aiwanger (@HubertAiwanger) August 1, 2023
Aiwanger appelliert an Verbraucher: Kauft Lebensmittel wieder aus erster Hand
Auch einige Nutzer reagierten mit Unverständnis auf die Kritik von Aiwanger. „Wollen Sie nicht endlich mal einsehen, wie schädlich tierische Produkte für die Umwelt sind“, schreibt einer. Der bayerische Landeswirtschaftsminister scheint das anders zu sehen: „Sie meinen die Kühe, die mit ihrem Dung die Pflanzen auf natürliche Art düngen, die Weiden erhalten und in deren Stall die Schwalben brüten?“ Der Appell von Aiwanger: Die Verbraucher sollen Lebensmittel aus erster Hand vom Metzger, Bäcker oder Bauern kaufen, anstatt bei großen Supermarktketten wie Penny.
„Greenwashing-Projekt“: Deutscher Bauernverband kritisiert „Wahre Kosten“-Aktion von Penny
Kritik an der Penny-Aktion „Wahre Kosten“ kommt derweil auch aus der Landwirtschaft – wenn auch aus anderen Gründen. „Die Penny-Aktion zu ‚wahren Kosten‘ ist vor allem ein auf Kosten der Bauern ausgetragenes Greenwashing-Projekt eines Discounters, der sich ansonsten wenig für faire Bepreisung interessiert“, sagte Bernhard Krüsken, der Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes. Auch, dass während des Aktionszeitraumes, die Preise für den Klima-Killer Butter bei Penny sinken, sorgt bei dem Verband für Unverständnis.
Anstelle solcher „aktivistischer Effekthaschereien“ sollte die Rewe-Tochter Krüsken zufolge lieber „die tatsächlichen Leistungen der heimischen Landwirtschaft anerkennen, wertschätzen und vor allem angemessen entlohnen“. Im globalen Vergleich sei die deutsche Lebensmittelproduktion bereits äußerst klima- und ressourcenschonend. „Möchte man effektiv für eine noch nachhaltigere Lebensmittelproduktion sorgen, dann braucht es ein System, mit dem die Aufschläge auch zielgerichtet dort ankommen, wo der Mehraufwand entsteht – auf den landwirtschaftlichen Betrieben“, so Krüsken.
Penny-Kampagne: Greenwashing in Höchstform!
— Deutscher Bauernverband e.V. (@Bauern_Verband) July 31, 2023
"Durch die aktuell laufende Kampagne verunglimpft #Penny jedoch lediglich die heimische Produktion, die im globalen Vergleich bereits äußerst klima- und ressourcenschonend ist", so DBV-Generalsekretär B. Krüsken. pic.twitter.com/3wJ0Z5VxWY
Umfrage: Nur wenige Menschen wollen „wahre Preise“ für Lebensmittel zahlen
In der Kritik steht auch der Zeitpunkt, den Penny für die Aktion gewählt hat: „Der Zeitpunkt ist problematisch, wo der Großteil der Konsumenten unter der immer noch hohen Inflation leidet“, sagte der Marketing-Experte Hans-Willi Schroiff im Gespräch mit focus.de. „Jetzt den Kunden noch die ‚Kosten‘ für die zukünftigen und intangiblen Faktoren aus der Geldbörse zu ziehen, halte ich für schwierig.“ Die Teuerungsrate lag im Juli bei 6,2 Prozent.
Auch bei den Menschen scheint die Penny-Aktion nicht allzu gut anzukommen. Laut einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov mit 3.315 Befragten planen nur 16 Prozent der Deutschen, Produkte zu den „wahren Preisen“ zu kaufen. 44 Prozent planen dies nicht. Am seltensten sagten Befragte ab 55 Jahren, dass sie Aktion unterstützen wollen, mit acht Prozent. Die Umweltschützer von Greenpeace forderten wiederum, dass grundlegendere und langfristigere Maßnahmen ergriffen werden – auch von der Politik. (mg)
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